Politik

Baerbock schönt Lebenslauf Für die Grünen gibt's was "auf den Helm"

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Musste bereits mehrere Stellen in ihrem offiziellen Lebenslauf korrigieren lassen: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

(Foto: imago images/photothek)

Im Lebenslauf der grünen Kanzlerkandidatin wurde schon kräftig korrigiert. Doch es tauchen immer wieder falsche Angaben auf und Formulierungen, die besser klingen als das, was dahintersteckt. Wie gefährlich wird es für Baerbock?

Robert Habeck würde das Thema "Falsche Angaben in Annalena Baerbocks Lebenslauf" gerne mal abschließen. Er gehe davon aus, "dass die Präzisierungen im Lebenslauf jetzt erfolgt sind", sagt der Grünen-Co-Chef am Montag in der digitalen Nachbetrachtung der Wahl in Sachsen-Anhalt. In der Tat hat die Partei in den vergangenen Tagen einige Angaben im CV der grünen Kanzlerkandidatin Baerbock "präzisiert", wie Habeck es nennt. Doch möglicherweise noch nicht genug.

Nach ungenauen und nicht korrekten Angaben Baerbocks zu Mitgliedschaften im renommierten German Marshall Fund (sie war Stipendiatin, ist aber nicht Mitglied), im Flüchtlingshilfswerk UNHCR (eine Mitgliedschaft ist nicht möglich, Baerbock unterstützt die UNO-Flüchtlingshilfe) und im Europa/Transatlantik-Beirat der Heinrich-Böll-Stiftung (sie war Mitglied, ist jedoch ausgeschieden), die das Team der Grünen-Chefin in den vergangenen Tagen korrigiert hatte, kursiert nun auf Twitter eine archivierte Website zu ihrer beruflichen Tätigkeit für die frühere Europa-Abgeordnete Elisabeth Schroedter.

Büroleitung wirft Fragen auf

Die Website, die aus dem Jahr 2006 stammt, stellt Baerbock im Team Schroedters vor als "technisch und inhaltlich für die Homepage" zuständig. Im Lebenslauf der Politikerin liest sich das anders: "2005 - 2008: Büroleiterin der Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter", fasst der Text dort zusammen. Als Büroleiterin gibt Schroedters Webseite von 2006 die Politologin Antje von Broock an.

Von Broock wurde im Dezember 2006 Bundesgeschäftsführerin der Umweltorganisation BUND, wie auf der dortigen Webseite zu erfahren ist. Auf die schriftliche Frage von ntv.de, wann sie ihren Leitungsposten im Schroedter-Büro an Baerbock übergab, antwortet sie nicht direkt, sondern erklärt lediglich, Baerbock und sie hätten beide Leitungsaufgaben übernommen. Ähnlich drückt es ein Grünen-Sprecher auf Anfrage aus: Baerbock sei 2005 zuerst als Mitarbeiterin eingestellt worden und "übernahm nach kurzer Zeit ausfallbedingt Büroleitungstätigkeiten". Ende 2006 wurde die jetzige Grünen-Chefin dann auch offiziell Büroleiterin.

So stimmen die ehemalige Bürochefin und der Parteisprecher in ihrer Darstellung überein. Tatsächlich finden sich in der Arbeitswelt viele Beispiele von Beschäftigungsverhältnissen, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über längere Zeit Aufgaben übernehmen, die jenseits ihres offiziellen Jobprofils liegen. Doch ob in diesem Fall die Erklärung des Parteisprechers greift, ein Lebenslauf stelle "kursorisch die wichtigsten Stationen und Tätigkeiten dar", ist doch fraglich.

Der Lebenslauf unterstreicht das Überflieger-Image

Kursorisch, also nicht auf Einzelheiten eingehend, wäre die Angabe, Baerbock sei von 2005 bis 2008 "unter anderem" Büroleiterin gewesen. Der tatsächliche Eintrag jedoch, "2005 - 2008: Büroleiterin der Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter" verdoppelt ihre offizielle Leitungsfunktion von zwei auf vier Jahre. Er suggeriert zudem, Baerbock habe sich nicht, wie häufig in beruflichen Laufbahnen, von einem einfacheren Posten an die Spitze hochgearbeitet, sondern sei direkt nach ihrem Studienabschluss in London als Bürochefin eingestellt worden. Er unterstreicht das Überflieger-Image der grünen Kanzlerkandidatin.

Womöglich um dieses nicht zu beschädigen, hat sich die Partei entschieden, das Narrativ des "kursorischen", also gewollt oberflächlichen Lebenslaufs trotz öffentlicher Kritik aufrechtzuerhalten. Oder das Kommunikationsteam mochte nicht schon wieder Hand an dieselbe Stelle anlegen, nachdem es gerade erst die Ortsangabe "Brüssel" aus dem CV-Eintrag getilgt hatte, als dazu kritische Nachfragen kamen. Baerbock war zwar auch in Brüssel für die EU-Abgeordnete Schroedter tätig, aber erst gegen Ende und zunächst längere Zeit in Schroedters Büros in Potsdam und Berlin.

