Politik

Wieduwilts Woche Für Gender-Quatsch ist immer Zeit

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Kulturkampf um eine Schreibweise? Dann doch lieber leben und leben lassen.

(Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Kein Krieg, keine Notlage ist zu bitter für eine erzdumme Debatte über Schreibweisen von Mann, Frau und Diversen. Die CDU möchte nun den Behörden das Gendern verbieten. Gestandene Juraprofessoren seilen sich in die langweiligste aller Debatten herab. Nichts wie hinterher.

Gendern nervt: Da sind die kleinen Pausen mancher Rundfunkmoderatoren - "Zuschauer - Pause - innen", der sogenannte Glottisschlag. Da sind die Sternchen, mit denen Aktivist*innen ihr Publikum bewerfen, sprachliche Verrenkungen, die so natürlich wirken, als setzte man sich an den Tisch, legte ein Bein hinter den Kopf, kämmte sich mit der Gabel die Haare und fragte in die Runde: "Is' was?"

Und, Mann, macht das Gendern wütend! Es provoziert das Gefühl, hier wolle jemand andere belehren. Ob Aktivisten es wollen oder nicht: Jedes Päuschen klingt in den Ohren der Gender-Gegnerinnen und -Gegner nach "ich bin schon weiter als du", jedes Sternchen sagt vermeintlich "du bist ein reaktionärer Primitivling".

Sachte: Ich gehöre nicht zu jenen, bei denen sich jeder Glottisschlag in Hautausschlag umwandelt. Ich muss nicht bei jedem gedruckten Sternchen wuthalber das Geschirr an die Wand knallen. Als Moderator habe ich mich sogar selbst einmal an der Genderpause versucht und irgendwann entschieden, dass ich lieber gelegentlich beide Geschlechter anspreche - und, ja, damit alle diversen Geschlechter lediglich "mitmeine".

Aus dem Aktivismus ist Zwang geworden

Wenn ein Auftraggeber möchte, dass in einer Rede gegendert wird, dann schreibe ich den Stern oder Gap ins Manuskript. Ich muss danach weder kalt duschen noch aus Scham die Spiegel im Haus abmontieren. Dort, wo ich redaktionell etwas zu entscheiden habe, gilt "laissez-faire". Schreibe ich selbst, gendere ich nicht. Leben und leben lassen.

Und so könnte man die Sache einfach unkommentiert weiterlaufen lassen, warten, bis dieser oder jener Trend abebbt oder sich eben verfestigt. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Aus dem Aktivismus vieler ist inzwischen der gelegentliche Zwang weniger geworden. Minderheitenrechte sind zwar wesentlich für unsere Demokratie, aber sie sind eines nicht: Mehrheitsrechte. Solange sich das Gendern nicht durchsetzt, kann von einer Fortentwicklung der Sprache nicht die Rede sein. Es nutzen vermutlich ebenso viele Menschen das (schon wieder alte) Jugendwort "cringe" wie den Glottisschlag. Das reicht nicht.

Der Zwang ist real: Beispiele aus Universitäten und Behörden listet gerade mühevoll die "Welt" auf. Vergangene Woche befeuerte ZDF-Moderatorin Andrea "Kiwi" Kiewel die Debatte, als ihr ein "ich muss" herausrutschte. Das wird nicht unbedingt auf öffentlich-rechtliche Zwänge zurückzuführen sein, aber doch auf einen gewissen Erwartungsdruck. In der Privatwirtschaft fällt dieser Genderdruck unter das Kellnerprinzip: Es wird serviert, was man bestellt, es entscheidet, wer zahlt. Bei den öffentlich-rechtlichen Medien ist die Sache nicht so einfach: Wir zahlen, aber entscheiden nicht.

"Ich solle ins Wachkoma fallen"

Man kann also durchaus Verständnis für jene empfinden, die keine Lust aufs Gendern haben, es aber müssen. Das ist aber etwas völlig anderes als der bloße Konfrontationsschmerz. Wenn man als Angestellter angesichts gegenderter Unternehmenskommunikation derart in Wallungen geraten kann, dass man vor ein Gericht zieht, wie kürzlich ein Audi-Mitarbeiter, ist das eigentlich nur durch galaktische Langeweile zu erklären.

Worte sind auszuhalten, so ist das in einer freiheitlichen Gesellschaft. Doch die größte Angst vor Worten haben die Wahnsinnigsten unter uns: "Ich solle ins Wachkoma fallen, schrieb mir etwa jemand, damit meine Familie stets zwischen Hoffen und Bangen leben müsse, und ich solle Schmerzen haben", berichtete kürzlich die Journalistin Nicole Diekmann über einen Anti-Gender-Wüterich. Wofür manche die "Satanischen Verse" brauchen, genügt anderen eben eine Sprechpause. Eine Gefahr für die liberale Gesellschaft sind beide Fälle.

Zahllos sind inzwischen die Versuche, die Frage an höhere Mächte durchzureichen: die Linguistik, das Grundgesetz, den Gesetzgeber. Hier ein Text, der das generische Maskulinum verteidigt, dort ein Fachmann, der es als "eine über eine stillschweigende Übereinkunft gestützte Gebrauchstradition" abtut. Die Wissenschaft löst das Sprachproblem aber nicht. Erfrischend insofern die Linguistin Damaris Nübling, die kürzlich in der F.A.S. bekannte, dass sich viele Fachleute überhaupt nicht dazu äußerten - weil die öffentliche Diskussion "nicht sonderlich anregend" sei.

Muss man nicht gendern dürfen?

Juraprofessorinnen und -professoren schreiben viele Gutachten, um auszuloten, ob die erzöde Genderfrage eine verfassungsrechtliche Antwort bekommt: Muss man gendern? Darf man gendern? Muss man nicht gendern dürfen?

Ungeachtet eines Verfassungsauftrags greift die CDU Hamburg nun zum letzten Mittel gegen den Sprachzwang, nämlich den gesetzlichen Sprachzwang: Behörden soll das Gendern verboten werden. Als politischer Hebel ist das Gendern eben echt verführerisch: Es ist ein Debattennexus, an dem sich die gesamte explodierende Gegenwartsüberforderung auf ein Sternchen herunterbrechen lässt. Das Gendern lässt man nicht liegen - den Konservativen bleibt ja sonst nicht viel.

Dabei böten klassisch-konservative Werte wie Geradlinigkeit und Toleranz ausreichend Instrumente gegen Sternchen und Päuschen, ohne dabei die Staatsgewalt zu bemühen: Geradlinigkeit und Toleranz gebieten einerseits den Gendergegnern, gendernde Aktivisten nicht herabzuwürdigen - und andererseits den Aktivisten, nicht jeden Einwand als Kotau vor dem Patriarchat zu etikettieren. Wer nicht gendern will, möge sich gerade machen und entsprechende Forderungen entschieden ablehnen, aber das Gendern der anderen aushalten.

Minderheitenrechte sind keine Mehrheitsrechte

Gerade in der männerlastigen CDU sollte allerdings Verständnis dafür herrschen, wenn Menschen Gleichberechtigung und Antidiskriminierung durch Generve durchsetzen. Die Ex-CDU-Vorsitzende hat sich schließlich auch nicht durch höfliches Bitten an die Spitze gesetzt, sondern sie hat gekämpft und, recht kühl, eine ganze Reihe von Männern abgeräumt.

Es ist also alles in allem ganz einfach: Lasst die Leute (m/w/d) gendern. Es sind nur Wörter, Sternchen, Pausen. Drängt sie zu nichts.

Es gibt wirklich Wichtigeres.

Quelle: ntv.de

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