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Offensive bringt keine Wende Experte befürchtet: "Russen haben mehr Ressourcen"

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Russland setzt eine Boden-Luft-Rakete des Typs Tor-M1 ein.

(Foto: picture alliance/dpa/Russian Defence Ministry)

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Während der Donbass unter russischem Dauerfeuer leidet, startet Selenskyj nun nach Meldungen der Ukraine eine Offensive, um Gebiete im Süden zurückzuholen. Strategisch kann das günstig sein, aber Militärexperte Wolfgang Richter zweifelt an der Chance, selbst mit westlichen Waffen das Blatt zu wenden.

ntv.de: Hat eine Gegenoffensive der ukrainischen Truppen im Süden des Landes Chancen auf Erfolg?

Wolfgang Richter: Die Ukraine hat für eine solche Offensive ausreichend Personal zur Verfügung, ist allerdings materiell immer stärker abhängig von den Lieferungen des Westens. Die ursprüngliche sowjetische Ausrüstung der ukrainischen Truppen hat stark gelitten, sie haben hohe Verluste in Kauf nehmen müssen und die heimische Produktion ist auch teilweise geschädigt, sodass sie die entstandenen Lücken nicht mehr füllen kann. All die Hoffnungen auf eine Großoffensive hängen von westlichen Waffenlieferungen, insbesondere aus den USA, ab.

Parallel dazu teilt Russlands Präsident Putin mit, man habe in der Ukraine noch gar nicht richtig angefangen.

Das halte ich für sehr übertrieben. Putins aktive Landstreitkräfte sind strategisch völlig überdehnt, sonst müsste die Armee jetzt nicht auf Reservisten zurückgreifen. Von solchen Überlegungen hören wir ja inzwischen aus Russland, auch von Reserve-Brigaden und dem Plan, zumindest Teile der Industrie auf Kriegsproduktion umzuschalten.

Was genau bedeutet "strategisch überdehnt"?

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Der Militärexperte Wolfgang Richter ist Oberst a.D. der Bundeswehr und forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik unter anderem zum NATO-Russland-Verhältnis.

(Foto: Stiftung Wissenschaft und Politik)

Etwa 60 Prozent ihrer aktiven Landstreitkräfte haben die Russen in diesem Krieg im Einsatz, aber sie können die langen russischen Grenzen nicht komplett entblößen. Es gibt auch andere strategisch wichtige Positionen, die man halten muss, von Murmansk bis nach Zentralasien, vom Kaukasus bis nach Wladiwostok und zu den Kurilen.

Das klingt, als stehe auch die russische Armee ernsthaft unter Druck. Vielleicht kein schlechter Zeitpunkt für eine Offensive?

Natürlich können die Ukrainer zum gegebenen Zeitpunkt sagen, wir haben jetzt genügend Material und Personal zur Verfügung und starten eine Großoffensive. Die russischen Truppen halten den Südstreifen der Ukraine zwischen Mariupol und der Krim besetzt, also die gesamte Küste am Asowschen Meer, und auf der anderen Seite nach Westen noch einen Küstenstreifen, der den Raum um Cherson umfasst. Zwischen Cherson und Mykolajiw verläuft im Moment die Frontlinie und dort werden wir vermutlich einige taktische Veränderungen sehen: Man wird lokale Erfolge und Misserfolge verbuchen, hier wird mal ein Stück Land genommen und dort wieder eins aufgegeben. Aber das große operative Bild wird sich dadurch vermutlich nicht ändern.

Weil die Russen auch nachlegen?

Wenn Moskau mobilisiert, Reservisten einberuft - von denen haben sie Millionen - und Teile der Industrie auf Kriegsproduktion umstellt, dann werden die Russen letztlich doch mehr Kräfte generieren können als die Ukrainer. Dafür gibt es bereits erste Anzeichen. Darum sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass die Ukraine die Eskalations-Dominanz gewinnen wird.

Halten Sie auch die Hoffnung für illusorisch, dass die Ukraine durch eine Großoffensive zumindest zeitweise in einen militärischen Vorteil kommt, der ihre Position für mögliche Verhandlungen nennenswert verbessern könnte?

Sicherlich ist es möglich, dass eine solche Offensive einen Anfangs-Schwung entwickeln kann, auch taktische Erfolge erzielt und damit womöglich auch die Verhandlungsposition der Ukraine zeitweise verbessern könnte. Aber meine Auffassung dazu ist eher skeptisch, eben weil ich befürchte, dass die Russen langfristig mehr Ressourcen haben. Vor allem an Material wird Russland mehr nachschieben können als der Westen liefern kann.

Immerhin konnten die ukrainischen Truppen mit dem HIMARS-System aus den USA schon sehr gezielt Waffendepots und Treibstofflager zerstören. Wie hoch ist das zu bewerten?

Es gibt schon Erfolge, weil HIMARS einfach weiter schießen kann, und das trifft auch für unsere MARS zu, das sind ja sehr ähnliche Systeme. Am Ende reden wir von 10 bis 15 Systemen mit dieser höheren Reichweite. Sie entsprechen lediglich den russischen Systemen mit hoher Reichweite, gleichen aber nicht deren zahlenmäßige Überlegenheit aus. Daraus ergibt sich zwar eine Verbesserung, aber noch kein entscheidender Vorteil, sondern bestenfalls eine Patt-Situation.

Sie sprachen eben von Material, das die Russen jetzt noch nachschieben können. Das wäre dann aber älteres, unterlegenes Material, oder?

Das wäre natürlich älteres Gerät, aber auf dem Gefechtsfeld wird irgendwann die höhere Zahl durchschlagen und nicht einfach die bessere Qualität einzelner Waffensysteme, das lehrt die Erfahrung. Darum befürchte ich, dass der Konflikt in eine Materialschlacht ausartet, die keine großen operativen Veränderungen mehr hervorruft, sondern nur noch Verluste produziert.

Könnte es aber für die Ukraine dennoch sinnvoll sein, sich nun eher auf den Süden zu konzentrieren als im Donbass, wo die Russen für ihre Taktik so gute Bedingungen haben, auf verlorenem Posten zu kämpfen? Also lieber Teile des Donbass aufzugeben als den Zugang zum Schwarzen Meer?

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Dieses Kalkül halte ich von ukrainischer Seite aus für möglich. Im Donbass haben die Russen sich auf das fokussiert, was sie gut können: Sie konzentrieren sehr viel Artillerie auf schmale Räume, um dort durch lokale Feuerüberlegenheit Durchbrüche zu erzielen. Damit sind sie erfolgreich. Wenn die Ukraine sieht, dass sie dieser Überlegenheit nicht standhalten kann, und der Donbass zumindest in Teilen aufgegeben werden muss, dann könnte die Überlegung sein, zumindest im Süden, in der Umgebung von Odessa etwas zurückzugewinnen, um eine bessere Verhandlungsposition zu haben. Der Ansatz wäre für mich zielführender als der Plan, die Großlage zu verändern und jeden Meter zurückzuerobern. Das halte ich für illusorisch.

Mit Wolfgang Richter sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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