Diese - weniger spektakulären - deutschen Standorte waren in der Ursprungsfassung ausgelassen worden, genauso wie der einfache Mitarbeiterposten. So wurde suggeriert, Baerbock habe vier Jahre lang Auslandserfahrung in leitender Funktion in Brüssel gesammelt.

Aus Sicht des Kommunikationsberaters Hendrik Wieduwilt sind die teils unpräzisen, teils falschen CV-Einträge ein Fehler, der den Grünen nicht hätte passieren dürfen. Es gehöre zum Standardverfahren, sagte Wieduwilt ntv.de, "dass man bei einer Kandidatin, die auf die Bühne tritt, alles abklopft, also sich von jeder Leiche im Keller erzählen lässt, damit das am Ende nicht rauskommt. Das weiß jeder, der 'House of Cards' geschaut hat."

Laut dem Experten sind es die Grünen noch nicht gewohnt, als Herausforderer so im Fokus zu stehen. "Die haben sich viel in einem Milieu bewegt und sind jetzt überrascht, dass sie nun von links und rechts und von morgens bis abends Kritik um die Ohren gehauen bekommen, zusätzlich zu dem rechtsextremen Dauershitstorm, den sie bändigen müssen."

Habeck sieht "optimale Ausgangslage" für Wahlkampf

Das ungeschickte und stückweise Korrigieren des Lebenslaufs in Kombination mit der verspäteten Anmeldung von 25.000 Euro Nebeneinkünften beim Bundestag stützt die Sicht Wieduwilts. Parteichef Habeck bemühte sich am Montag dennoch, den aktuellen Druck auf seine Parteifreundin und die Einbußen in den Umfragen als von der Partei vorausgeahnt darzustellen.

"Wir hatten nach der Nominierung von Annalena Baerbock einen absoluten Hochlauf. Es war aber auch völlig klar, dass der nicht bis September bestehen bleibt." Niemand bei den Grünen habe erwartet, "dass wir jetzt 28 Prozent durchschreiben". Viel mehr befindet sich die Partei aus Sicht Habecks in der Duellsituation mit der Union, die sie sich für den Beginn des Sommers gewünscht habe, und damit in optimaler "Ausgangslage für diesen Wahlkampf".

Wie gut die Ausgangslage tatsächlich ist, entscheidet jedoch nicht die Parteispitze, das wird in Zustimmungswerten deutlich. Laut dem Politologen Thorsten Faas ist das "Momentum" in dieser Situation entscheidend. Das habe damit zu tun, wie Personen und Parteien medial dargestellt werden, aber auch damit, wie sich innerparteiliche Stimmungen entwickeln: "Ist da Begeisterung? Oder gibt es eher Zweifel, die vielleicht sogar aus der Partei von anderer Seite verstärkt werden, was wir etwa in der Union gesehen haben."

Die Herausforderung dabei sei: "Solche Prozesse lassen sich nicht mal so eben stoppen oder gar drehen. Wenn es jetzt zuweilen heißt, dass dieses Muster etwa an Martin Schulz 2017 erinnert, ist das sehr gefährlich für die Grünen und Baerbock, weil damit doch auch ein gewisser Endpunkt schon angedeutet wird."

Baerbock muss in die Offensive gehen

Wichtiger denn je wird es nun für die Partei, mit Sachthemen zu punkten, um den Fokus zu verschieben. Sie muss in die Offensive gehen, "und den Gegner auch ein bisschen selbst zum Ziel machen", so Kommunikationsexperte Wieduwilt. Doch auch in den Sachthemen wird immer wieder Ungemach drohen, wie in der Debatte um die Benzinpreise bereits sichtbar wurde. Obwohl auch die Große Koalition nicht umhinkäme, den Spritpreis deutlich anzuheben, um ihr selbst gestecktes Einsparungsziel für den CO2-Ausstoß zu erreichen, und obwohl ein Teil dieser Spritpreiserhöhung längst beschlossen ist, erscheinen die Grünen in der Öffentlichkeit als die Partei, unter der alles teurer wird.

Faas sieht in diesem Fall "einen deutlichen Unterschied zwischen einer sehr breiten Unterstützung des Klimaschutzes, aber doch großen Kontroversen auf der Maßnahmenebene, die dann natürlich auch vom politischen Gegner genutzt werden, siehe Benzinpreis, siehe Einfamilienhäuser, siehe CO2-Bepreisung". Die richtige Mischung aus Abstrakt und Konkret zu finden, bleibe die Herausforderung für alle Parteien in einem Wahlkampf, "aber mir scheint, insbesondere für die Grünen". Oder, wie Habeck gegen Ende seiner Wahl-Analyse feststellt: "Dass es auf den Helm gibt, war uns ja klar."

Quelle: ntv.de

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