Politik

Noch ein paar Namen im Köcher Enthüller Greenwald hat Spaß an der Wut

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Seine Tage mit dem Ex-NSA-Mitarbeiter Snowden in Hongkong seien wie in einem Agentenfilm gewesen, sagt der Journalist Greenwald. Und es bleibt spannend: Die Ringe unter seinen Augen zeigen, dass er an neuen Geschichten arbeitet.

Glenn Greenwald muss warten. Zunächst macht Moderator Reinhold Beckmann eine Einführungsrunde mit den anderen vier Gästen, danach ist der US-Journalist dran. "Ihm geht es großartig", berichtet Greenwald über Edward Snowden. Erst am Morgen hatten die beiden in Moskau Abschied voneinander genommen, Snowden hatte dabei ein Selfie gemacht, das Greenwalds Lebensgefährte David Miranda auf seiner Facebook-Seite postete. Es zeigt Snowden, Miranda, Greenwald und die Filmemacherin Laura Poitras, die Greenwald vor einem Jahr nach Hongkong gelotst hatte.

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Seither, seit dem 10. Juni 2013, hatten Snowden, Greenwald und Poitras sich nicht mehr gesehen. In Hongkong sei es wie in einem Agentenfilm gewesen, sagt Greenwald über die Tage, die er mit Snowden und Poitras in der chinesischen Metropole verbrachte und die der Startschuss waren für eine noch immer schier unfassbare Serie an Enthüllungen. Greenwald hat diese Geschichte schon oft erzählt, für sein Buch hat er sie aufgeschrieben - dieses Buch ist der Grund, warum er nach Deutschland gekommen ist, warum er in diesem Fernsehstudio sitzt.

Die Geschichte dieser wenigen Tage in Hongkong im Juni 2013 ist wirklich gut, für sie allein lohnt es sich, Greenwalds Buch zu lesen. Man kann sich gut vorstellen, dass daraus ein Film entsteht. Denn das Buch wird verfilmt, passenderweise von den Produzenten der James-Bond-Filme.

Ein surrealer Thriller

Schon die erste Begegnung von Greenwald und Snowden ist wie von Hollywood erdacht. Wie sollen wir Snowden erkennen, fragt Greenwald seine Begleiterin. "Er wird einen Zauberwürfel in der Hand haben", sagt Poitras. In seinem Buch beschreibt Greenwald, wie skurril er die Situation fand: "Das ist ein surrealer internationaler Thriller, der in Hongkong spielt, dachte ich."

Beim Lesen und beim Zuhören merkt man: Dieser Mann hat richtig Spaß. Es hat Greenwald Spaß gemacht, den mächtigsten Geheimdienst der Welt an der Nase herumzuführen, er hat vermutlich bis heute Spaß daran, seine Berichte über die maßlose Sammelwut der National Security Agency zu veröffentlichen. Sein Respekt vor Snowdens Mut scheint dabei ungebrochen. Snowden werde gezwungen, in einem Land zu leben, in dem er eigentlich gar nicht leben wolle - in Russland. Greenwald macht deutlich, dass er hofft, dass Snowden irgendwann in ein Land wie Deutschland oder Brasilien ausreisen kann. Sollte dies nicht möglich sein, werde Russland Snowdens Asyl vermutlich um ein Jahr verlängern - eigentlich läuft dessen Aufenthaltsbewilligung im Juli aus.

So faszinierend die Geschichte rund um Edward Snowden noch immer ist, so seltsam ist das Konzept dieser Talkshow. Zwei weitere Whistleblowerinnen hat Beckmann eingeladen, dazu den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, der derzeit bei RTL mit seinem "Team Wallraff" für Furore sorgt. Der fünfte Gast ist FDP-Urgestein Gerhart Baum. Er bescheinigt Snowden, bei seinen Enthüllungen "das Prinzip der Menschenwürde" im Kopf gehabt zu haben, "übrigens das gleiche Prinzip, dass Obama in seinen Reden beschwört". Mit dem Unterschied, dass Snowden nach diesem Prinzip gehandelt habe. Das bezweifelt die Psychiaterin Hanna Ziegert, die Ärger mit der bayerischen Justiz bekommen hat, weil sie öffentlich die enge Zusammenarbeit von Gutachtern und Gerichten im Fall Mollath kritisiert hatte. Sie sagt, Snowden habe "sozialen Suizid" begangen. Die Frage sei, warum er das gemacht habe. "Da wird es sicher noch Motive geben, die wir nicht kennen."

"Die Mächtigen können nicht auf Überwachung verzichten"

Um den Fall Snowden geht es dann nur noch am Rande, denn unwichtig sind ja auch die anderen Geschichten nicht. Greenwald fragt die Altenpflegerin Brigitte Heinisch, warum sie an die Öffentlichkeit gegangen sei. Heinisch hatte miese Zustände in einem Altenheim angeprangert und dafür ihren Job verloren. Ihre Lehre nach jahrelangem Rechtsstreit, den sie am Ende vor dem Europäischen Gerichtshof gewonnen hat: Sie hat kein Vertrauen mehr in den Staat, man kann ihre Wut förmlich spüren. Auf Greenwalds Frage antwortet sie, sie glaube einfach, dass man so nicht mit alten Menschen umgehen sollte. Und sie macht deutlich, dass die von ihr geforderte "Vasallentreue" sie nur noch wütender gemacht habe.

In ihrem Ärger erinnert die Altenpflegerin sehr an Greenwalds Furor. Mit dem Unterschied, dass Greenwald offensichtlich Spaß an seiner Wut hat. Die Mächtigen der Welt können gar nicht auf die Überwachung verzichten, weil sie die Protestbewegungen unter Kontrolle halten müssten, sagt Heinisch. In seinem Buch formuliert Greenwald dies sehr ähnlich: "Wenn die Regierung alles beobachtet, was die Menschen tun, wird allein schon das Organisieren von Widerstand schwierig."

Am Ende kündigt Greenwald neue Enthüllungen an. Wann die kommen? "Ich habe die Ringe unter den Augen, die beweisen, dass wir daran arbeiten." Es gehe dabei darum, dass Leute wegen ihrer politischen Arbeit überwacht werden. Dann will Beckmann noch wissen, wer außer der Bundeskanzlerin in Deutschland gezielt bespitzelt worden sei. "Ich würde die Geschichte gern exklusiv hier verkünden", sagt Greenwald und lacht, "aber das kann ich nicht machen." Vielleicht macht er es vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Denn der will ihn als Zeugen einladen.

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Quelle: n-tv.de