Politik

Sommerreise durch die Heimat Grünes Spitzenduo auf Stimmenfang

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Nicht er selbst sei wichtig, sondern Kandel, sagt Habeck.

(Foto: dpa)

Unter dem Motto "Des Glückes Unterpfand" will das Grüne Spitzenduo Wählerstimmen und Parteimitglieder gewinnen. Die Vision von Grünen-Chef Habeck klingt nach "En Marche" und Veränderung. Die Basis und der linke Flügel der Partei sehen das kritisch.

Südpfälzische Provinz, Fachwerkhäuser, verschlafener Marktplatz, die Sonne knallt. Kandel könnte nicht friedlicher wirken als an diesem Juli-Nachmittag. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass sich hier seit Monaten immer wieder Rechte und Gegendemonstranten gegenüberstehen, dass sich seit dem Mord an der 15-jährigen Mia in diesem 9000-Einwohner-Städtchen die politische Spaltung Deutschlands wie unter einem Brennglas gebündelt beobachten lässt. Deutschland 2018 - Kandel ist ein wichtiger Teil davon. Eine Stadt wie geschaffen für eine Sommerreise, die Grünen-Chef Robert Habeck zu sehr deutschen Orten bringen soll. Motto: "Des Glückes Unterpfand". Eine Zeile aus der Nationalhymne also, passend zur neuen politischen Heimat-Debatte.

Habeck war am Hermannsdenkmal, in einer Bundeswehrkaserne, in der Frankfurter Paulskirche und im Hambacher Schloss. Jetzt Kandel, wo mutmaßlich ein junger Afghane seine deutsche Ex-Freundin erstochen hat, kurz nach Weihnachten. Der Prozess läuft, die politische Debatte auch. Nicht er selbst sei wichtig, sondern Kandel, sagt Habeck. Auf den Stuhlreihen in der Stadthalle sitzen Leute, die gegen die AfD und rechte Demos auf die Straße gehen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, die Grüne wählen oder Grüne wählen könnten. Das Bündnis "Wir sind Kandel" schreibt den Ortsnamen in bunten Buchstaben und stellt sich gegen Ausländerhass und Hetze. Heimspiel für Habeck. Er will zuhören: Wie ist hier das Lebensgefühl, wie groß ist der Druck?

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Eine Sommerreise mit Nationalhymnen-Motto klingt erst mal nicht nach Grünen - und passt genau deswegen zu Habeck und Mit-Parteichefin Annalena Baerbock, die ihn im August beim Durchs-Land-Fahren ablöst und unter anderem die Polizei und den Zoll an der polnischen Grenze besuchen will. Die beiden sind angetreten mit dem Ziel, über die typische Klientel der Partei hinaus zu wachsen. Vor allem Habeck klingt, als wolle er eine Bewegung à la "En Marche" von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gründen. Einigkeit, Recht und Freiheit stünden unter Druck, sagt er. Gegen autoritäre Strömungen aufzustehen, bedeute, "dass man, solange man auf der Seite der liberalen Demokratie steht, bündnisfähig ist miteinander".

Wenig später sitzt der 48-Jährige im ICE Richtung Schleswig-Holstein, wo er nur noch ein paar Tage lang Agrar- und Umweltminister ist, bevor er zum Vollzeit-Parteichef wird. Natürlich sei das Reisemotto eine Kampfansage an die AfD, an Nationalisten. "Die haben es genau verstanden, was wir damit wollen, nämlich nicht mehr in der Defensive Vorschläge kommentieren, sondern eine eigene, offensive Erzählung von einer Bundesrepublik Deutschland entwickeln", sagt er. "Im Internet wird jede Form von Hass über uns ausgekippt."

Trittin: "Grün - nicht liberal"

Von seinen Reiseerlebnissen erzählt Habeck begeistert. "Da findet sich gerade eine krasse politische Energie in der Gesellschaft, die nicht taten- und sprachlos zusehen will, wie die liberale Demokratie abgeschlachtet wird", sagt er. "Und jetzt ist die Frage: Wie findet diese Energie eine Form, eine Sprache, einen Ausdruck?" Da machten die Grünen ein Angebot. Das klingt wieder nach großer Bewegung. Das Konzept geht vorerst auf. Im Bund sind sie von knapp neun Prozent bei der Bundestagswahl in Umfragen nun auf 12 bis 14 geklettert. Wichtiger ist der Blick nach Bayern, wo im Oktober gewählt wird: 14 bis 16 Prozent, zweitstärkste Kraft vor SPD und AfD, die Möglichkeit einer tiefschwarz-grünen Koalition mit der CSU spukt in den Köpfen herum.

Doch das neue Volkspartei-Gebaren könnte einen Preis haben innerhalb der Partei. Wer Erfolg hat, hat Recht - so einfach ist es bei den Grünen nicht. "Ich weiß, dass ein Bezug auf die Nationalhymne bei einigen Grünen Stirnrunzeln und mehr auslöst", sagt Habeck. Prompt meldet sich am Wochenende Jürgen Trittin zu Wort, der einflussreiche Linksgrüne, und teilt unter der Überschrift "Grün - nicht liberal" aus. Zwar ärgert er sich in seinem Blog-Beitrag in erster Linie über die parteinahe Böll-Stiftung, spottet aber auch über die "Sommertour ins Glück (#desglückesunterpfand)".

Ohnehin dürfte es bald ein Sommergewitter geben bei den Grünen. Die Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als "sichere Herkunftsstaaten" ist Zündstoff, weil der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Bundesrat erneut zustimmen könnte, während ein Großteil der Partei dagegen ist. Wie schnell der Mitte-Kurs bei den eigenen Leuten anecken kann, erlebt Habeck auch in der Stadthalle Kandel. Vorsichtig fragt er seine Zuhörer, ob sie sich auch mal selbst mit Vorurteilen ertappten. Empörtes Kopfschütteln, Widerspruch. Man müsse doch auch sagen, fährt Habeck fort, dass man manchen Menschen aus anderen Kulturen eben beibringen müsse, dass Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus in Deutschland keinen Platz hätten. Und bekommt prompt zu hören, das "Gerede von kulturell bedingter Gewalt" sei "ziemlich rassistisch". Das passiert einem Grünen-Chef selten.

Quelle: n-tv.de, Teresa Dapp, dpa

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