Politik
Emin spaziert die Istanbuler Einfkaufsstraße Istiklal herunter. Er fürchtet, dass die Türkei auch ihren letzten Rest an Leichtigkeit verliert.
Emin spaziert die Istanbuler Einfkaufsstraße Istiklal herunter. Er fürchtet, dass die Türkei auch ihren letzten Rest an Leichtigkeit verliert.(Foto: Issio Ehrich)
Sonntag, 16. April 2017

Referendum in der Türkei: Gegen Erdogan zur Not eine Flasche Whisky

Von Issio Ehrich, Istanbul

Ein Großteil der türkischen Gesellschaft ist liberal und weltgewandt. Ein Ja für Erdogans Präsidialsystem wäre für viele dieser Menschen kaum zu ertragen. Wie für den DJ Emin, für den es womöglich nur noch ums Überleben gehen würde.

Eine Altbauwohnung im Istanbuler Stadtteil Ömer Hayyam. An der Wand hängt ein Poster von Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange", in der Ecke liegen alte Fotoapparate, und hier und da kleine Tabakhaufen auf ausgelesenen Magazinen. Emin ist noch müde. Bis vier Uhr in der Nacht hat der DJ aufgelegt. Und die Party war nicht einmal beflügelnd. Emins Mitbewohnerin huscht durch die Küche. "Gestern waren nur zehn Leute da, oder?" Emin lächelt gequält. Wieder hinlegen ist jetzt leider keine Option.

In der Türkei ist Wahltag, und für den 32-Jährigen geht es um alles. Präsident Recep Tayyip Erdogan will per Referendum ein Präsidialsystem einführen, das viel Macht in seinem Amt bündeln würde. Emin will sein altes Leben zurück - ein Leben, in dem die Clubs in Istanbul noch voll waren.

Video

Bei einem Kaffee erinnert er sich an unser vorheriges Treffen. Zwei Tage nach dem Putschversuch im vergangenen Juli saßen wir in einem leeren Café im Viertel Cihangir. Schon damals war sein Lebensstil in Gefahr. Er prophezeite, dass Erdogan den Widerstand gegen den Putschversuch zum Gründungsmythos einer neuen Türkei, eines islamischen Staates, missbrauchen werde. Er sprach davon, auszuwandern, sobald er seine zögerlichen Eltern und Geschwister überzeugt habe, mitzukommen.

Emins Mitbewohnerin macht wieder einen ihrer Späße. Eigentlich hat sich seither doch nichts geändert. "Ich finde nur, dass Emin dicker geworden ist, oder?"

Während er seine Sachen packt, um zum Wahllokal zu gehen, sagt Emin: "Es ist schlimmer geworden." "Kasette, "Klein", "Glow", von den ganzen Clubs sei nur noch eine Handvoll übrig. "Vom Auflegen leben, keine Chance!" Um irgendwie über die Runden zu kommen, hilft Emin im Ledergeschäft seines Vaters. Aber dieser Tage geht es in der Türkei weiß Gott nicht nur darum, dass er mit seiner Leidenschaft seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Zu viele Niederlagen

Von Emins Wohnung in Ömer Hayyam geht es in Serpentinen hinunter nach Kasımpaşa. Sein Wahllokal ist eine religiöse Grundschule - ausgerechnet in dem Viertel, in dem Präsident Erdogan geboren und aufgewachsen ist.

Nach kaum fünf Minuten kommt er wieder aus dem Gebäude mit der brüchigen blauen Fassade heraus. War es ein erhebendes Gefühl, ein Kreuz bei "Hayir", also Nein zum Präsidialsystem, zu machen? "Mein Kopf war in dem Moment völlig leer", sagt Emin. "Ich habe so lange über all das nachgedacht, dass ich jetzt wie eine Maschine nur noch ausgeführt habe." Aber er sei optimistisch. "Hier in Kasımpaşa haben wir natürlich keine Chance, aber im ganzen Land... wer weiß." Emin erzählt von den vielen Menschen, die in sozialen Netzwerken und im Rahmen zivilgesellschaftlicher Aktionen aktiv geworden seien.

Gegner der geplanten Verfassungsänderung im Istanbuler Stadtteil Kadıköy.
Gegner der geplanten Verfassungsänderung im Istanbuler Stadtteil Kadıköy.(Foto: picture alliance / Tolga Adanali)

Kurz nach dem Putsch im vergangenen Jahr war Emin nicht so zuversichtlich. Warum jetzt? "Wir müssen optimistisch sein. Das ist wahrscheinlich unsere letzte Chance", sagt er. Außerdem hätten sie schon so oft verloren. Die schwerste Niederlage, von der er spricht, war die bei den landesweiten Gezi-Protesten. Die linke und liberale Türkei ging damals massenhaft gegen Erdogans autokratischen Kurs auf die Straße. Die Polizei reagierte mit Knüppeln und erstickte den Aufstand im Tränengas.

Im Sommer 2015 gelang es der linksliberalen kurdischen HDP, auch getragen durch ihre Haltung bei den Gezi-Protesten, dann erstmals ins türkische Parlament. Sie stahl der Regierungspartei AKP so die absolute Mehrheit. Doch Erdogan ließ daraufhin den Konflikt mit den gewaltbereiten Kurden wieder eskalieren. Er begann einen bürgerkriegsähnlichen Kampf im Südosten des Landes und nahm die HDP für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK in Mithaftung. Im Winter desselben Jahres holte Erdogan sich seine Mehrheit in vorgezogenen Neuwahlen zurück. Und dann kam der Putsch, auf den eine gewaltige Verhaftungswelle und ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit in der Türkei folgten. Fast alle Sender und Zeitungen, die nicht auf Regierungslinie waren, wurden geschlossen. Wer dieser Tage sagt, was er denkt, wird schnell als Putschist oder Terrorist gebrandmarkt.

Im "Artenschutzgebiet"

Emin zieht es wieder nach Cihangir, ein Viertel, das er gern als "Artenschutzgebiet" bezeichnet. An der richtigen Ecke kann man hier für einen Moment vergessen, was in der Türkei in den vergangenen Jahren passiert ist. Aber nur kurz. Am Nachbartisch des Cafés, in das sich Emin setzt, ist eine Frau, die sich das Gesicht von Berkin Elvan auf den Arm hat tätowieren lassen. Elvan ist der Junge, der während der Gezi-Proteste von einer Tränengas-Granate getroffen wurde, ins Koma fiel und Monate später seinen Verletzungen erlag.

Emin sagt, dass die Türkei dem islamischen Staat, vor dem er nach dem Putsch warnte, schon ein ganzes Stück nähergekommen sei. Er spricht davon, dass Rakı mit 100 Lira (rund 30 Euro) pro Flasche in Istanbul mittlerweile teurer sei als in den meisten anderen Staaten der Welt. Er berichtet von Busfahrern, die küssende Pärchen auf die Straße schmeißen und ihnen hinterher riefen, wo bloß ihr "Anstand" geblieben sei. Und er erzählt von religiösen Hetzern, die ungestraft die Vergewaltigung von Frauen regierungskritischer Journalisten zu "helal" (erlaubt) erklären könnten.

Bis die ersten Ergebnisse des Referendums veröffentlicht werden, sind es jetzt nur noch ein paar Stunden. "Ich werde versuchen, zu überleben", antwortet Emin auf die Frage, was er bei einem Sieg Erdogans tun wird. Seine Eltern seien zu alt für einen Umzug, und er kann sich ein Leben im Ausland nicht leisten. "Vielleicht komme ich in einem meiner verrückten Momente auf die Idee, in Frankreich Asyl zu beantragen." Emin lacht, und fügt schnell hinzu, dass es soweit noch nicht sei. Er glaube an das Nein der Türken.

Ein paar Stücke Börek und zwei Gläser Tee später wäre eigentlich die Gelegenheit gekommen, sich nach der anstrengenden Nacht im leeren Club doch nochmal hinzulegen. Wirklich müde wirkt Emin aber nicht mehr. "Ich geh mir jetzt 'ne Flasche Whisky kaufen", sagt er, "und setze mich vor den Fernseher, um mir das Spektakel live anzuschauen."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen