Politik

Hoffnung in Zeiten des Kriegs Wie die Ukrainer auf den Abnutzungskrieg reagieren

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Russland greift weiter auch zivile Ziele in Kiew an, wie hier ein Wohnhaus Ende Juni.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

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Der Krieg ist für die Ukraine zum Alltag geworden, zu dem militärische Erfolge, Misserfolge und auch Tragödien gehören. Trotzdem bleiben die Menschen verhalten optimistisch - seltsamerweise optimistischer als Ende 2021. Ein Kiewer sagt, die Stimmung sei schlecht. "Aber kontrolliert schlecht."

Die Zahlen aus den Umfragen in der Ukraine sind seit längerer Zeit stabil. Mehr als 90 Prozent der Menschen glauben an einen Sieg gegen Russland, mehr als 80 Prozent schließen territoriale Zugeständnisse aus. Die Realität ist jedoch, dass das Land sich bei der Verteidigung gegen den russischen Angriff seit Monaten in einem Abnutzungskrieg befindet, der an unterschiedlichen Stellen der Front unterschiedliche Folgen hat.

Dass die Ukraine im Kampf um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk eine Niederlage erlitten hat und damit die Kontrolle über den Regierungsbezirk Luhansk komplett verloren hat, ist bitter. Gleichzeitig konnte die ukrainische Armee größere Umzingelungen wie in Mariupol verhindern und den Russen bei diesen Kämpfen hohe Verluste zufügen. Diese Verluste dürften auch der Grund sein, warum Russlands Präsident Wladimir Putin sagte, die Soldaten, die an der Eroberung von Luhansk beteiligt gewesen seien, sollten sich nun erst einmal "ausruhen", um Kräfte für weitere Kämpfe zu sammeln.

Doch auch die Ukraine hat hohe Verluste. Von 100 bis 200 Toten pro Tag war vor einigen Wochen die Rede. Es gibt aber auch Erfolgserlebnisse für die Ukraine. So mussten die Russen die strategisch wichtige Schlangeninsel im Schwarzen Meer wegen des starken Artilleriefeuers der Ukrainer verlassen. In den teilweise besetzten südlichen Bezirken Cherson und Saporischschja laufen kleine ukrainische Gegenoffensiven, wenn auch mit begrenztem Erfolg. Und natürlich gehören zur Realität auch Tragödien wie die Zerstörung eines Einkaufszentrums in Krementschuk und eines Wohngebäudes im Bezirk Odessa durch alte russische Ch-22-Raketen, die jeweils mehr als 20 Menschenleben kosteten.

"Die Ukrainer haben sich damit abgefunden, dass der Krieg noch lange dauern kann"

Doch wie blicken die Ukrainer mehr als 130 Tage nach Beginn der großen russischen Invasion auf den aktuellen Abnutzungskrieg? "Sicher gibt es eine gewisse Kriegsmüdigkeit", sagt Wolodymyr Fessenko, Direktor des Zentrums für angewandte politische Forschung "Penta" in Kiew. "Gerade an Orten, die vergleichsweise weit von großen Gefechten entfernt sind, hat man sich an den Krieg angepasst", so der Wissenschaftler, der zu den bekanntesten Politologen der Ukraine zählt und Präsident Wolodymyr Selenskyj nahesteht. "Doch es gibt überhaupt kein Abflauen der Moral. Im Gegenteil: Der Beschuss von Krementschuk beispielsweise hat in der Gesellschaft die Meinung verstärkt, dass der Kampf unbedingt fortgesetzt werden muss, obwohl Russland die Menschen damit sicher einschüchtern wollte."

Allerdings ist Fessenko unsicher, ob der Gesellschaft bewusst ist, dass dieser Krieg noch sehr lange dauern könnte. Bei diesem Thema gebe es "etwas überhöhte Erwartungen", sagt er ntv.de. "Es gibt Menschen, die noch glauben, dass der Krieg in ein paar Monaten vorbei sein könnte", was ziemlich unrealistisch sei. Die Rhetorik der ukrainischen Regierungsvertreter geht meist in die Richtung, dass der Krieg bis zum Jahresende dauern könnte, doch auch das ist aus Fessenkos Sicht nicht sicher: "Es kann sein, dass die aktive Phase des Krieges bis dahin beendet ist, die Positionskämpfe würden danach wohl weitergehen."

Die Politikwissenschaftlerin Ljudmyla Subryzka von der Kiewer Mohyla-Universität schätzt die Einstellung der ukrainischen Bevölkerung anders ein. "Am Anfang haben Regierungsvertreter vom möglichen Ende in zwei bis drei Wochen gesprochen, da gab es noch gewisse Illusionen", sagt sie ntv.de. "Im Moment haben sich die Menschen aber damit abgefunden, dass es wirklich sehr lange dauern könnte."

Welcher Sieg wäre akzeptabel?

Was sich jedoch verändert hat, ist die Vorstellung davon, was für einen Sieg mindestens erreicht sein muss. Subryzka zufolge galt eine Rückkehr zum faktischen Status Quo vom 23. Februar als akzeptabel, als die russischen Truppen noch in den Vortorten von Kiew standen. Im Moment gehe es eher um die Befreiung des gesamten ukrainischen Territoriums. Tragische Ereignisse wie Butscha oder nun Krementschuk spielten dabei eine Schlüsselrolle: "Nach dem Motto: Jetzt erst recht."

Das sieht wiederum Fessenko anders, er glaubt, eine Rückkehr zur Situation vor dem Krieg wäre ein für die ukrainische Gesellschaft akzeptabler Sieg. "Natürlich gibt es in der Gesellschaft unterschiedliche Positionen zur Krim, aber ich glaube, dass sie mit der Zeit verschwinden werden, wenn die überhöhten Erwartungen weg sind. Wir müssen ja erst sehen, wann die angekündigte große Gegenoffensive letztlich stattfindet und ob es sie dann in der Form wirklich gibt."

"Das seltsame Gefühl des Sommers 2014 ist zurück"

Auch unter den Ukrainerinnen und Ukrainern gibt es zu diesen Fragen unterschiedliche Meinungen. "Was die Russen etwa in Krementschuk machen, macht den Hass auf sie nur größer", meint die als Kellnerin arbeitende Journalismus-Studentin Sofija Netschajewa, die nach Frankfurt am Main geflüchtet ist, in einem Monat aber nach Kiew zurückkehren möchte. Sie glaubt an die ukrainischen Streitkräfte und an die Befreiung des gesamten ukrainischen Territoriums. "Meiner Meinung nach kann die heiße Phase des Krieges Ende nächsten Jahres beendet werden, doch der Krieg könnte generell noch fünf bis zehn Jahren dauern", glaubt der in Kiew lebende und aus Sewastopol stammende Wirtschaftsjournalist Andrij Janizkyj. "Der Mindestsieg wäre für mich die Rückkehr der Russen auf die Positionen vor dem 24. Februar. Wegen der Kriegsverbrechen denke ich aber oft, dass dies nicht ausreichend ist."

"Ich traue mich nicht zu sagen, wann der Krieg zu Ende geht, habe aber vorsichtige Hoffnungen, dass Cherson in den nächsten Monaten befreit werden kann", sagt der Kiewer Musiker Hlib Pekurowskyj. Der ebenfalls in Kiew lebende Maksym Krawez, der einem Wett-Anbieter arbeitet, betont: "Der Mindestsieg wäre, die Souveränität zu bewahren, zumindest Parität bei den schweren Waffen zu erhalten und die neu besetzten südukrainischen Gebiete zu befreien. Wir müssen die Verteidigung so stärken, dass Russland auf absehbare Zeit keine Möglichkeit hat, wieder anzugreifen. Ich glaube an ein solches Minimalziel, so in einem Jahr."

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"Was den russischen Beschuss angeht, kehrt das seltsame Gefühl des Sommers 2014, der heißen Phase des Donbass-Krieges, zurück", sagt Krawez. "Die unmittelbare Bedrohung hier in Kiew ist vergleichsweise klein, die Stimmung ist jedoch permanent schlecht. Aber kontrolliert schlecht."

Zugleich gibt es in der Ukraine erstaunlicherweise mehr als Optimismus als vor dem Krieg. Eine Umfrage des Internationalen Soziologie-Instituts in Kiew zeigt, dass 52 Prozent der Menschen "sehr optimistisch" auf die Zukunft ihres Landes blicken. Im Dezember 2021 waren es nur 9 Prozent.

Quelle: ntv.de

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