Politik

Undercover unter Nazis"Ich war beim Kauf der Kugelbomben dabei"

04.04.2026, 07:02 Uhr
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Angelique Geray als Isabell bei einer Neonazi-Demo in Dresden. (Foto: Recherche Nord )

Als "Isabell" auf der Suche nach Orientierung hat sich die Journalistin Angelique Geray in die Neonazi-Szene eingeschleust. Sie trifft auf Jugendliche, die den "Tag X" herbeisehnen, um dann Menschen "abzuschlachten". Einen Anschlag kann sie mit ihren Recherchen verhindern. Ein Interview.

ntv.de: Wann haben Sie entschieden, undercover in die Neonazi-Szene zu gehen?

Angelique Geray: Angefangen hat das 2018, als ich mich bei den sogenannten Reichsbürgern und Selbstverwaltern eingeschleust habe, ins "Königreich Deutschland". Ein paar Jahre später haben die Corona-Proteste mein Interesse geweckt: Da demonstrierten vermeintlich normale Bürger zusammen mit Neonazis. Irgendwann bin ich los und habe mir die Junge Alternative angeschaut, die Jugendorganisation der AfD, die sich mittlerweile aufgelöst hat. Die nächste Station auf meiner Reise durch die rechtsextreme Welt war die Identitäre Bewegung, dann die Jungen Nationalisten und die Letzte Verteidigungswelle.

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Angelique Geray ist Investigativjournalistin bei RTL. Ihr Buch "Undercover unter Nazis" erscheint beim Verlag Hoffmann und Campe. (Foto: Xander Heinl)

Und überall als "Isabell"?

Ja, das war immer dieselbe Figur. Ich habe die Social-Media-Profile, die ich als Isabell genutzt habe, immer wieder angepasst, damit sie zur jeweiligen Recherche passen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie in Berlin zu einem Treffen von Jungen Nationalisten fahren. Die JN sind die Jugendorganisation der "Heimat", früher NPD. Wie alt waren Sie da?

Als Isabell war ich 30 Jahre alt. Da habe ich mich ein bisschen jünger gemacht: Ich bin 33, damals war ich 32.

Fanden die das nicht komisch, dass eine 30-Jährige bei einer rechtsradikalen Jugendgruppe mitmachen will?

Nein, das fanden die nicht komisch. Sie haben sich eher bestätigt gefühlt, weil sich eine Erwachsene dafür interessiert hat, was sie machen.

Niemand hat Fragen gestellt?

Nie. Aber meine Geschichte hat auch gut gepasst: Isabell war die spät Aufgewachte, die nicht immer schon im rechtsextremen Milieu unterwegs war. Ich war die, die auf der Suche ist. Wenn jemand gefragt hat, warum ich nicht zu einer Gruppe für Erwachsene gehe, habe ich geantwortet, dass ich nicht an einem Parteistand herumstehen will, sondern aktiv sein möchte.

Haben Sie in Ihren Gesprächen mit Rechtsradikalen ein Verständnis entwickelt, wie Menschen zu Neonazis werden?

Ich habe immer wieder mitbekommen, dass junge Leute die Prägung von ihren Eltern haben - von Eltern, die in den Baseballschlägerjahren jung waren. Die haben das Gefühl, sie müssten zu Ende bringen, was ihre Eltern gemacht haben. Aber es gibt auch Menschen, und das ist wahrscheinlich der größte Anteil, die auf der Suche nach Anerkennung sind, auf der Suche nach Gemeinschaft. In rechtsextremen Gruppen bekommt man Anerkennung - vor allem dann, wenn man spektakuläre Aktionen macht: Sticker klebt, Graffitis sprüht, einen Briefkasten sprengt oder ein Kulturhaus anzündet. Durch solche Aktionen kann man aufsteigen.

Wie sind diese Gruppen organisiert?

Da geht es streng hierarchisch zu. Die Berliner JN-Gruppe, in der ich war, nennt sich Hauptstadtrevolte. Ihren Anführer nennen sie "unseren Führer". An der Spitze der JN stehen alteingesessene Kader, die das seit Jahrzehnten machen. Bei der Letzten Verteidigungswelle, einer mehr oder weniger autonom agierenden Gruppe, war es ähnlich. Oben gab es den "Führer", weiter unten "Gauleiter", einen "Propagandaminister", eine "Gestapo", unten das Fußvolk. Wer unten war, wollte sich hocharbeiten.

Was finden junge Frauen attraktiv an einer Ideologie, die ihnen nur eine untergeordnete Rolle zubilligt?

Das habe ich mich auch gefragt. Ich glaube, auch da ist es die Gemeinschaft. Du wirst aufgenommen wie in eine Familie, und die Rollen sind klar verteilt. Mein Eindruck war, dass es auf junge Leute entlastend wirken kann. Die reale Welt draußen überfordert sie vielleicht, und dann kommen diese Organisationen und sagen: Bei uns ist alles ganz klar. Ein Kader hat zu mir gesagt: "Grundsätzlich wird bei uns für dich gedacht." Man kann den eigenen Kopf ausschalten.

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Undercover unter Nazis: Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene | »Eine Recherche, die nicht nur unter die Haut geht, sondern auch reale Konsequenzen hat.« Dunya Hajali, ZDF
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Klingt nach einer Sekte.

Total. Ich fand diese Frauenseminare erschreckend. Am Ende ist die Frau dort nichts anderes als eine Mutter. Sie muss viele Kinder gebären und die zweite Generation heranziehen, soll ihren Mann an der politischen Front unterstützen.

An einer Stelle im Buch beschreiben Sie das Gefühl, das entsteht, "wenn man Schulter an Schulter marschiert, im Gleichschritt durch die Straßen zieht, dieselben Parolen ruft". Gab es Augenblicke, bei denen Sie Angst hatten, in diese Welt gezogen zu werden?

Nein. Ich hätte das noch Jahre so mitmachen können und mir wäre trotzdem weiter klar, dass es den Holocaust gab. Trotzdem ist es spannend, diese Dynamik zu spüren - bei einer Demo oder beim Liedersingen am Lagerfeuer. Natürlich entsteht da ein Gefühl von Gemeinschaft.

Ein 18-Jähriger aus Thüringen, Yannik, hat Ihnen eine Sprachnachricht geschickt, in der er sagt: "Für uns Neonazis gibt es was, das heißt Tag X. Das ist der Tag, an dem wir rausgehen. Mit Waffen. Schusswaffen, Messern. Und dann wird jeder einzelne Kanake abgeschlachtet." Ist so etwas ernst gemeint oder ist das halbstarkes Gerede?

Ich würde mir natürlich wünschen, dass so etwas nur Gerede ist, aber ich fürchte, das ist es nicht. Das ist mehr als Geschwafel, mehr als das übliche "Abhitlern".

Abhitlern?

Das meint, Hitler zu zelebrieren: Fotos mit Hitlergruß machen, Hitler-Memes verschicken. Das hat für viele Jugendliche einen Reiz, weil da eine Grenze überschritten wird. Wir müssen es trotzdem ernst nehmen, sonst ist es irgendwann zu spät.

Hätten Sie diese Jugendlichen nicht beim Wort genommen, dann hätten die einen Anschlag auf ein Übergangswohnheim für Asylsuchende in Senftenberg verübt.

Bei allen Gruppen, in denen ich war, ging es um ein "Wir gegen die" - gegen Migranten, Flüchtlinge, queere Personen. Immer steht ein Feindbild im Zentrum, immer geht es darum, jemanden auszuschließen. Wobei das Ausschließen nicht reicht, da spielt auch immer ein Vernichtungsgedanke mit rein, der "Tag X".

Sie zitieren eine junge Frau, Jelena, die sich in der AfD engagiert und über den Holocaust sagt, es habe "höchstens 175.000 vergaste Juden" gegeben. Dann sagt sie: "Ich find’s halt geil, dass es stattgefunden hat." Warum ist Antisemitismus in dieser Szene so wichtig?

Die Feindbilder sind so alt wie die Szene selbst. Sie finden immer neue Feindbilder, aber die alten bleiben aktuell. All die Verschwörungsmythen rund um die Juden, die angeblich die Zentralbanken kontrollieren, das hält sich nach wie vor. Die neuen Feindbilder treten nur daneben: Homosexuelle, queere Personen und, ganz wichtig, vermeintliche Pädophile.

Was denkt man in dieser Szene über die AfD?

Häufig klingt es, als halte man die AfD für nützliche Idioten. Aus Sicht der Szene kann es strategisch sinnvoll sein, die AfD zu wählen, um die Gesellschaft, um die Grenzen des Sagbaren nach rechts zu verschieben. Die AfD soll den Boden bereiten für noch rechtere Parteien, die Heimat oder "Der III. Weg".

Hatten Sie während der Recherche Angst, dass jemand Sie durchschaut oder erkennt?

Natürlich. Diese Angst schwingt immer mit. Ich hatte geschaut, was im Internet von mir zu finden ist, vor allem über die Bilder-Rückwärtssuche. Und das habe ich dann alles gelöscht. Aber natürlich dachte ich jedes Mal, dass jemand sich umdreht und sagt: Bist du nicht die von RTL? Das hätte passieren können, klar.

Das war sicher nicht angenehm.

Wir haben immer darauf geachtet, dass in der Nähe ein Auto geparkt war, etwa für den Fall, dass jemand meine Sachen durchsucht. Ich hatte ja einige Einsätze, bei denen ich mehrere Tage in einem Raum mit anderen Leuten übernachtet habe, etwa auf dem "Heimathof" in Niedersachsen. Wenn jemand da in meinem Rucksack zwölf Akkus und fünfzehn Speicherkarten gefunden hätte, hätte man mich sicher gefragt: Wofür brauchst du das?

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Isabell mit Mitgliedern des "Mädelbund" auf dem Heimathof im niedersächsischen Eschede. (Foto: Recherche Nord)

Am Anfang sind Sie allein auf Demonstrationen und Konzerte gegangen. Fällt man da nicht auf?

Deshalb habe ich immer schnell versucht, mir Freunde zu suchen, um mich mit den Leuten bekannt zu machen. Eine Situation war wirklich brenzlig. Ich war in diesem NPD-Keller in Berlin-Köpenick, wo mich auf einmal jemand fragt, mit wem ich gekommen bin.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe auf zwei Glatzköpfe gezeigt, die ich gerade erst kennengelernt hatte. Der Typ darauf: "Die will ich sprechen." Auf dem Weg zu den beiden hat er dann aber vergessen, was er von ihnen wollte - er hatte schon ein bisschen was getrunken.

Wenn man Menschen nahekommt, entdeckt man mitunter sympathische Züge an Leuten, die einem eigentlich unsympathisch sind. Ist Ihnen das unter Neonazis auch so gegangen?

Ich habe tatsächlich einige Leute kennengelernt, bei denen ich dachte: Hätten wir uns unter anderen Umständen getroffen, hätte ich mit dem eigentlich gerne mal ein Bier getrunken. Natürlich findet man manche Menschen auch sympathisch. Gerade wenn ich bei Jüngeren gemerkt habe, dass sie Zweifel haben, habe ich immer versucht, die Skepsis zu bestärken. Auf dem "Heimathof" beispielsweise hat ein Mädchen zu mir gesagt, sie finde es komisch, was die da machen, schon die Röcke, wir seien doch nicht im Mittelalter. In solchen Situationen habe ich versucht, ein bisschen Zweifel zu säen, auch wenn ich meine Rolle als Isabell natürlich nicht aufgeben konnte. Mir war auch deshalb wichtig, mich im Nachgang bei den Leuten zu zeigen.

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Isabell auf dem Weg zu einem Konzert in der Parteizentrale von "Die Heimat" (früher NPD) in Berlin-Köpenick. (Foto: Presseservice Rathenow)

Wie, im Nachgang?

Als meine Tarnung aufgeflogen ist, bin ich noch zu ein paar Demonstrationen gegangen, weil ich es einfach fair fand, ihnen zu erklären, warum ich das gemacht habe.

Wie waren die Reaktionen?

Einer meinte zu mir: "Wer als Frau redet wie ein Mann, bekommt auch auf die Fresse wie ein Mann." Aber die meisten waren vor allem überrascht, dass ich mich traue, vor ihnen aufzutauchen.

Die haben mit Ihnen geredet, obwohl Sie eine "Verräterin" sind?

Einer hat mir sogar die Hand gegeben, andere wollten Fotos mit mir machen. Da ging es wohl auch darum, in der Öffentlichkeit so zu tun, als hätte ich Werbung für sie gemacht.

Haben Sie Angst vor Rache?

Nein. Ich bin vorsichtiger als vorher, wir haben einige Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Mittlerweile habe ich einen Baseballschläger zu Hause liegen. Aber der wird hoffentlich nicht zum Einsatz kommen. Ich muss dazu sagen: Das Ganze hat auch funktioniert, weil ich die Strukturen eines großen Medienhauses hinter mir hatte. Es gibt Fachjournalisten und Fotografen, die so etwas auf eigene Faust machen. Das ist etwas ganz anderes.

Wann und wie fiel die Entscheidung, den Behörden Ihre Recherchen mitzuteilen?

Irgendwann kam ich an den Punkt, dass klar war, ich würde mich strafbar machen, wenn ich nicht handele. Ich hatte so eine Situation zuvor noch nicht erlebt: Mich hatte vorher nie jemand in Anschlagspläne eingeweiht. Dann habe ich die Tatwaffen gesehen; ich war beim Kauf der Kugelbomben dabei. Es wurde so konkret, dass klar war: Ich muss zu den Behörden gehen.

Während Sie zum Kugelbombenkauf nach Tschechien unterwegs waren, hat der Staatsschutz mehrere Razzien bei Mitgliedern der Gruppe durchgeführt - und Ihre "Kameraden" haben im Auto davon erfahren.

Ich hatte denen ein paar Wochen vorher von dem Anschlag auf das Kulturhaus in Brandenburg erzählt. Da habe ich zum ersten Mal vor der Polizei über die Letzte Verteidigungswelle gesprochen und auch zwei Namen genannt. Dass die Razzien parallel zu unserer Fahrt nach Tschechien stattfinden würden, wusste ich allerdings nicht.

Vertreter der Letzten Verteidigungswelle stehen jetzt vor Gericht. Werden Sie als Zeugin aussagen?

Ja. Das wird sicher ein bisschen seltsam, denen gegenüberzusitzen und von meiner Recherche zu erzählen. Aber einen Termin gibt es da noch nicht.

Mit Angelique Geray sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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