Politik

Zwei Jahre bis Europa Für afghanische Flüchtlinge gibt es keinen sicheren Ort

Sie haben es noch geschafft, bevor die Grenzen zu Pakistan geschlossen wurden: afghanische Familien in der südpakistanischen Grenzstadt Chaman.

Sie haben es noch geschafft, bevor die Grenzen zu Pakistan geschlossen wurden: afghanische Familien in der südpakistanischen Grenzstadt Chaman.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Auch nachdem die Evakuierung aus Kabul beendet ist, bleiben zahlreiche Menschen in dem von den Taliban eingenommenen Land zurück, die fliehen wollen. Der einzige Weg führt nun über die Landesgrenzen und weiter in die Türkei.

Seit die Taliban vor einigen Wochen Afghanistan viel schneller erobert haben, als westliche Staaten dies erwartet hatten, sind viele Menschen verzweifelt und wollen das Land schnellstmöglich verlassen. Ihnen bleibt nur der Landweg, da sowohl Deutschland als auch die USA und andere westliche Staaten ihre Luftbrücken beendet haben. Die verbliebenen Fluchtwege führen vor allem nach Iran und Pakistan.

Diese beiden Länder haben bereits 80 Prozent aller afghanischen Geflüchteten weltweit aufgenommen. An der Grenze zu Pakistan warten Tausende Afghanen auf die Ausreise. Allein im Iran befinden sich aktuell etwa drei Millionen afghanische Geflüchtete, von denen zwei Millionen ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land sind. Sie leben in ständiger Angst vor Anfeindungen und vor allem Deportation, sagt Nader Talebi vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung auf einer Pressekonferenz des Mediendienstes Integration. Talebi hat bereits mit afghanischen Geflüchteten im Iran gearbeitet und schätzt die Chancen auf eine sichere Zukunft in dem Land sehr gering ein.

Zudem sei die iranische Grenze gefährlich für Afghanen, selbst wenn sie eigentlich nur auf der Durchreise in die Türkei seien. In der iranischen Bevölkerung habe sich zwar eine Art Solidarität mit den Menschen in Afghanistan entwickelt, so der Experte. Generell herrsche im mittleren Osten die Auffassung vor, "entweder sind alle von uns frei, oder niemand". Aber die iranische Regierung habe aufgehört, Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen zu erteilen. Viele Geflüchtete nähmen daher die weite und gefährliche Reise in die Türkei auf sich, wo ihre Chancen auf Asyl allerdings nicht besser stehen.

Denn auch in der Türkei lebt bereits eine große Menge an Flüchtlingen aus Afghanistan. Dort machen sie den größten Teil der Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung aus, sagt die Politologin Deniz Sert von der türkischen Özyeğin Universität. Die Regierung spreche von 300.000 Afghanen, die sich momentan in der Türkei aufhielten. Sert schätzt die Dunkelziffer deutlich höher. Besonders in Istanbul habe sich eine Parallelgesellschaft afghanischer Geflüchteter gebildet. Sie spricht von ihnen als "Geister Istanbuls", da sie aus Angst vor einer Abschiebung versuchen, beinahe unsichtbar zu bleiben. Dennoch, so Sert, bilden sie das Rückgrat der Stadt. Denn sie arbeiten vor allem in Jobs, die "dreckig, gefährlich und erniedrigend" seien.

Kein Grund für "europäische Angst"

Nachdem die Türkei bereits 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, versuche die Regierung jetzt, sich gegen Schutzsuchende aus Afghanistan zu wehren, sagt Sert. Denn da Afghanistan kein direktes Nachbarland der Türkei ist, wolle die Regierung die Last nicht auf sich nehmen. Beispielsweise sollen Arbeitgeber für die Beschäftigung illegaler Geflüchteter zukünftig härter bestraft werden und Einreisende müssten etwa 5000 US-Dollar vorweisen können. Auch seitens der Bevölkerung seien Flüchtlinge mittlerweile oft Anfeindungen ausgesetzt.

In Griechenland rechnet der Soziologe Vassilis Tsianos nicht mit einer Menge an Geflüchteten wie 2015. Er beschäftigt sich mit der Grenzpolitik der griechischen Regierung und meint, dass die "europäische Angst" unbegründet sei, zumindest im Zusammenhang mit der Situation in Afghanistan. Aktuell kämen die meisten Menschen entweder aus Libyen, Tunesien oder dem Kongo über Malta oder die Kanarischen Inseln nach Europa. Für die Grenzen, an denen 2015 die meisten Geflüchteten ankamen, seien mittlerweile Sicherheitssysteme vorhanden. Außerdem benötigen Menschen aus Afghanistan über den Landweg zwei Jahre, um Griechenland überhaupt zu erreichen, so Tsianos.

Was mit den Menschen in Afghanistan geschieht, lässt sich also momentan noch schwer abschätzen. Wie hart und gefährlich die Reise in ein sicheres Leben tatsächlich ist, bleibe in der Debatte um die Aufnahme von Geflüchteten zu häufig unsichtbar, so die türkische Politologin Sert: "Die Menschen, mit denen wir sprechen, sind normalerweise die, die es geschafft haben. Wir hören aber nicht von den Menschen, die noch unterwegs sind oder dabei umkommen."

Quelle: ntv.de

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