"Beschämt mich, jüdisch zu sein"Ex-Mossad-Chef graut es vor Siedlergewalt

Die Meldungen von Siedlergewalt aus dem Westjordanland brechen nicht ab. Die Opfer: Palästinenser, deren Land und Leben attackiert werden. Beim früheren Mossad-Chef Tamir Pardo weckt dies dunkle Erinnerungen.
Der frühere Chef des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, Tamir Pardo, hat sich angesichts einer deutlichen Zunahme von Siedlergewalt gegen Palästinenser zutiefst beschämt gezeigt und dies bei einem Ortsbesuch im Westjordanland in emotionale Worte gefasst. "Meine Mutter hat den Holocaust überlebt, und was ich gesehen habe, hat mich an die Ereignisse erinnert, die im letzten Jahrhundert an den Juden verübt wurden", so Pardo gegenüber dem Sender Channel 13 beim Besuch palästinensischer Dörfer, in denen es jüngst Vorfälle von Siedlergewalt gegeben hatte. "Was ich heute gesehen habe, hat mich beschämt, jüdisch zu sein", fuhr er demnach laut der Übersetzung der "Times of Israel" fort.
Seit dem Großangriff der radikalislamischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und im Zuge des dadurch ausgelösten Gaza-Kriegs nahm die Gewalt auch im Westjordanland deutlich zu. Seit dem Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar steigerte sich die Anzahl von Gewalttaten durch radikale Siedler nochmals.
Tote im Westjordanland
Mindestens 1065 Palästinenser wurden seit dem Beginn des Gaza-Kriegs im Westjordanland von israelischen Soldaten oder Siedlern getötet, wie eine Zählung der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Zahlen der palästinensischen Gesundheitsbehörden ergab. 46 Israelis - Soldaten und Zivilisten - wurden nach offiziellen israelischen Zahlen in dem Zeitraum im Westjordanland getötet.
Wie Siedlergewalt aussehen kann, beschreibt die "Times of Israel" eindrücklich: "Es wurde dokumentiert, wie extremistische Siedler, manchmal in Gruppen, Palästinenser angriffen, Autos in Brand setzten und Eigentum beschädigten." Kürzlich schilderte einer der Herausgeber der Zeitung "Haaretz" einen weiteren Fall, bei dem ein Palästinenser mutmaßlich von radikalen Siedlern vor den Augen seines Vaters erschossen wurde.
Gefahr für Israel?
Pardo, der von 2011 bis 2016 Chef des Mossad war, bezeichnete Siedlergewalt zudem als "existenzielle Bedrohung" für den Staat Israel. Die Autoritäten hätten sich, so Pardo, entschieden, diese zu "ignorieren". Nun stärker gegen die radikalen Siedler vorzugehen, könnte seiner Einschätzung nach zu einem Bürgerkrieg führen, denn extremistische Siedler seien bei den Mächtigen gut vernetzt. Laut "Times of Israel" spielte er damit auf die ultrarechten Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich an. "Wenn wir wollen, können wir das korrigieren, aber der Preis wird sehr hoch sein", sagte Pardo demnach weiter. "Es könnte das ganze Land in eine ähnliche Lage wie im Libanon bringen."
Der Ex-Mossad-Chef Pardo war Ende 2010 von Regierungschef Benjamin Netanjahu für diese Position ernannt worden. Später wurde er ein ausgesprochener Kritiker der israelischen Regierung, etwa an der von Netanjahu vorangetriebenen umstrittenen Justizreform. Er kritisiert ein "Apartheid-System" in Israel und warnt seit Langem vor einer zunehmenden Polarisierung innerhalb der israelischen Gesellschaft.
Schweigen und Hinnehmen
Kritik an Siedlergewalt gibt es in Israel zuhauf. In israelischen Medien ist dabei zunehmend von "jüdischem Terror" die Rede. Generalstabschef Ejal Zamir hatte im März Angriffe radikaler Siedler auf Palästinenser als "moralisch und ethisch inakzeptabel" verurteilt. Den israelischen Sicherheitskräften wird jedoch weiterhin vorgeworfen, nicht entschlossen genug gegen das Phänomen vorzugehen oder sich sogar auf die Seite aggressiver Siedler zu stellen.
In der "Jüdischen Allgemeinen" bezeichnete die Journalistin Ayala Goldmann kürzlich in einem Meinungsartikel die Siedlergewalt als "Schande für Israel". Sie bezeichnete die Gewalt als "strukturell" und stimmte Analysen zu, die eine nicht-gewalttätige aber "schweigende Mehrheit" von im Westjordanland angesiedelten Israelis kritisieren, die seit Jahrzehnten Siedler-Übergriffe herunterspielen würden.
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute inmitten von drei Millionen Palästinensern rund 700.000 israelische Siedler. Die Palästinenser beanspruchen die Gebiete für einen eigenen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt.