Politik
(Foto: picture alliance / Julian Strate)
Freitag, 02. Februar 2018

Kinderarmut in Deutschland: Fast alle glauben, Politik tut nicht genug

Von Hubertus Volmer

In der Politik spielt Kinderarmut häufig nur eine untergeordnete Rolle. Dabei würden die meisten Deutschen sogar Steuererhöhungen akzeptieren, wenn Kinderarmut so bekämpft werden könnte. Nur eine Wählergruppe macht dabei eine Ausnahme.

Kinderarmut in Deutschland? Kann es in Zeiten von niedriger Arbeitslosigkeit und dauerhaft florierender Wirtschaft doch eigentlich nicht geben. Es gibt sie aber doch. Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, wie einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr zu entnehmen ist.

Die Untersuchung zeigte auch, dass dieser Befund alles andere als neu ist. Um das zu ändern, fordert das Deutsche Kinderhilfswerk von der nächsten Bundesregierung eine Gesamtstrategie von Bund, Ländern und Kommunen. Wenige Forderungen dürften auf eine vergleichbar große Unterstützung in der Bevölkerung stoßen: Eine aktuelle Umfrage, die im Auftrag des Kinderhilfswerks durchgeführt wurde, zeigt, dass eine überwältigende Mehrheit der Deutschen den Kampf gegen Kinderarmut für wichtig hält.

So halten die weitaus meisten Befragten die bisherigen Maßnahmen von Staat und Gesellschaft nicht für ausreichend. Nur 5 Prozent sagen, dass "sehr viel" für die Bekämpfung der Kinderarmut getan wird. Aus Sicht von 19 Prozent wird "eher viel" getan. Drei Viertel sehen das jedoch anders. 58 Prozent sagen, bei diesem Thema werde "eher wenig" getan, für 14 Prozent ist es "sehr wenig".

Die nach Meinung der Mehrheit zentrale Ursache für Kinderarmut ist banal: zu geringe Einkommen. 84 Prozent der befragten Erwachsenen sagte, dies treffe "voll und ganz" beziehungsweise "eher" zu. Auch Kinder und Jugendliche wurden dazu befragt, von ihnen sagten dies 94 Prozent. Zudem sind 90 Prozent der Erwachsenen und 89 Prozent der Kinder und Jugendlichen der Ansicht, Kinderarmut werde dadurch begünstigt, dass die Politik das Thema vernachlässigt.

AfD-Wähler fallen aus dem Rahmen

Mit einer weiteren Frage wollte das Kinderhilfswerk die Bereitschaft messen, selbst ein kleines Opfer zu bringen. Immerhin 64 Prozent der befragten Erwachsenen sagten, sie seien bereit, mehr Steuern zu zahlen, wenn damit Kinderarmut wirkungsvoll bekämpft werden könnte. Am stärksten ausgeprägt ist diese Bereitschaft bei Gutverdienern (70 Prozent), in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen (84 Prozent) sowie bei den Wählern der Grünen (81 Prozent). Auch in allen anderen Einkommens-, Alters- und Wählergruppen ist eine Mehrheit dafür - mit einer Ausnahme: Nur 46 Prozent der AfD-Anhänger sagen, sie wären zu Steuererhöhungen bereit, um Kinderarmut zu bekämpfen. 53 Prozent von ihnen wären nicht dazu bereit. (Das Kinderhilfswerk weist in der Zusammenfassung seiner Studie darauf hin, dass diese Frage nur fiktiv ist - Steuern werden in Deutschland bekanntlich nicht zweckgebunden erhoben.)

Interessanterweise fallen AfD-Wähler noch bei einer anderen Frage etwas aus dem Rahmen. Die Frage, ob in Deutschland viel oder wenig gegen Kinderarmut getan werde, beantworten 38 Prozent von ihnen mit "sehr wenig". Das ist noch mehr als bei den Anhängern der Linkspartei (26 Prozent). Man könnte diesen Befund so zusammenfassen: AfD-Wähler sehen bei der Kinderarmut viele Defizite, wollen aber selbst mehrheitlich nicht dazu beitragen, sie zu beheben.

Der Kinderzuschlag ist zu kompliziert

Doch die Ansichten der Wählergruppen sind nur ein Randaspekt, wichtiger sind die Forderungen, die das Kinderhilfswerk aus der Umfrage ableitet. Ein Punkt darin klingt spröde, würde den betroffenen Familien das Leben allerdings dramatisch erleichtern: die Zusammenlegung von Kindergeld und Kinderzuschlag.

Den Kinderzuschlag gibt es seit 2005, er soll verhindern, dass Geringverdiener mit Kindern Hartz IV beantragen müssen. Schon in der vergangenen Legislaturperiode setzte die damalige Familienministerin Manuela Schwesig von der SPD eine Erhöhung der Leistung um zehn auf 170 Euro durch. Das Problem ist, dass bei weitem nicht alle Familien, die ein Recht auf diesen Zuschlag haben, ihn auch bekommen. Das liegt vor allem daran, dass der Antrag, der alle drei bis sechs Monate erneut gestellt werden muss, "komplizierter als eine Steuererklärung" ist, wie das Magazin Plusminus befand.

Bei ihren Sondierungen haben Union und SPD sich darauf geeinigt, den Kinderzuschlag zu erhöhen. Aus Sicht des Kinderhilfswerks reicht das nicht aus: Die bürokratischen Hürden seien einfach zu hoch. Zudem würden Familien mit höheren Einkommen in Deutschland grundsätzlich stärker entlastet als solche mit niedrigeren Einkommen. Die Zusammenlegung von Kindergeld und Kinderzuschlag stellt der Sondierungskompromiss nur vage in Aussicht: "Wir wollen die Beantragung dieser Leistung für Familien entbürokratisieren und die Antragstellung dort, wo es möglich ist, mit Anträgen auf weitere Leistungen zusammenführen", heißt es in dem Papier von CDU/CSU und SPD.

Weitere Forderungen des Kinderhilfswerks sind:

  • Viele Tätigkeiten, vor allem solche für gering qualifizierte Arbeitnehmer, müssten besser bezahlt oder stärker von Sozialbeiträgen und Steuern befreit werden.
  • Das Steuersystem müsse stärker Familien und Kinder fördern, statt sich an einer Alleinverdiener-Ehe zu orientieren.
  • Alleinerziehende - die das Kinderhilfswerk "Ein-Eltern-Familien" nennt - müssten politisch stärker in den Blick genommen werden.
  • Dafür brauche es unter anderem "ein qualitativ hochwertiges Betreuungssystem in Schule und Kita".

Grundsätzlich kritisiert das Kinderhilfswerk, politische Reformen legten ihren Fokus zu selten auf armutsgefährdete Gruppen. Vor allem bei Steuersenkungen profitierten meist jene, "die sowieso schon mehr haben".

Aber der Verband sieht auch einen Lichtblick: Zum einen in den eigenen Zahlen, die deutlich machen, dass es in Deutschland ein hohes Problembewusstsein mit Blick auf die Kinderarmut gibt. Zum anderen habe das Thema im jüngsten Bundestagswahlkampf zwar keine so große Rolle gespielt wie die Debatte um etwaige Rentenerhöhungen. Aber doch eine größere Rolle als vier Jahre zuvor.

Für den Kinderreport 2018 wurden im November und Dezember 2017 vom Institut Kantar Public 1001 Erwachsene sowie 620 Kinder und Jugendliche (10- bis 17-Jährige) befragt. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de