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Erbitterter Kampf um Kobane IS-Kämpfer nehmen Kurden in die Zange

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Auf der türkischen Seite der Grenze beerdigen Kurden gefallene Kämpfer.

AP

Kurdische Kämpfer verhindern bislang die Einnahme der syrischen Grenzstadt Kobane durch Kämpfer des IS. Immer wieder schlagen sie Offensiven zurück. Doch die Lage wird brenzlig. Die Verteidiger der Stadt müssen sich an mehreren Fronten wehren.

Im Kampf gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) um die syrische Grenzstadt Kobane wird die Lage der kurdischen Milizionäre dort immer verzweifelter. Die Dschihadisten intensivierten ihre Angriffe und nahmen nach Angaben von Aktivisten die Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten von drei Seiten in die Zange.

Der kurdische Aktivist Farhad al-Schami berichtete aus der umkämpften Enklave an der Grenze zur Türkei, es gebe heftige Gefechte im Süden, Westen und vor allem im Osten der Stadt. Den nur mit leichten Waffen ausgerüsteten kurdischen Kämpfern sei es gelungen, während der Nacht mindestens sieben Angriffe der Dschihadisten im Südwesten zurückzuschlagen.

Ismat Hassan vom Verteidigungsrat in Kobane sagte der kurdischen Nachrichtenagentur Welati, seine Kämpfer hätten nachts mindestens zwei Selbstmordanschläge von IS-Angreifern in der Nähe des Zentrums vereitelt. Die Dschihadisten versuchen seit Freitag die lebenswichtige Versorgungsroute der Kurden zur türkischen Grenze zu erobern. Sie hatten am Freitag die Kommandozentrale der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) erobert und kontrollieren der Beobachtungsstelle zufolge inzwischen rund 40 Prozent der Stadt.

Zivilisten in Gefahr

Der Direktor der Syrischen Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, kleine Gruppen kurdischer Kämpfer versuchten, den Belagerungsring der IS-Milizen zu durchbrechen und den Extremisten so in den Rücken zu fallen. Unterstützt wurden die Kurden durch die von den USA angeführte Koalition, die zwei Luftangriffe auf IS-Stellungen im Süden und Osten von Kobane flog.

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Rauchsäulen steigen über Kobane auf. Die USA unterstützen die Kämpfer weiter mit Luftangriffen.

(Foto: imago/Xinhua)

Nach UN-Schätzungen befinden sich noch immer rund 12.000 Zivilisten in und um Kobane, darunter rund 700 alte Menschen. Der UN-Syrien-Sondergesandte Staffan de Mistura warnte vor einem Massaker an den Zivilisten, sollte Kobane fallen. Die Stadt sei eingekesselt, es gebe nur noch einen schmalen Fluchtweg in Richtung der türkischen Grenze. De Mistura forderte die türkische Regierung auf, die Kurden in Kobane mit "allen Mitteln" zu unterstützen.

Zumindest aber sollten die Behörden freiwillige türkische Kurdenkämpfer samt Waffen die Grenzen passieren lassen, forderten der Sondergesandte. Ankara bremst bislang den Zustrom türkischer Kurdenkämpfer nach Kobane. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung daher Untätigkeit vor. Bei zahlreichen Kurden-Protesten wurdenin der Türkei in den vergangenen Tagen mehr als 30 Menschen getötet.

"Man nimmt das in Kauf"

Nach Einschätzung des US-Experten Jackson Janes haben die USA Kobane längst aufgegeben. "Kobane wird ein Opfer sein", sagte der Wissenschaftler von der Johns Hopkins University dem Sender Deutschlandradio Kultur. Selbst ein drohendes Massaker an Zivilisten ähnlich wie in Srebrenica würde nicht dazu führen, dass die USA ihre Strategie änderten und Bodentruppen einsetzten, sagte Janes.

In den USA herrsche nach dem Irak-Krieg die Haltung, keine Truppen zu entsenden, solange nicht die unmittelbaren Nachbarn in der Region aktiv werden. Ohne Bodentruppen sieht Janes die Grenzstadt verloren: "Es ist blamabel, es ist eine Katastrophe", aber momentan wohl "eine gegebene Tatsache (...), man nimmt das in Kauf".

Indes warnte ein ranghoher US-Armeevertreter, dass der IS im Schatten der Kämpfe um Kobane auch im Irak auf dem Vormarsch sei. Während die vom Westen unterstützten irakischen Kurden-Milizen im Nordirak Fortschritte machten, sei die irakische Armee in der Westprovinz Anbar unter Druck geraten. "Es ist keine gute Situation", sagte der US-Armeevertreter mit Blick auf den IS-Vormarsch in Anbar.

De Maizière will Härte zeigen

In Deutschland gehen Kurden weiter zu Tausenden auf die Straße, um für internationale Hilfe für Kobane zu demonstrieren. In Düsseldorf versammelten sich am Morgen zahlreiche Kurden zu einer Kundgebung. Insgesamt wurden dort mehr als 10.000 Teilnehmer erwartet. In den vergangenen Tagen hatte es in mehreren deutschen Städten Zusammenstöße zwischen Kurden und Salafisten gegeben.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière äußerte sich darüber besorgt. Die Verantwortlichen müssten mit der vollen Härte des Rechtsstaats rechnen, sagte der CDU-Politiker dem "Focus". Justizminister Heiko Maas bestätigte, dass bereits gegen mehr als 200 mutmaßliche Unterstützer oder Kämpfer der Terrormiliz Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. "Wir werden mit den Mitteln des Strafrechts alles tun, was sinnvoll ist, um den Terror der IS zu bekämpfen", sagte der SPD-Politiker dem "Spiegel".

Quelle: n-tv.de, jog/dpa/AFP

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