Politik

Fridays-Aktivist Jakob Blasel "Herr Lindner hat einiges nicht verstanden"

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Auftakt in Australien: Fridays For Future findet heute in mehr als 100 Ländern statt.

(Foto: dpa)

Weltweit demonstrieren heute Schüler und Studenten für den Klimaschutz. Zu den Organisatoren in Deutschland gehört Jakob Blasel, der gerade Abitur macht. Er würde sich schon gern mehr um die Schule kümmern, sagt er. "Aber dafür müssten erstmal die Politikerinnen und Politiker ihre Hausaufgaben machen."

n-tv.de: Sie haben wahrscheinlich mitbekommen, was der FDP-Chef über Fridays For Future gesagt hat. Hätten Sie Lust, sich mal mit Christian Lindner zu einer Diskussion zu treffen?

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Jakob Blasel ist 18 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Kiel und geht derzeit aufs Gymnasium. Zusammen mit Luisa Neubauer gehört er zu den Organisatoren von Fridays For Future in Deutschland.

(Foto: dpa)

Jakob Blasel: Auf jeden Fall. Ich glaube, Herr Lindner hat einiges noch nicht verstanden - vor allem nicht, wer beim Thema Klimawandel die Profis sind. Das würde ich ihm gern mal persönlich erklären.

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann demonstrieren Sie in der Schulzeit, um mehr Aufmerksamkeit zu erreichen. Das klappt ja auch ganz gut. Könnten Sie da nicht jetzt auf die Nachmittage oder die Wochenenden umstellen?

Nein, dann wären wir nicht mehr so stark. Für uns ist es echt wichtig, weiterhin unbequem zu sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Fridays For Future in ihrem wöchentlichen Video aus dem Kanzleramt ausdrücklich gelobt. Aber sie sagte auch: "Wir müssen Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auf der einen Seite mit den Zielen des Klimaschutzes versöhnen." Haben Sie Verständnis für einen solchen Ansatz?

Ja, klar. Aber erst mal zum Lob von Angela Merkel: Als Kanzlerin lässt sie die Klimazerstörung zu - wie kann sie uns da loben? Dass Arbeitsplätze beziehungsweise Wirtschaft und Klimaschutz miteinander versöhnt werden müssen, denke ich auch. Aber die Klimakrise sollte dabei oberste Priorität haben. Das ist ein Problem, das uns alle betreffen wird, das wird weitaus gravierender sein als etwaige wirtschaftliche Schwierigkeiten. Deshalb sollte dieses Thema die große Linie für jedes politische Handeln sein.

Auf der Sicherheitskonferenz in München hatte die Kanzlerin etwas ganz anderes über Fridays For Future gesagt. Im Zusammenhang mit hybrider Kriegsführung durch Russland sagte sie, "dass plötzlich alle deutschen Kinder - nach Jahren ohne jeden äußeren Einfluss - auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen". Was finden Sie schlimmer: Wenn die Kanzlerin Fridays For Future lobt oder wenn sie die Demos als ferngesteuert darstellt?

Ich finde beides höchst irritierend. Von einer Kanzlerin, die es seit Jahren nicht schafft, eine vernünftige Klimapolitik zu betreiben, kann ich ein Lob nicht ernst nehmen. Ich kann auch nicht ernst nehmen, was sie in München über uns gesagt hat. Ich weiß es schließlich aus erster Hand, ich war von Anfang an dabei: Fridays For Future ist eine Bewegung von Schülerinnen und Schülern. Ich kann garantieren, dass wir nicht von außen gesteuert sind. Der Vorwurf ist einfach lächerlich. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gut gebrieft war.

Es gibt Leute, die die Klimakrise für kein echtes Problem halten. Was sagen Sie denen?

Solche Leute kann man vermutlich nur durch Bildung überzeugen. Die Wissenschaft ist sich da ziemlich einig: Über 97 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Klimaforschung betreiben, sehen es als erwiesen an, dass der menschengemachte Klimawandel real ist. Es ist also wissenschaftlicher Konsens. Aber vielleicht können wir diese Leute auch überzeugen, indem wir weiter auf die Straße gehen.

Ein beliebtes Argument bei jenen, die Klimaschutz nicht so wichtig finden wie Sie, ist Kritik am persönlichen Verhalten von Klimaschützern. Also: Wann sind Sie zuletzt geflogen?

Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Es ändert doch nichts an der Klimakrise, wenn Leute, die sich gegen den Klimawandel einsetzen, nicht 100-prozentig konsequent in ihrem Verhalten sind. Dahinter steht der Versuch, uns Doppelmoral vorzuwerfen - aber das kommt von Leuten, denen die Klimakrise egal ist. Ich finde das perfide. Dann dürften ja nur perfekte Menschen sich politisch engagieren. Im Übrigen ist es in der heutigen Welt kaum möglich, wirklich klimaneutral zu leben. Zuletzt geflogen bin ich unnötigerweise auf Klassenfahrt nach Rom. Das war zum einen günstiger und zum anderen durfte ich nicht Zug fahren. Genau wegen solcher Umstände ist es ja entscheidend, dass wir etwas auf politischer Ebene verändern.

Durch wen oder was sind Sie zu Fridays For Future gekommen?

In der Woche vor dem ersten deutschlandweiten Streik am 14. Dezember habe ich mit ein paar Freunden beschlossen, dass wir uns am Streik in Kiel beteiligen. Da hat sich schnell eine deutschlandweite Vernetzung gebildet.

Und wie stark leiden Ihre Noten unter Ihrem Engagement?

Ich mache in diesem Jahr Abitur und könnte mich deutlich mehr für die Schule engagieren, wenn ich nicht gegen die Klimakrise kämpfen würde. Ich würde das auch gern machen. Aber dafür müssten erstmal die Politikerinnen und Politiker ihre Hausaufgaben machen. Bei uns wird die Klimakrise auch im Unterricht thematisiert, deshalb gibt es dort auch teils Verständnis für unser Anliegen. Aber wenn ich streike, bekomme ich unentschuldigte Fehlstunden. Das entspricht der Handlungsempfehlung des Kultusministeriums, soweit ich weiß.

Greta Thunberg und Ihrer Kollegin Luisa Neubauer schlagen im Netz ziemlich viele Aggressionen entgegen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich bekomme auch immer wieder Hassnachrichten. Das ist wohl so, wenn man sich stark für ein Thema einsetzt. Wenn Erwachsene einen Jugendlichen beschimpfen, der sich gegen die Klimakrise einsetzt, dann kann ich das allerdings nicht ernst nehmen. Ich glaube, es ist ganz wichtig zu zeigen, dass wir hinter Greta Thunberg stehen. Und dass wir uns nicht von Leuten einschüchtern lassen, die sich von den unbequemen Wahrheiten, die wir erzählen, angegriffen fühlen.

Mit Jakob Blasel sprach Hubertus Volmer

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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