Politik

"Operation Friedensquell" Erdogan greift auf breiter Front an

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Ein Schwerpunkt der türkischen Offensive ist die syrische Stadt Ras al-Ain.

(Foto: REUTERS)

Seit drei Tagen bombardiert die Türkei kurdische Milizen in Syrien. Noch gelingt es Ankara nicht, tief in das Land einzudringen. Doch das ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Recep Tayyip Erdogan wolle hier also eine Sicherheitszone aufbauen, spottet Roj Mousa. "Das hier war die sicherste Zone in ganz Syrien", sagt er. "Bis jetzt." Mousa ist 20 Jahre alt und berichtet für die North Press Agentur über die türkische Offensive, die der türkische Präsident "Friedensquell" getauft hat. n-tv.de konnte ihn am Telefon in der nordsyrischen Stadt Kobane erreichen. "Auch hier fallen türkische Bomben", sagt Mousa. "Nicht direkt auf Kobane, aber auf die umliegenden Dörfer."

Es ist der dritte Tag nach dem Beginn der türkischen Operation. Der Schwerpunkt der türkischen Offensive ist offensichtlich - ein rund 120 Kilometer breiter Streifen zwischen den Städten Tal Abjad und Ras al-Ain. Hier verlaufen Verbindungsstraßen, die für den Zusammenhalt des Kurdengebiets wichtig sind. Hier toben die heftigsten Kämpfe. Laut Mousa und anderen Kurden gibt es Angriffe auf ein deutlich weiter gespreiztes Gebiet entlang der Grenze - von Gegenden im Westen Kobanes bis nach Qamischli im Osten des Landes. Mousa spricht gar von 400 Kilometern. Das ist eine viel breitere Front als von einigen Beobachtern erwartet. Mousa vermutet eine Strategie dahinter: "Erdogan will die kurdischen Kämpfer in möglichst viele Gefechte verwickeln, um sie schnell zu ermüden." Das würde erklären, dass die türkischen Streitkräfte zwar auf breiter Front angriffen, bisher aber nicht tief ins Landesinnere vorgedrungen sind.

Die bisherige Bilanz der Kämpfe: Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums wurden bisher 350 Kämpfer der sogenannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) getötet, das von der Kurden-Miliz YPG dominierte Bündnis, das entgegen Erdogans Willen im Norden Syriens eine Selbstverwaltung etablierte. Ein Dutzend Dörfer wurde eingenommen.

Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien gelang es der SDF aber, einige Gebiete wieder freizukämpfen. Ein türkischer Soldat und sechs mit der Türkei verbündete Kämpfer seien getötet worden. Angeblich gibt es etliche teils Schwerverletzte. Der Widerstand so heißt es, sei größer als erwartet. Mousa erwartet, dass die Kurden diesen Widerstand nicht lange aufrechterhalten können angesichts der Dimension der Attacke Ankaras. "Ich rechne damit, dass sich die SDF in zwei bis drei Wochen zurückziehen muss."

Die Türkei befürchtet, dass die Kurden jenseits ihrer Südgrenze stärker werden - und damit auch die nach Autonomie strebenden Kurden in der Türkei. Das Bündnis SDF war im Kampf gegen die radikal-islamische IS-Miliz in Syrien ein wichtiger US-Verbündeter. US-Präsident Donald Trump hatte den Weg für die türkische Offensive freigemacht, indem er die US-Truppen aus der Region abzog.

Zehntausende Flüchtlinge

Ankara hat angekündigt, dass die geplante "Sicherheitszone" am Ende bis zu 30 Kilometer tief in syrisches Hoheitsgebiet hineinreichen soll. Präsident Erdogan sagt, dass er damit einen "Terrorkorridor" verhindern möchte. Damit spielt er auf die dominierende Kraft in der SDF an, die YPG. Diese kurdische Miliz ist eng mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Sie wird nicht nur von der Türkei, sondern auch von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. In ihrem Jahrzehnte währendem Kampf um mehr Autonomie für Kurden zeichnet die PKK für etliche Anschläge insbesondere auf Repräsentanten des türkischen Staates verantwortlich.

Von der YPG gingen bis zur türkischen Offensive zuletzt aber keine größeren Angriffe auf die Türkei aus. Und auch die PKK hielt sich seit einem Aufflammen der Gewalt 2015 (nach dem gescheiterten Friedensprozess) wieder zurück. Der inhaftierte Chef der Organisation, Abdullah Öcalan und andere Führungskader riefen zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auf. Das Attentat auf einen türkischen Diplomaten im Nordirak in diesem Sommer, für das Ankara die PKK verantwortlich macht, zählte zu den blutigen Ausnahmen. Auch deshalb kritisieren viele Beobachter Erdogans Zug so heftig.

Neben dem Verhindern des "Terrorkorridors" spricht Erdogan oft davon, syrische Flüchtlinge in der "Sicherheitszone" ansiedeln zu wollen. Zuletzt war von drei Millionen die Rede. Das hat wohl vor allem innenpolitisch Gründe. Erdogan ist hier unter großem Druck. In der Türkei leben mehr als 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Nicht zuletzt wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage wollen aber immer mehr Türken, dass sie gehen.

Kamal Sido von der Gesellschaft für Bedrohte Völker sieht einen anderen Grund für die Umsiedlungspläne. Der Historiker sprach bei Zeit Online von einem drohenden "Ethnozid" - der kulturellen Vernichtung einer Ethnie. Er fürchtet, dass Erdogan die Demografie in der Gegend verändern will. Sunnitische Araber, so diese Lesart, sollen Kurden verdrängen - insbesondere jene, die sich der YPG verbunden fühlen. Erdogan pocht zu Recht darauf, dass es viele Kurden gibt, die nichts mit der progressiven, feministischen und grünen Ideologie jener Gruppen am Hut haben, die im Norden Syriens das Sagen haben. Und schon gar nichts mit dem bewaffneten Kampf der PKK vergangener Tage.

Mousa berichtet, dass sich ein Erfolg der angeblichen Strategie, die Demografie im Norden Syrien zu verändern, abzeichnet. Er spricht von 100.000 Menschen, die sich bereits auf die Flucht vor der türkischen Offensive gemacht hätten. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht von mehr als 75.000 Zivilisten aus. Auch Mousa fragt sich, wie es für ihn weitergehen soll. Mit seinen 20 Jahren ist er bereits zwei Mal vertrieben worden - erst durch das syrische Regime von Aleppo nach Afrin. Als die Türkei 2018 Afrin angriff, nach Kobane. Und jetzt? Ein Leben in der "Sicherheitszone"? Mousa sagt: "Vielleicht sollte ich einfach darüber lachen."

Quelle: n-tv.de

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