Politik

Wer ist hier der Boss? Erdogan, die dankbare Reizfigur

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Das Verbot der Live-Schaltung in Köln ist für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ein gefundenes Fressen.

(Foto: AP)

Erneut bestellt Ankara einen deutschen Botschaftsvertreter wegen einer Lappalie ein. Doch Präsident Erdogan ist nicht so dünnhäutig, wie es scheint. Er will nicht recht bekommen. Er will etwas ganz anderes.

Wer laut genug brüllt, der wird auch gehört: Dass es der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nicht einfach hinnehmen würde, wenn ihm die persönliche Rede vor 40.000 Deutsch-Türken in Köln verboten wird, war zu erwarten. Nun musste sich ein Gesandter der deutschen Botschaft in Ankara für die Entscheidung der hiesigen Justiz verantworten - das allein dürfte die Halsschlagader so mancher Politiker in Berlin erneut zum Zucken bringen. Erdogan, der nach dem gescheiterten Putschversuch vor zwei Wochen auf einen Schlag 2745 türkische Richter abgesetzt oder suspendiert hat, ist wahrlich der Letzte, der sich zum Kritiker der Unabhängigkeit deutscher Gerichte aufschwingen sollte.

Dennoch wäre die deutsche Politik gut beraten, diesen neuerlichen Versuch einer Eskalation an sich abprallen zu lassen. Das gelingt bisher auch ganz gut. In einer ersten Erklärung der Bundesregierung heißt es, man sehe in der Einbestellung des Gesandten "zunächst einmal nichts Außergewöhnliches". Im Geschäftsverkehr zwischen zwei Staaten sei es eine täglich vorkommende "Normalität", dass ein Vertreter in seinem Gastland ins Außenministerium gebeten werde. Natürlich: Ganz so normal, wie behauptet, ist das Vorgehen der Türkei nicht.

Immerhin hatten hochrangige Regierungsvertreter aus Ankara auf das Verbot, Erdogan per Videoleinwand zu seinen deutschen Anhängern sprechen zu lassen, bereits am Sonntag mit reichlich Schaum vorm Mund reagiert. Es sei auf "widerrechtliche und unhöfliche Art" erfolgt und eine "Schande" für Demokratie und Recht. Erdogan selbst meinte, Defizite in Sachen Meinungsfreiheit in Deutschland erkennen zu können. Dieser Vorwurf ist ebenso lächerlich wie durchschaubar: Was der Präsident damit bezweckt, ist die maximale Aufmerksamkeit für sein Auftreten als vermeintlicher Vorkämpfer für das türkische Selbstbewusstsein.

Erdogan will die Spaltung

Natürlich ist selbst einem Machtmenschen wie Erdogan bewusst, dass er gegen Urteile in Deutschland nichts unternehmen kann. Sein Protest hat nur einen Zweck: Krawall machen und unüberlegte Gegenangriffe provozieren. Oft genug hat das bisher ganz im seinem Sinne funktioniert. Man denke nur an CDU-Politiker Jens Spahn und seine Forderung, allen Deutsch-Türken, deren "Herz für Erdogan schlage", die doppelte Staatsbürgerschaft zu entziehen. Erdogan mag sich die Hände gerieben haben.

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CDU-Politiker Jens Spahn.

(Foto: picture alliance / dpa)

Anstatt auf Erdogans Hetzreden mit Besonnenheit zu reagieren, tappte Spahn mitten hinein in die Populismus-Falle. Wer so daherredet, der treibt die deutsch-türkische Gemeinschaft, die ohnehin schon oft genug (und oft zu Unrecht) zum Problemfall deklariert wird, geradewegs in die Arme des türkischen Staatschefs. Erdogan gebe "sehr vielen Türken hier ein Gefühl der Ehre, des Stolzes ", sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Gökay Sofuoglu, der "Passauer Neuen Presse". Ein Gefühl, das ihnen deutsche Politiker offenbar nicht vermitteln können.

Ein Ende der kostenlosen PR

Allein die Tatsache, dass im Vorfeld der Kölner Demonstration öffentlich über ein Verbot der Leinwand-Rede debattiert wurde, habe Erdogan in die Karten gespielt, kritisiert Sofuoglu zu Recht. "Die Medienpräsenz, die ständige Kommentierung, das macht ihn unter den Türken zum Helden." Und während sich Erdogan weiter zum Liebling der deutsch-türkischen Community pöbelt, wird er für deutsche Politiker immer mehr zur Reizfigur.

Das Problem daran ist: Während der türkische Staatschef durch seine wohlkalkulierte Allgegenwart in der deutschen (Medien-)Öffentlichkeit - sei sie positiv oder negativ kommentiert - im Grunde nichts verlieren kann, führt die übersteigerte Empörung von deutscher Seite im schlimmsten Fall dazu, dass sich immer mehr Mitglieder der türkischen Gemeinde in Deutschland unverstanden und ausgegrenzt fühlen. Natürlich ist eine kritische Debatte wichtig - gerade und vor allem über die beispiellose "Säuberungswelle" nach dem gescheiterten Putschversuch vor zwei Wochen. Oder die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe. Was aber darüber hinaus an Gebrüll aus Ankara herüberschwappt, sollte als das angesehen werden, was es ist: viel Lärm um nichts.   

Quelle: n-tv.de

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