Politik

Sieht sich nicht als SchuldigeGrünenpolitikerin Mayer spielt Video-Wirkung für CDU-Misserfolg herunter

09.03.2026, 20:47 Uhr
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Das veröffentlichte Video sei keine Kampagne gewesen, sagt Mayer. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Auf der Suche nach Gründen für den ausgebliebenen Wahlsieg der CDU in Baden-Württemberg wird auch das Video des Spitzenkandidaten Hagel angeführt. Die Grünenpolitikerin Mayer hatte es veröffentlicht, will aber nicht als Schuldige dastehen. Sie vermutet eine Ausrede.

Die Grünen verdanken ihren Wahlsieg in Baden-Württemberg aus Sicht ihrer Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer nicht einem umstrittenen Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, das sie verbreitet hatte. "Wenn ein einzelnes Video eine Wahl entscheiden könnte, dann hätten wir ein grundsätzliches Problem", sagte die Karlsruherin den "Badischen Neuesten Nachrichten". "Ich glaube, die Menschen haben sehr bewusst gewählt."

Zwei Wochen vor der Wahl hatte Mayer in sozialen Medien einen acht Jahre alten Clip gepostet, in dem Hagel von den "rehbraunen Augen" einer minderjährigen Schülerin schwärmt. Unionspolitiker werfen den Grünen eine Schmutzkampagne vor. Die CDU landete bei der Wahl knapp hinter den Grünen.

"Wenn ich das Wort von der Schmutzkampagne höre, muss ich mich schon sehr zusammenreißen", sagte Mayer der Zeitung. "Ich finde es schwierig, als "die Schuldige" für die Wahlniederlage der CDU verantwortlich gemacht zu werden." Das sei sehr einfach gedacht und eine gefundene Ausrede dafür, sich keine Fehler einzugestehen. "Ich bin also froh, wenn langsam wieder Ruhe einkehrt."

Mayer: Vor der Wahl ist Relevanz da

Mayer betonte erneut, Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir habe vor der Veröffentlichung nichts davon gewusst. "Aber mein Anliegen war nie, jemandem einen Wahlsieg zu verschaffen, sondern eine Debatte anzustoßen." Sie räumte ein, das Video unmittelbar vor der Wahl veröffentlicht zu haben - "weil genau dann politische Relevanz da ist". "Wenn man über Sexismus in der Politik eine Debatte führen will, dann passiert das nicht im luftleeren Raum", sagte sie. "Nach der Wahl wäre das Interesse deutlich geringer gewesen." Eine Kampagne sei es aber nicht gewesen. Dann "wäre man ganz anders vorgegangen - strategischer und professioneller", so Mayer.

Man werde sehen, ob die Debatte die anstehenden Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU beeinflusst. "Ich fände es aber sehr unprofessionell, wenn die CDU jetzt dauerhaft beleidigt wäre, statt sich auf die eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren", sagte die Politikerin.

Baden-Württemberg habe große Herausforderungen. "Ich erwarte, dass nach einer Phase des Sortierens wieder Professionalität einkehrt und man sich zusammenrauft", erklärte Mayer. "Politik kann nicht darin bestehen, nach einem Rückschlag den Kopf in den Sand zu stecken."

Banaszak beklagt Verschiebung der Debatte

Derweil verteidigte auch Grünen-Parteichef Felix Banaszak die Bundestagsabgeordnete. "Ich fand es legitim, dass sie diesen Clip gepostet hat", sagte Banaszak in der ntv-Sendung "Pinar Atalay". Er beteuerte, im Vorfeld nichts von dem Video gewusst zu haben. Auf die Frage, ob er es ansonsten verhindert hätte, sagte Banaszak: "Das weiß ich nicht. Ich will das ganz offen sagen, weil ich die Verschiebung der Debatte an der Stelle ehrlicherweise nicht verstehe. Das ist eine Kollegin von mir, die hat selbst mit 14, 15 angefangen Politik zu machen, und hat ganz häufig die Erfahrung gemacht, dass ältere Männer, vermutlich auch aus meiner Partei, sich unangemessen, übergriffig ihr gegenüber verhalten haben." Banaszak ergänzte bei "Pinar Atalay": "Ich bin ein bisschen irritiert davon, dass das Posten dieses Ausschnitts tatsächlich intensiver diskutiert wird als der Ausschnitt selbst.

Umfragen der vergangenen anderthalb Jahre scheinen Mayers These von der überschaubaren Bedeutung des Videos zu stützen. So erreichte die CDU in einer Umfrage für die "Schwäbische Zeitung" im Dezember 2024 noch 34 Prozent, die Grünen standen seinerzeit bei gerade einmal 20 Prozent. Seither ging der Zuspruch zur CDU kontinuierlich zurück. Mitte Oktober 2025 kam die CDU in einer Umfrage für die "Stuttgarter Zeitung" nur noch auf 29 Prozent. Die Grünen lagen weiterhin bei 20 Prozent, kletterten aber bereits Mitte Januar, also deutlich vor Veröffentlichung des Videos, auf 23 Prozent. In einer Umfrage für die "Bild"-Zeitung weniger Tage vor der Wahl lagen die Grünen noch immer nur bei 24 Prozent.

Hagel ist vielen Wählern kaum bekannt

Einige Beobachter sehen am Ende eine klare Zuspitzung auf die beiden Spitzenkandidaten von CDU und Grünen. Ein Beleg dafür ist, dass die Wahlergebnisse von SPD, FDP und Linken deutlich schlechter ausfielen, als Umfragen es wenige Wochen vor der Wahl erwarten ließen. Und, Özdemir, der bereits Bundesminister in der Ampelkoalition war, war deutlich mehr Wählern in Baden-Württemberg bekannt, als sein Konkurrent von der CDU. Laut Infatest-dimap war Manuel Hagel Anfang 2026 etwa der Hälfte der Wählerschaft nicht oder kaum bekannt. In diesem Punkt hatte der grüne Spitzenkandidat klare Vorteile.

Zudem hatte ein weiteres Video den CDU-Spitzenkandidaten unter Druck gebracht. Das ARD-"Mittagsmagazin" hatte Hagel wenige Tage vor der Wahl bei einem Termin in einer Gemeinschaftsschule begleitet. Dort äußerte sich die Lehrerin der Klasse kritisch gegenüber Hagel und fragte ihn umfangreich zu seinen Plänen für die Schulpolitik aus. An einem Punkt fährt Hagel der Lehrerin über den Mund und sagt, er spräche mit den Kindern. Hagel selbst konstatierte später, dass er hätte freundlicher reagieren können.

Quelle: ntv.de, als/dpa

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