Politik

Clubbesucher durch Polizei getötet? FBI: Hinter Orlando-Täter steht kein Netzwerk

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Der Terrorist tötete in dem Club "Pulse" 49 Menschen, mehr als 50 wurden verletzt.

(Foto: REUTERS)

Der Schütze von Orlando berief sich auf den IS, auf Al-Kaida und andere Terrorgruppen, die teils verfeindet sind. Die Angaben passten nicht zueinander, meint das FBI. Es vermutet, dass der Täter sich im Internet radikalisierte. Fragen wirft das Vorgehen der Polizei auf.

Der Todesschütze von Orlando war nach Erkenntnissen der US-Bundespolizei FBI nicht Teil eines internationalen Terrornetzwerks. "Es gibt starke Anzeichen dafür, dass er radikalisiert wurde, zum Teil über das Internet", sagte FBI-Direktor James Comey. "Wir haben aber bisher keine Anzeichen, dass die Tat von außerhalb der USA gesteuert wurde." Ähnlich hatte sich zuvor bereits US-Präsident Barack Obama geäußert. Es sei extrem schwierig, jemanden vor einem Anschlag ausfindig zu machen, der sich selbst radikalisiere, sagt der Präsident.

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Präsident Obama (l.) wurde von FBI-Chef Comey über den Stand der Ermittlungen informiert.

(Foto: AP)

Die Motivlage sei weiterhin unklar, sagte Comey weiter. Der Angreifer, Omar Seddique Mateen, habe bei drei Telefonkontakten mit der Polizei während des Attentats mehrere Terrororganisationen angegeben, für die er Sympathien hege. Zum Teil stünden diese sich aber in tiefer Feindschaft gegenüber, die Angaben passten nicht zueinander. So habe er sich auf den IS, aber auch auf die Al-Kaida-nahen Attentäter vom Boston Marathon im Jahr 2013 berufen sowie auf einen Selbstmord-Attentäter aus Florida, der mit der Al-Nusra-Front in Verbindung steht. Al-Nusra und der IS bekämpfen sich in Syrien. Dagegen nannte der Vater des Schützen Hass auf Schwule als mögliches Motiv und schloss religiöse Beweggründe aus. Die Ex-Frau Sitora Yusufiy bezeichnete den 29-Jährigen als labilen, aufbrausenden und gewalttätigen Menschen.

Laut Comey stand der Attentäter 2013 für zehn Monate unter Beobachtung des FBI. Der Fall sei jedoch wegen Mangel an Beweisen geschlossen worden. Damals hatte der Mann Kollegen gegenüber geäußert, er habe Sympathien für die schiitische Hisbollah - eine Terrororganisation die ebenfalls ein erbitterter Feind des sunnitischen IS ist. Der IS-Radiosender Al-Bajan hatte am Sonntag behauptet, Mateen sei ein Kämpfer der Terrormiliz gewesen. Obama sagte, der Angriff zeige, dass islamistische und extremistische Online-Propaganda genauso bekämpft werden müsse wie Terroristen im Ausland.

Tote auch durch Polizeikugeln?

Der 29-jährige Mateen, ein US-Bürger mit afghanischen Eltern, hatte in der Nacht zum Sonntag, bewaffnet mit einem Gewehr vom Typ AR-15 und einer Handfeuerwaffe, in dem Schwulenclub "Pulse" in Orlando im Bundesstaat Florida 49 Menschen getötet und 53 verletzt. Fünf Verletzte befinden sich noch in einem ernsten Zustand. Der Angreifer selbst wurde bei einem Feuergefecht mit der Polizei erschossen. Zuvor hatte sich eine Swat-Eliteeinheit unter anderem mit Hilfe eines Sprengsatzes Zugang zum Club verschafft, wo sich Mateen stundenlang mit Geiseln in einer Toilette verbarrikadiert hatte.

Die Behörden verteidigten ihr Vorgehen. Mit der gewaltsamen Erstürmung des Clubs habe die Polizei viele Menschenleben gerettet, sagte Orlandos Polizeichef Paul Mina. Ob einige der 49 Opfer auch durch Polizeikugeln starben, blieb weiterhin unklar. Mina sagte, dies werde untersucht. Acht oder neun Swat-Beamte hätten bei dem Einsatz geschossen - unter schwierigen Bedingungen, berichtete er: "Sie standen an der Wand, und man schoss auf sie".

Arbeit in Sicherheitsfirma

Fünf Monate vor der Präsidentschaftswahl wurde die Tat binnen Stunden Gegenstand erbitterten Streits im Wahlkampf. Sie wird die schon jetzt heftige Auseinandersetzung der politischen Lager weiter massiv verschärfen. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump forderte Obama zum Rücktritt auf. Dieser habe in einer Stellungnahme nicht die Worte "radikaler Islamismus" benutzt. Trump setzte seine Forderungen ungeachtet noch laufender Ermittlungen und anderer Erkenntnisse der Ermittler bereits sehr früh am Sonntag ab und wiederholte sie am Montag. Er unterstellte Obama indirekt, mit Terrorismus zu sympathisieren.

Das Massaker heizte auch die Debatte über schärfere Waffengesetze an. Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton sprach sich erneut für ein strengeres Waffengesetz aus. Zwar hätten gesetzestreue Bürger ein Recht, eine Waffe zu tragen, sagte Clinton CNN. "Aber wir können Maßnahmen ergreifen, damit Waffen nicht in die Hände von Kriminellen und Terroristen fallen." Mateen arbeitete trotz der mehrfachen Überprüfung durch das FBI für eine Sicherheitsfirma in Florida. Er besaß zwei Waffenscheine und erwarb noch kurz vor der Tat legal ein Gewehr und eine Pistole. Militärische Schutzkleidung sei ihm dagegen verwehrt worden, berichtete CNN.

International wurde die Tat von Orlando mit Entsetzen aufgenommen. Viele Gebäude erstrahlten zu Ehren der Opfer in den Regenbogenfarben der Schwulen- und Lesbenbewegung, so der Pariser Eiffelturm und die Antenne des One World Trade Center in New York. Auf allen Bundesgebäuden in den USA wehen die Fahnen auf Halbmast.

Quelle: ntv.de, mli/dpa/AFP