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In Deutschland sind viele Menschen arm. Schätzungen zufolge sind etwa rund 860.000 Menschen wohnungslos.
In Deutschland sind viele Menschen arm. Schätzungen zufolge sind etwa rund 860.000 Menschen wohnungslos.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 17. Oktober 2018

Schattenbericht zu Bedürftigkeit: Großer Handlungsbedarf bei Erwerbsarmut

Die deutsche Wirtschaft boomt, doch nicht alle profitieren davon. Für viele Menschen ist das Leben in Geldnot bittere Realität. Die Nationale Armutskonferenz stellt daher zahlreiche Forderungen an die Bundesregierung. Darunter: weniger Minijobs und mehr Hartz IV.

Die Nationale Armutskonferenz hat die Bundesregierung zur aktiven Bekämpfung von Armut aufgerufen. Vor allem mit Blick auf die Erwerbsarmut gebe es "enormen Handlungsbedarf", erklärte Barbara Eschen, Sprecherin der Armutskonferenz, anlässlich der Vorstellung des dritten Schattenberichts zur Armut in Deutschland. Obwohl Wirtschaft und Arbeitsmarkt boomten, sei für viele Menschen in Beschäftigung Armut "bittere Realität".

Dem Schattenbericht zufolge verdoppelte sich in Deutschland die Erwerbsarmut in den vergangenen zehn Jahren. Demnach stieg zwischen 2004 und 2014 der Anteil der "working poor" an allen Erwerbstätigen auf 9,6 Prozent. "Prekäre Beschäftigung schafft Unsicherheit, führt in Altersarmut und behindert die Lebensplanung", erklärte Eschen.

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Besonders problematisch sind laut Nationaler Armutskonferenz die Minijobs, die derzeit rund 7,5 Millionen Menschen verrichten. Diese ermöglichten in der Regel keinen Einstieg in gute Arbeit, sondern seien "berufliche Sackgassen mit mangelnden Perspektiven, niedrigen Einkommen und oftmals schlechten Arbeitsbedingungen", kritisierte Erika Biehn von dem Bündnis. Insbesondere Frauen seien hiervon betroffen. Die Bundesregierung müsse sich daher "für gute Arbeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung" einsetzen, statt "Arbeit um jeden Preis" zur Devise zu machen.

Weiter forderte die Nationale Armutskonferenz am internationalen Tag zur Beseitigung der Armut eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus sowie die "realistische Ermittlung angemessener Wohnkosten" in der Grundsicherung. Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, machte darauf aufmerksam, dass es nach Schätzungen zuletzt 2016 rund 860.000 Wohnungslose gegeben habe, darunter rund die Hälfte Flüchtlinge.

Erhöhung des Mindestlohns

Zudem kritisierte Eschen die Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger, die die Auflagen der Jobcenter nicht erfüllen. Es sei "äußerst fraglich", ob Sanktionen ein geeignetes Mittel seien, um Menschen "fit für den Arbeitsmarkt" zu machen. Sie forderte einen Verzicht auf Sanktionen und Druck in der Beschäftigungspolitik. Vielmehr müssten die Motivation und Selbstbestimmung der Menschen unterstützt werden. Notwendig seien zudem höhere Regelsätze in der Grundsicherung und eine weitere Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns.

Der Sozialverband VdK nannte Kinderarmut, Einkommensarmut und Altersarmut in einem reichen Land wie Deutschland "skandalös". VdK-Präsidentin Verena Bentele forderte die Bundesregierung auf, Armut zu bekämpfen, "indem man prekäre Arbeitsverhältnisse wie Minijobs, Befristungen und Leiharbeit eindämmt".

"Armut hat menschenrechtliche Dimension"

"Viele Menschen haben nicht genug zum Leben, und ehrenamtliche Hilfsangebote sind keine Lösung", sagte Eschen, Sprecherin der Armutskonferenz. "Armut in Deutschland hat eine menschenrechtliche Dimension", hob sie hervor. Sie zu bekämpfen sei "keine Wohltätigkeit, sondern eine Verpflichtung".

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte 1992 den heutigen 17. Oktober zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Armut erklärt. Die Nationale Armutskonferenz war im Jahr zuvor als Bündnis von Organisationen, Verbänden und Initiativen zur Armutsbekämpfung gegründet worden. Sie setzt sich für eine aktive Politik der Armutsbekämpfung ein. Dazu gehören unter anderen die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, die Diakonie Deutschland und der Paritätische Gesamtverband.

Quelle: n-tv.de