Politik

Propagandakrieg um Massenmord Hat Russland ein Massaker an Gefangenen verübt?

308053625.jpg

Die Außenansicht des zerstörten Kriegsgefangenenlagers zeigt Brandspuren, aber intakte Außenwände.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag, den 29. Juli, ereignet sich östlich des Dorfes Oleniwka eine Explosion. Der Vorfall geschieht in einem Gebäudekomplex, in dem bis zu Tausend ukrainische Kriegsgefangene festgehalten werden. Russland meldet am folgenden Morgen Dutzende Tote und Verletzte unter den Ukrainern. Da die Detonation des Gebäudes von keiner Seite auf einen Unfall - wie etwa eine Gasexplosion - zurückgeführt wird, sondern auf Beschuss, handelt es sich um ein Kriegsverbrechen: Ein Gebäude, von dem beide Kriegsparteien wussten, dass dort zahlreiche Menschen festgehalten werden, wurde offensichtlich gezielt beschossen. Wer aber ist für dieses Verbrechen verantwortlich? Russen wie Ukrainer beschuldigen einander, sehen in dem Massenmord einen Beweis dafür, wie bösartig und skrupellos die Gegenseite diesen Krieg führt. Aus der Ferne verfügbare Hinweise deuten aber eher auf Russland und seine separatistischen Verbündeten als Urheber dieses Verbrechens.

Wer wurde getötet?
Nachdem russische Quellen von zunächst 40 Toten und 75 Verletzten sprachen, ist die Zahl inzwischen auf mehr als 50 Tote gestiegen. Das russische Innenministerium soll auch Namenslisten veröffentlicht haben, doch ukrainische Behörden warnen, die Liste sei noch nicht überprüft. Der ukrainische Militärgeheimdienst ging zunächst von 40 Toten und 130 Verletzten aus. Im Internet verbreitete Video-Aufnahmen zeigen verkohlte und zerfetzte Leichen inmitten von Schutt. Die Opfer hatten, als sich die Explosion ereignete, mutmaßlich auf den zahlreichen Etagenbetten geschlafen, deren Eisengerippe weiter gut zu erkennen sind. In dem Lager sollen vor allem Angehörige des Asow-Regiments festgehalten worden sein. Dieses aus einem Freiwilligen-Bataillon mit engen Bezügen zu ukrainischen Rechtsextremisten hervorgegangene Regiment wird in der russischen Propaganda immer wieder als Beleg dafür angeführt, dass in Kiew ein faschistisches Regime herrsche. Bei der Verteidigung von Mariupol und des örtlichen Asowstal-Stahlwerks hatten die Asow-Soldaten über Wochen zahlreiche Kräfte der russischen Armee gebunden.

Was ist das für ein Lager?

Die Strafkolonie Yelenovka - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ort in Russland - liegt südlich der Stadt Donezk im ukrainischen Oblast Donezk. Die Region steht quasi vollständig unter russischer Kontrolle und firmiert als angeblich unabhängige, tatsächlich aber von Russland gesteuerte und finanzierte Volkrepublik Donezk. Das Lager war ukrainischen Angaben zufolge schon vor dem Krieg 2014 ein Gefangenenlager und wurde nach 2014 von den Donezk-Separatisten als Kriegsgefangenenlager weitergeführt. Es handelt sich um einen ummauerten Gebäudekomplex östlich des Dorfes Oleniwka, ganz im Westen des Oblast Donezk. Auf Telegram findet sich eine Gruppe ehemaliger ukrainischer Kriegsgefangener und Angehörigen von Inhaftierten, die dort seit dem 26. Juli Informationen ausgetauscht haben. Das Lager war als solches öffentlich bekannt.

Mehr zum Thema

Wie lautet die russische Darstellung?
Noch am ersten Tag legten sich Russlands Behörden und staatliche sowie staatsnahe Medien fest: Das Lager sei von der ukrainischen Seite mithilfe des von den USA gelieferten, mobilen Mehrfachraketenwerfers HIMARS beschossen worden. Andrey Rudenko, der als Frontreporter als einer der bekanntesten russischen Kriegspropagandisten gilt, verbreitete bereits am Morgen nach der Explosion Bilder aus dem Lager. Am Nachmittag legte Rudenko einen Video-Clip nach, in dem auf einer Holzbank ausgelegte Splitterteile zu sehen sind, angebliche Überreste eines HIMARS-Geschosses. Das Problem: Der Metallschrott liegt nicht mehr an der Fundstelle, ist also nicht am vermeintlichen Einschlagort fotografiert worden, obwohl laut Rudenko staatliche Ermittler zugegen waren, um das vermeintliche Kriegsverbrechen der Ukrainer zu dokumentieren.

Welche Argumente führt die russische Seite an?
Rudenko stellte noch am 29. Juli eine direkte Beziehung zu von ihm verbreiteten Videos aus derselben Woche her, in denen gefangene Asow-Soldaten unter unklaren Umständen von Morden an Zivilisten berichten, die ihnen Präsident Wolodomyr Selenskyj befohlen habe. Rudenko behauptet daher, Kiew habe die Gefangenen per Massenmord vom "Reden" abhalten wollen. Leonid Miroshnik, der in Moskau die selbsternannte Volksrepublik Luhansk vertritt, sagte laut Ria Nowosti, Selenskyj habe die eigenen Soldaten dafür bestrafen wollen, dass sie sich den Russen ergeben haben, und habe sie außerdem zum Schweigen bringen wollen.

Wie lautet die ukrainische Darstellung?
"Die Streitkräfte der Russischen Föderation haben gezielt mit Artillerie eine Justizvollzugsanstalt in der Siedlung Oleniwka im Gebiet Donezk beschossen, in der auch ukrainische Gefangene festgehalten wurden", erklärte der ukrainische Generalstab am 29. Juli. Die ukrainische Armeeführung geht von einer "false flag"-Operation aus - einer russischen Tat, die der Ukraine in die Schuhe geschoben werden soll. So solle die ukrainische Bevölkerung gegen ihre gewählte Führung aufgebracht und die Versorgung mit westlichen Waffensystemen gestört werden. Tatsächlich geben die NATO-Staaten ihre Waffen nur unter Auflagen weiter, wie etwa ein Verbot, das Kriegsmaterial für Angriffe auf russisches Territorium zu nutzen. Der ukrainische Militärgeheimdienst (GUR) behauptete gar, Jewgeni Prigoschin - der Putin-nahe Chef des Söldnerunternehmens Wagner -, habe den Angriff befohlen, um die Zweckentfremdung von Geldern zur Versorgung von Kriegsgefangenen zu vertuschen. Was Wagner mit der Versorgung von Kriegsgefangenen in der Volkrepublik Donezk zu tun haben soll, blieb indes unklar.

Welche Argumente führt die ukrainische Seite an?
Kiew bestreitet, an dem Tag das Gebiet beschossen zu haben und erhält Zuspruch von zahlreichen Hobby-Ermittlern im Internet, die frei verfügbare Quellen zur Aufklärung nutzen (Open Source Inteligence, Abkürzung OSINT). Hierzu gleich mehr. Grundsätzlich scheint es aber plausibler, dass die ukrainische Seite kaum Nutzen aus so einem Massenmord an den eigenen Leuten ziehen würde. Die Kriegsgefangenen des Asow-Regiments waren aus Kiew zur Aufgabe autorisiert worden und der Tod dieser Kämpfer ist nicht im geringsten geeignet, der russischen Propagandamühle das Wasser zu entziehen. Schließlich hält Russland Tausende Ukrainer gefangen, die sich unter unklaren Umständen zu Aussagen gegen Kiew bereit erklären. Aber auch Kiews Darstellung ist nicht konsistent: Weder gibt es Hinweise auf breiten Artillerie-Beschuss auf das Lager noch ist bislang berichtet worden, dass die Wagner-Gruppe in die Betreuung von Kriegsgefangenen involviert ist.

Welche Spuren und Hinweise lassen sich deuten?

308325329.jpg

Das Dach des zerstörten Neubaus ist auf Satellitenbildern klar zu erkennen. Drum herum liegt kein Schutt und es gibt keine weiteren Einschläge.

(Foto: picture alliance/dpa/Maxar Technologies/AP)

Auffällig ist der Zustand des zerstörten Gebäudes. Es soll sich um einen Neubau handeln, in den die Kriegsgefangenen erst zwei Tage vor dem Angriff aus den bislang genutzten Zellenblöcken überführt wurden. Nur dieses eine Gebäude ist explodiert, und das offenbar recht mittig - es wäre ein Volltreffer mit nur einem Schuss. Auf keinem Bild aber ist ein Einschlagkrater zu erkennen und es scheint auch kein Schutt um das Gebäude herum zu liegen. Außer dem Blechdach ist die Gebäudestruktur zudem nicht zerstört worden. Der in von russischer Seite verbreiteten Videos zu erkennende Schaden zeugt von großer Rausch- und Hitzebildung. Doch Bilder anderer, nachweislicher HIMARS-Einschläge zeigen auch erhebliche Schäden an Mauern und Wänden sowie Einschlagkrater. OSINT-Analysten vermuten daher eine andere Explosionsursache als HIMARS-Raketen. Diese könnten dann zwar auch von der ukrainischen Seite stammen, aber warum legt sich die russische Seite so früh und entschieden auf HIMARS-Geschosse fest und präsentiert deren vermeintliche Überbleibsel? Auffällig ist auch, dass anders als bei vielen anderen Angriffen auf beiden Seiten bislang keine von Zivilisten gefilmten Aufnahmen des Angriffs im Internet aufgetaucht sind. Ferner wurden keine Verletzten auf russischer beziehungsweise Donezker Seite gemeldet.

Was sagen Experten?
Die von russischer Seite veröffentlichten "Bilder zeigen Feuerschäden, aber nicht die Art Schäden, die ein HIMARS-Angriff wahrscheinlich verursacht hätte", hält das amerikanische Institute for the Study of War schon am Tag nach dem Angriff fest. Verfügbare Spuren würden demnach eher die ukrainische Version der Ereignisse stützen, doch ein unabhängiges Urteil sei aus der Ferne unmöglich. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen, zumal das Rote Kreuz nach der Genfer Konvention jederzeit Zugang zu Kriegsgefangenen erhalten muss. Bis zum Sonntagnachmittag ist dieser Zugang dem IKRK nach eigenen Angaben aber verwehrt geblieben. Das russische Außenministerium lud am Samstag nach eigener Darstellung das IKRK sowie Vertreter der Vereinten Nationen zu einer unabhängigen Untersuchung ein. Doch je später Ermittler vor Ort gelassen werden, desto schwieriger die Beweisaufnahme.

Gibt es andere Hinweise zur Schuldfrage?
Grundsätzlich ist die Unterbringung der Kriegsgefangenen nur 10 bis 15 Kilometer hinter der Front problematisch. "Die Kriegsgefangenen werden nach ihrer Gefangennahme möglichst bald in Lager geschafft, die von der Kampfzone so weit entfernt sind, dass sie sich außer Gefahr befinden", heißt es in Artikel 19 der dritten Genfer Konvention. Aber: Je nach Munition könnten HIMARS auch bis zu 300 Kilometer weit schießen, also auch alle anderen Orte der selbsternannten Volksrepublik Donezk erreichen. Da es in den Tagen keine direkten Gefechte in der Region gab, deutet nichts auf einen versehentlichen Treffer durch eine der beiden Kriegsparteien.

Was bleibt?
Auf beiden Seiten tobt seit Tagen ein Informationskrieg. Ein ukrainischer Videoblogger, der mit Erlaubnis des Verteidigungsministeriums regelmäßig Kriegsgefangene interviewt und Reuegeständnisse einfordert, erniedrigte mehrere Männer, indem er den Russen Bilder aus Oleniwka zeigte und ihnen erklärte, dass sie nun erst Recht nicht gegen ukrainische Kriegsgefangene getauscht würden. OSINT-Blogger entdeckten auf Satellitenbildern Hinweise auf Gräber, die schon vor dem 28. Juli auf dem Lagergelände ausgehoben worden seien. Sie spekulieren, die russische Seite habe mit dem Angriff Mord und Folter an den Kriegsgefangenen vertuschen wollen. Auf russischer Seite ebbt das Material an grausigen Aufnahmen von Toten und Verwundeten nicht ab, die zeigen sollen, wie barbarisch die vermeintlich faschistische Ukraine die eigenen Leute behandele.

Wie die Massaker an Zivilisten in Butscha oder der Angriff auf die Geburtsklinik in Mariupol reiht sich auch dieses Verbrechen ein in die lange Liste an Massakern in diesem Krieg, für die niemand die Verantwortung übernimmt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen