Politik

Den Terror überlebt "Ich hasse diesen Tag"

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(Foto: Monika Fischer und Mathias Braschler)

Sie waren mittendrin, umgeben von Toten und Verletzten, und selbst verwundet: Sie erlebten einen Terroranschlag - und überlebten diesen. Der Stern dokumentiert "The Survivors". Es sind 15 Porträts von Betroffenen und ihrem Leben danach.

"Ich gewinne. Wir alle gewinnen. Du hast verloren. Wir werden dir den Mittelfinger zeigen. Als Gesellschaft. Und als eine Stadt."

An Adam Lawler, der vor wenigen Wochen 17 Jahre alt geworden ist, fällt vor allem auf, dass er nicht spricht wie ein 17-Jähriger. Er spricht akzentuiert und klar, seine Sätze sind druckreif. Jeder einzelne Satz.

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Das Cover des "Stern" mit der "Survivors"-Story.

Adam war 15, als sich fast auf den Tag genau vor zwei Jahren sein Leben änderte und das seiner besten Freundin Olivia Campbell endete durch einen Selbstmordanschlag während des Ariana-Grande-Konzerts in der Manchester Arena. Er überlebte schwer verletzt, die Beine gebrochen, die rechte Körperhälfte von Schrapnell-Wunden gezeichnet, ein Splitter traf das rechte Auge. Die Operation tags darauf dauerte zehn Stunden.

Seine Mutter Sally sagt, Adam habe seitdem gute und schlechte Tage. An diesem Tag im späten Herbst ist es irgendwas zwischen gut und schlecht. Adam sitzt in einem Hotelzimmer in Manchester, er ist etwas erschöpft von der Schule, das komme häufiger vor. Er hat Schlafschwierigkeiten. Adam redet nicht über das eigentliche Attentat und diesen Abend. "Ich hasse diesen Tag." Gelegentlich seufzt er zwischendurch. Sodann erzählt er über den schwierigsten Moment, der kam, als er begriff, dass Olivia tot war, und er sich eingestehen musste: "Das war’s. Das ist jetzt mein Leben. Ich vermisse jemanden, den ich sehr vermissen werde. Sie kommt nicht zurück, sie ist einfach weg. Ihr Lebensgeist ist noch da und deine Erinnerungen. Aber du wirst sie nicht wiedersehen. Mir wurde auf einmal klar: Ich konnte mich nicht einmal verabschieden."

Adam verbrachte nach dem Anschlag Wochen im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung traf er eines seiner Idole, Liam Gallagher, einst Sänger von "Oasis", eine Ikone in Manchester. In den Tagen nach der Bombe kamen die Menschen am St. Anne Square im Zentrum zusammen und legten Blumen ab und sangen spontan den "Oasis"-Klassiker "Don’t look back in anger".

Ein "Monster, ein Biest, eine Infektion"

Adam glaubt, dass das Attentat die Stadt zum Positiven verändert habe. Er fühlt noch mehr Zusammenhalt. "Wir sind eine noch stärkere Gemeinschaft jetzt. Manchester war immer schon toll, aber es ist noch größer jetzt." Nur, anders als im Oasis-Lied kann er nicht ohne Wut zurückschauen. Er sagt: "Ich bin deutlich zynischer geworden. Ich bin immer davon ausgegangen, dass wir in einer guten, freien Welt leben. Dass dies ein Konzept ist, das erreichbar ist. Das denke ich nicht mehr. Optimismus wurde durch Realismus ersetzt. Aber ich lasse nicht zu, dass Pessimismus zu meiner Realität wird. Realismus ist manchmal düster. Aber auch sehr schön." An manchen Tagen sind auch seine Gedanken düster. In solchen Momenten würde er den Attentäter am liebsten nachträglich noch einmal umbringen. Er hält ihn für ein "Monster, ein Biest, eine Infektion, eine Krankheit". Aber am Ende sagt er sich doch, dass der Typ tot ist, und er, Adam, am Leben, "und das ist meine persönliche Genugtuung".

Überhaupt könne die Gesellschaft durchaus lernen aus dem Terror. "Geht raus und habt Spaß. Genießt das Leben, denn du weißt nie, wann dein letzter Tag gekommen ist. Umarme deine Liebsten und sage ihnen, dass du sie liebst und sie dir alles bedeuten."

Adam lebt mit seiner Mutter und Großmutter in Tottington vor den Toren der nordenglischen Metropole. Er ist ein guter Schüler und spricht wie gedruckt. Irgendwann, wenn das alles überstanden ist, würde Adam Lawler gerne fürs Radio arbeiten.

Zahlreiche weitere Schicksalsgeschichten lesen Sie im neuen "Stern". Außerdem hören und sehen Sie die Terror-Opfer in Original-Interviews auf stern.de/survivors

Quelle: n-tv.de