Politik

Aufgerüstete Flugabwehr-Panzer Das können die deutschen "Gepard"

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Deutschland liefert schweres Kriegsgerät in die Ukraine: Monate nach der Exportgenehmigung der Bundesregierung empfängt die Ukraine die ersten Flugabwehrpanzer vom Typ "Gepard". Was können die ausgemusterten Bundeswehr-Panzer ausrichten?

Im Ukraine-Krieg kommen schwere Waffen aus deutscher Produktion zum Einsatz: Die Ukraine hat die ersten Luftabwehrpanzer des Typs Gepard aus Deutschland erhalten. Die Lieferung beruht auf einer Übereinkunft mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht vom Mai. Damals hatte sich die Bundesregierung nach wochenlangem Zögern zur Freigabe von Panzerlieferungen für das Kriegsland durchgerungen. Die ersten drei deutschen Gepards erreichten die Ukraine nun zusammen mit mehreren Tausend Schuss Spezial-Munition. Erwartet werden zwölf weitere Gepard.

Die früheren Bundeswehr-Panzer standen seit ihrer offiziellen Ausmusterung vor zehn Jahren beim Hersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) auf Lager. Dort wurden sie nach Angaben von KMW technisch aufgearbeitet und auf einen neueren Stand gebracht. Weil es sich um Kriegswaffen handelt, konnten die gebrauchten Kettenfahrzeuge nicht einfach weiterverkauft werden. Nach deutschem Recht war für den Export von Rüstungsgütern eine Genehmigung der Bundesregierung erforderlich.

Im Kampf gegen die russische Invasionsarmee in der Ukraine könnten sich die Flugabwehrpanzer aus deutschen Beständen durchaus als hilfreich erweisen: Ausgelegt sind die rund 48 Tonnen schweren Waffensysteme auf die Abwehr von niedrig fliegenden Angreifern wie zum Beispiel Kampfhubschraubern oder Kampfjets. Bei der Bundeswehr waren sie in ihrer Rolle als Begleitpanzer vor allem für die mobile Flugabwehr zum Schutz von Panzerkolonnen vorgesehen.

Ausgestattet sind die Gepards mit einer radargesteuerten Zwillingsmaschinenkanone im Kaliber 35 Millimeter. Die Radar-Sensoren an dem rundum schwenkbaren Kampfturm können Ziele bis in einer Entfernung von 15 Kilometer auffassen, bei Tag und bei Nacht sowie bei jedem Wetter, wie der Hersteller betont. Im Ernstfall liefert ein Laser-Entfernungsmesser der dreiköpfigen Besatzung die Zieldaten, die im "digitalen Feuerleitrechner" automatisch auf die Turmsteuerung übertragen werden. Der Bordcomputer richtet die Geschütze aus, schwenkt mit dem anfliegenden Ziel mit und sorgt - je nach Geschwindigkeit des Angreifers - auch für den nötigen Vorhaltewinkel der Kanonen.

1632fb2465d45317b54e8fd276a0d6bf.jpg

Rund 48 Tonnen schwer und fast acht Meter lang: Die Bundeswehr gab ihre letzten Gepard-Flakpanzer bis 2012 an dne Hersteller zurück.

(Foto: dpa)

Gibt der Panzerkommandant den Abschuss frei, feuern die beiden Gepard-Geschütze mit einer theoretischen Rate von 1100 Schuss pro Minute auf das Ziel. Der Munitionsvorrat an Bord reicht jedoch nur für kurze Feuerstöße. Die maximale Reichweite der Schnellfeuerkanonen liegt bei rund 6000 Metern. Die effektive Kampfentfernung ist deutlich geringer: Gegen höher als 2500 Meter fliegende Bomber, Raketen oder Marschflugkörper können die deutschen Gepards wenig ausrichten.

Die komplett geländegängigen Gepards erreichen mit ihrem rund 830 PS starken Antrieb eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 65 Kilometern pro Stunde. Beim Transport auf der Straße reichen die mehr als 900 Liter Treibstoff an Bord für eine Strecke von rund 550 Kilometer. Der Zehn-Zylinder-Vielstoffmotor kann unterwegs allerdings mit allen gängigen Spritsorten betankt werden. Größere Strecken überwindet der Gepard jedoch besser auf der Schiene: Die Abmessungen des Fahrzeugs ermöglichen die Verladung auf gängige Güterwaggons.

"Die hohe Beweglichkeit im Gelände und die schnelle Schwenkbarkeit des Turmes ermöglichen die notwendigen äußerst kurzen Reaktionszeiten auf Bedrohungen aus der Luft", bewirbt der Hersteller die Fähigkeiten des Modells. "Ob Kampfhubschrauber, Kampfflugzeug, oder Drohne, die Ziele werden sicher mit den beiden 35-mm-Maschinenkanonen bekämpft." Die rund dreieinhalb Meter langen Geschütze lassen sich zur Not jedoch auch auf Bodenziele richten. Dort können sie im Ernstfall verheerende Wirkung entfalten: Spezielle panzerbrechende Munition macht die Gepards auch für angreifende Schützenpanzer zu einem gefährlichen Gegner.

Bei der Bundeswehr sahen die Militärplaner für das Modell "Gepard" dennoch keine Zukunft. Die im Kern aus den sechziger Jahren stammende Waffentechnik galt nach der Jahrtausendwende als überflüssig und veraltet. Flexible Flugabwehr-Teams mit tragbaren "Stinger"-Flugabwehrraketen sollten die Aufgabe der schwerfälligen, teuren und lauten Gepards übernehmen. In der Ukraine sollen die deutschen Gepard-Panzer dem Vernehmen nach Städte, Brücken und andere Einrichtungen der sogenannten kritischen Infrastruktur vor Angriffen aus der Luft schützen.

Beim deutschen Heer hatten die letzten Gepard-Flakpanzer 2010 ausgedient: Nach dem friedlichen Ende des Kalten Kriegs und mit der Neuausrichtung des deutschen Heeres waren die Spezialfahrzeuge in Deutschland überflüssig geworden. Das veraltete Gepard-System fiel den Sparzwängen zum Opfer. Vereinzelt übernahmen Exportpartner wie Brasilien oder Katar ausgemusterte Gepard-Panzer. Insgesamt wurden unter der Regie von KMW mehr als 570 Flakpanzer dieses Typs gebaut. Die neuesten Versionen können laut Hersteller auch ferngelenkte Flugkörper, Raketen und selbst Drohnen "zuverlässig" bekämpfen.

Die Gepard-Panzer wurden für Konfliktszenarien aus den Zeiten des Kalten Kriegs entwickelt. Mit ihrer Feuerkraft sollten sie als Abwehr- und Begleitfahrzeuge NATO-Kampfpanzer im Ernstfall auch durch schweres Gelände folgen können. Beim Bau der Gepard-Panzer übernahm KMW daher Rumpf und Fahrwerk vom Kampfpanzer Leopard 1. Die Zwillingsmaschinenkanone beiderseits des Kampfturms dagegen stammt aus der Schweizer Rüstungsschmiede Oerlikon.

Genau das brachte die geplante Gepard-Lieferungen an die Ukraine zeitweise ins Wanken: Die Schweizer Rüstungsexportkontrolle lehnte die Ausstattung mit Munition zunächst ab. Die Geschosse wurden bisher von Rheinmetall in der Schweiz produziert. Die erforderliche Freigabe aus Bern blockierte die Munitionslieferung, und ohne die speziellen 35-Millimeter-Geschosse waren die deutschen Panzer für die Verteidiger in der Ukraine komplett unbrauchbar. Erst Anfang Juli konnte die Bundesregierung in Norwegen dann einen geeigneten und lieferbereiten Hersteller ausfindig machen. Die Ausbildung ukrainischer Geschützführer konnte beginnen.

Dieser Artikel erschien in abgeänderter Form erstmals am 26. April 2022.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen