Politik

Wahl-Talk bei "Anne Will" Haucht Macron Europa wieder Leben ein?

Emmanuel Macron ist Frankreichs neuer Präsident - und verspricht nicht nur, "die Einheit der Nation zu sichern", sondern auch, die Bürger wieder mit Europa auszusöhnen. Bedeutet der Erfolg des 39-Jährigen auch eine Kehrtwende für die Stimmung im Rest der EU?

Die wichtigste Nachricht dieser historischen Wahlnacht zuerst: Gut 66 Prozent der Franzosen haben gegen Marine Le Pen gestimmt und damit verhindert, dass in den nächsten fünf Jahren eine EU-Gegnerin die Grand Nation anführt. Dass aber ebenjene 66 Prozent, die ihr Kreuzchen bei Emmanuel Macron gemacht haben, auch explizit für den wirtschaftsliberalen Ex-Banker stimmten, darf dabei bezweifelt werden. Eine politische Wahrheit, die Macron selbst aufgreift, als er mit ernster Miene seine Ansprache in der Wahlkampfzentrale hält: Sein Ziel sei es, "die Einheit der Nation zu sichern" und die Bürger wieder mit Europa auszusöhnen, sagt der neue Präsident. Was genau das für das restliche Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen zu bedeuten hat, möchte Anne Will am späten Sonntagabend mit ihren Gästen diskutieren.

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Wills Gäste, von links nach rechts: Xavier Bettel, Gesine Schwan, Ursula von der Leyen und Alfred Grosser.

(Foto: NDR / Wolfgang Borrs)

Ins Studio bequemt haben sich neben der Politologin Gesine Schwan und dem luxemburgischen Premierminister Xavier Bettel auch der französische Publizist Alfred Grosser sowie Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

"Macron hat immer versucht zu einen, hat Hoffnung und Zuversicht versprochen - und er ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit Europa wieder Wahlen gewinnen kann", eröffnet die Ministerin nach dem Eingangsgeplänkel die Diskussion und glaubt bei Macrons Erfolg auch an gutes Timing: "Die Zeit seit dem Brexit und den Wahlen in den USA hat vielen Menschen die Augen geöffnet und ihnen gezeigt, dass die einfachen Antworten der Populisten nicht mehr greifen. Ein erstes Beispiel waren die Wahlen in Österreich, nun folgt das starke Statement in Frankreich, auch wenn 34 Prozent für Le Pen natürlich noch viel sind."

"Das Europa der Staaten ist eine Realität"

Auch der luxemburgische Premier mahnt an, das vergleichsweise gute Ergebnis Le Pens in der allgemeinen Erleichterung nicht zu vergessen: "Ich bin der Überzeugung, dass Herr Macron tut, was er versprochen hat, aber er braucht dafür auch eine Mehrheit. Und die elf Millionen Franzosen, die für Le Pen gestimmt haben, werden ihm das schwer machen", sagt Bettel. Dass nicht nur die Le-Pen-Wähler Macron in die Parade fahren könnten, davon ist indes Alfred Grosser überzeugt: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir nach den Sommerferien Hunderttausende auf den Straßen sehen werden, weil Macrons Versprechen die Gewerkschaften verärgern", gibt der mittlerweile 92-Jährige zu bedenken, der sich seit Jahrzehnten für die deutsch-französische Völkerverständigung einsetzt. Grosser spielt damit vor allem auf Macrons Ankündigungen an, Frankreich mit rigorosen Sparmaßnahmen und Einschnitten im aufgeblasenen Beamtenapparat wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Dass der frischgebackene Präsident an vielen Fronten kämpfen muss, scheint sicher. Was das allerdings konkret für die Zukunft Europas heißt, wird an diesem Abend nicht klar - über Allgemeinplätze kommt die Talkrunde nicht hinaus. So stellt der luxemburgische Premier fest, dass Macron "immer zu Europa" stand und das "auch nach der Wahl" noch tun werde, während von der Leyen es richtig findet, dass "man seine eigene wirtschaftliche Stärke entwickelt, um dann gemeinsam Europa voranzubringen" und Schwan konstatiert, dass "das Europa der Staaten eine Realität" sei und die ständige Vertretung der Regierungen die alleinige Macht besitze.

Ähnlich unspezifisch geht es den Rest der Sendung weiter, Neues muss man als Zuschauer mit der Lupe suchen. Das geht schließlich so weit, dass Anne Will die letzten zehn Minuten der Show damit verbringt, Ursula Leyen noch einmal wegen deren Aussage ins Kreuzverhör zu nehmen, die Bundeswehr habe ein Haltungsproblem. Wer sich zumindest hier Neuigkeiten erhofft, wird allerdings enttäuscht, die Ministerin laviert sich einigermaßen geschickt aus der Nummer heraus.

Wenn schon nichts Handfestes von diesen 60 Minuten übrig bleibt, so gibt doch die selten um mahnende Worte verlegene Gesine Schwan den Zuschauern auch diesmal einen unheilvollen Appell mit auf den Weg: "Uns geht es in Deutschland doch viel, viel besser als den Menschen in den anderen europäischen Ländern. Und wenn wir kein Gespür für die Menschen in Frankreich oder den südlichen Ländern entwickeln, wird uns dieses Europa um die Ohren fliegen." Immerhin: Mit Emmanuel Macron als Präsident dürfte das nicht ganz so schnell passieren wie mit einer Marine Le Pen an der Spitze Frankreichs.

Quelle: n-tv.de

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