Politik

Russlands TreibstoffkriseFür Zentralasien wird Russland zum Klumpenrisiko

14.07.2026, 16:55 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt
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Tankstelle in Russland. Die russische Treibstoffkrise macht sich auch in zentralasiatischen Ländern bemerkbar. (Foto: picture alliance / Russian Look)

Kasachstan riegelt seine Grenze ab, weil russische Autofahrer das Land leertanken. In der Region beginnt ein Umbruch, der weit über diesen Sommer hinausreichen wird: Das alte Modell, in dem Russland liefert und Zentralasien abnimmt, funktioniert in beide Richtungen nicht mehr.

An der kasachisch-russischen Grenze spielt sich derzeit eine bemerkenswerte Umkehrung ab: Nicht Zentralasiaten drängen nach Norden, sondern russische Autofahrer strömen in kasachische Grenzstädte - auf der Suche nach Benzin. Kasachstan hat reagiert und die Grenze faktisch abgeriegelt: 59 Polizeikontrollposten, Einreise für ausländische Fahrzeuge nur noch einmal täglich, mobile Teams patrouillieren rund um die Uhr.

Was hier sichtbar wird, ist mehr als ein Schmuggelproblem. Es ist der Moment, in dem Zentralasien erlebt, wie sein jahrzehntelanger Energie-Patron zum Risikofaktor wird.

Der Hintergrund ist schnell erzählt: Ukrainische Drohnenangriffe haben Russlands Raffinerien schwer getroffen - Kiew spricht von fast 43 Prozent lahmgelegter Kapazität, unabhängige Schätzungen gehen von über 30 Prozent aus, die Benzinproduktion liegt rund 25 Prozent unter Vorjahresniveau. Fast alle russischen Regionen melden Engpässe, der Kreml hat nach Benzin und Kerosin auch den Diesel-Export verboten und importiert erstmals selbst Treibstoff.

Für Zentralasien ist entscheidend, was daraus folgt: Der Markt, der die Region seit Sowjetzeiten versorgt, fällt als verlässlicher Lieferant aus - ausgerechnet zur Erntezeit, wenn der Bedarf saisonal steigt.

Kirgisistan ist besonders verwundbar

Wie hart das trifft, hängt davon ab, wo man tankt. Am verwundbarsten ist Kirgisistan: Über 90 Prozent seines Benzins kommen aus Russland, zollfrei geliefert im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion. Nun melden Tankstellen Engpässe bei den hochwertigen Sorten AI-95 und AI-98, und Bischkek hat offizielle Hilfsanfragen gleich an sechs Staaten verschickt - neben Russland auch an Kasachstan, Belarus, Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan.

Die Regierung deckelt die Zapfsäulenpreise per Subvention bis Ende September und lässt die modernisierte Junda-Raffinerie hochfahren, die bis Jahresende 50.000 Tonnen Benzin monatlich liefern soll. Immerhin: Moskau hat zugesagt, den Transit von Treibstoff zu erlauben, den Kirgisistan anderswo einkauft - ein stilles Eingeständnis, dass es selbst nicht mehr liefern kann.

Noch exponierter ist Tadschikistan, das 84 Prozent seiner importierten Ölprodukte aus Russland bezieht. In der Hauptstadt Duschanbe traten Anfang Juli Dieselengpässe auf, manche Tankstellen limitierten den Verkauf auf 20 Liter pro Fahrzeug, die Preise sprangen spürbar nach oben. Die Regierung lotet inzwischen iranische Importe aus, die Zivilluftfahrtbehörde verhandelt beim Flugbenzin mit Anbietern aus Kasachstan und Turkmenistan.

Auch Usbekistan, das eigentlich über eigene Förderung und Raffinerien verfügt, spürt den Druck: Der Börsenpreis für die gängige Sorte AI-92 stieg seit Anfang Juni um 11,8 Prozent, und die staatliche Fluggesellschaft strich wegen Kerosinmangels mehrere Russland-Flüge. Taschkent bereitet sich bereits auf den Winter vor - mit einer geplanten Benzinreserve von 120.000 Tonnen und Gesprächen mit Gazprom, Rosneft und Gazprom Neft.

Russland unterstellt Kasachstan, der Ukraine zu helfen

Und dann ist da Kasachstan, das plötzlich in einer völlig neuen Rolle steckt. Die größte Volkswirtschaft der Region meldete Ende Juni Bestände von über einer Million Tonnen Benzin, Diesel und Kerosin - Reserven für mehr als einen Monat, obwohl die Atyrau-Raffinerie gerade planmäßig gewartet wird. Die Tankstellen arbeiten normal. Genau das macht das Land zum Magneten: Kasachisches Benzin kostet dank staatlicher Preispolitik umgerechnet 45 bis 55 Rubel pro Liter, in manchen russischen Regionen über 90 Rubel - in Dagestan kletterte AI-95 zeitweise auf 115 bis 120 Rubel.

Die Folge ist ein grauer Export im Kleinformat: Fast 600 illegale Ausfuhrversuche stoppten die Behörden laut Innenminister Jerschan Sadenow seit Jahresbeginn, die Polizei entdeckte 255 Fahrzeuge mit eingeschweißten Zusatztanks und verhängte Geldstrafen gegen 195 Ausländer und 60 kasachische Bürger. Allein an zwei Tagen Anfang Juli wurden 61 Versuche vereitelt.

Wie angespannt das Verhältnis unter der Oberfläche ist, zeigte sich nach dem ukrainischen Drohnenschlag auf die Omsker Raffinerie, Russlands größtes Werk, nur wenige hundert Kilometer von der kasachischen Grenze entfernt. Russische Propagandakanäle streuten prompt die Behauptung, Kasachstan könnte beim Start der Drohnen geholfen haben. Das Außenministerium in Astana wies die Vorwürfe umgehend als haltlose Unterstellungen zurück und betonte, sein Territorium werde niemals für Angriffe auf andere Staaten zur Verfügung gestellt. Die Episode illustriert ein Muster, das Kasachstan seit 2022 kennt: Je schwächer Moskau wird, desto misstrauischer blickt es auf die Eigenständigkeit seiner Nachbarn.

Jedes Land reagiert anders - aber für alle geht es weg von Russland

Denn trotz aller Stärke bleibt auch Kasachstan verwundbar. Das Raffineriesystem stützt sich auf nur drei Großanlagen - Atyrau, Pawlodar, Schymkent - mit zusammen etwa 17 Millionen Tonnen Jahreskapazität; fällt eine Anlage aus, wird es eng. Und von den Exportpipelines bis zur Gasverarbeitung läuft vieles über russisch kontrollierte Infrastruktur. Als Absicherung prüft Astana bereits Treibstoffimporte aus China, womit sich die nächste strategische Frage stellt: Ersetzt die Region am Ende nur eine Abhängigkeit durch eine andere? Peking ist längst größter Investor in Zentralasien. Die Treibstoffkrise könnte diesen Trend beschleunigen.

Für die Region ist die Krise damit ein doppelter Weckruf. Kurzfristig geht es um volle Tanks in der Erntezeit und um Kerosin für die wachsende Luftfahrt. Langfristig stellt sie das Fundament der Energiebeziehungen infrage: Die enge Verflechtung mit dem russischen Markt, institutionell zementiert durch die Eurasische Wirtschaftsunion, erweist sich für die Staaten der Region als Klumpenrisiko - eine Ansammlung ökonomischer Ausfallrisiken. Jedes Land reagiert auf seine Weise: Kirgisistan sucht neue Lieferanten, Usbekistan baut Reserven auf, Kasachstan schottet seinen Markt ab, Tadschikistan schaut nach Iran. Ob daraus eine echte Diversifizierung wird oder nur Krisenmanagement, dürfte sich spätestens im Winter zeigen, wenn zum Treibstoff- auch der Strom- und Gasbedarf steigt. Sicher ist nur: Das alte Modell, in dem Russland liefert und Zentralasien abnimmt, funktioniert gerade in beide Richtungen nicht mehr.

Quelle: ntv.de

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