Politik

Geistertanker vor Jemens Küste Im Roten Meer tickt eine Zeitbombe

Huthi-Rebellen im Hafen von

Huthi-Rebellen im Hafen von Al-Hudaida. Er könnte im Falle einer Ölpest monatelang geschlossen bleiben.

(Foto: REUTERS)

Seit Beginn des Bürgerkrieges erlebt der Jemen menschliches und wirtschaftliches Elend - nun könnte es noch schlimmer kommen. Ein Tanker vor der Küste droht zu sinken. Doch die Kriegsparteien streiten ums Öl, statt die Katastrophe zu verhindern.

Mitten im Roten Meer, etwa 60 Kilometer nördlich der jemenitischen Stadt Al-Hudaida, spielt sich unter dem öffentlichen Radar ein Umweltdrama ab: Seit Jahren rostet dort die "Safer" vor sich hin - ein jemenitischer Tanker, der 2015 von den Huthi-Rebellen gekapert wurde. Mehr als eine Million Barrel Rohöl liegen seither im Bauch des Schiffes. Das Öl sollte eigentlich exportiert werden. Doch dann kam der Bürgerkrieg. Nun könnte es zur Bedrohung für die gesamte Region werden, denn die 45 Jahre alte "Safer" droht zu sinken. Mehrere Lecks soll das Schiff nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) mittlerweile gehabt haben. Ende Mai lief Meerwasser auch in den Maschinenraum. Die Reparatur erfolgte eher provisorisch. Und jederzeit kann ein neuer Defekt auftreten. Denn gewartet wird die "Safer" nicht.

Umweltexperten warnen eindringlich vor den ökologischen und humanitären Folgen, die eine Ölpest für die gesamte Region haben könnte. "Es gibt über 1000 verschiedene Fischarten im Roten Meer, davon sind zehn sehr selten", sagt Manfred Santen, Chemie-Experte bei Greenpeace, im Gespräch mit ntv.de."Ein Auslaufen des Öls wäre aber nicht nur für die Biodiversität eine Katastrophe, sondern auch für viele Menschen in der Region, die vom Fischfang leben." Aktivisten der jementischen Umweltorganisation Holm Akhdar schätzen, dass rund 126.000 Menschen durch eine Ölpest ihre Jobs verlieren könnten - und das in einem Land, in dem ohnehin Hunderttausende Hunger leiden und allein 30 UN-Hilfsprogrammen wegen fehlender Spenden das Aus droht.

Auch deshalb versuchen die Vereinten Nationen seit einem Jahr, ein Expertenteam an Bord der "Safer" zu schicken, um notwendige Reparaturen vorzunehmen. Doch die Huthis sperren sich. Sie wollen die Kontrolle über den Tanker - aber vor allem über seine Ladung - nicht abgeben. Denn der Verkauf würde ihnen viel Geld in die Kriegskasse spülen. Schätzungsweise 40 Millionen Dollar - rund 34 Millionen Euro - ist das Öl wert. Den Vorschlag der UN, das Öl zunächst abzupumpen, dann zu verkaufen und die Summe zu gleichen Teilen an die Huthis und Jemens Regierung auszuzahlen, lehnen die Rebellen ab. Sie erheben den alleinigen Anspruch auf das Öl. Und damit auch auf die Erlöse aus dem Verkauf.

"Eine rein technische Mission"

Hoffnung machte zuletzt die Nachricht, dass die Huthis den UN-Inspekteuren nun doch Zugang zum Schiff gewähren wollen - allerdings wohl nur, um die dringendsten Reparaturen vorzunehmen. Auf Nachfrage von ntv.de bestätigt ein Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, dass man mit den Rebellen in Verhandlungen über die technischen Details der Mission sowie den zu erwartenden Reparaturaufwand stehe. "Wir hoffen, dass wir diese Gespräche in Kürze abschließen können", sagt er. Um über die vollen Mittel für zusätzliche Reparaturen an der "Safer" verfügen zu können, arbeite man derzeit zudem mit den Mitgliedstaaten zusammen.

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, auch die Bundesregierung sei grundsätzlich dazu bereit, sich für eine Lösung zu engagieren. Was die Möglichkeiten zur kurzfristigen Sicherung des Tankers und seiner Ladung angehe, stehe man "in engem Kontakt mit den federführenden Vereinten Nationen, der jemenitischen Regierung und allen anderen involvierten Akteuren". Von den kolportierten Plänen, das Röhol zu kaufen und es dann abzupumpen, ist weder vonseiten der Bundesregierung noch der UN eine Rede. Es sei eine "rein technische Mission", betont Guterres' Sprecher.

Welchen Preis hat die Sicherheit?

Nach Ansicht von Greenpeace ist die Gefahr aber allein durch ein paar Reparaturen nicht gebannt. "Dieser Tanker ist komplett veraltet und überhaupt nicht auf dem Stand der Technik", sagt Chemie-Experte Santen. "Das Öl müsste dringend abgepumpt und in einen modernen Tanker überführt werden." Greenpeace appelliere deshalb an die UN, "alle diplomatischen Möglichkeiten auszuschöpfen". Doch eine Lösung im Streit ums Öl ist nicht in Sicht. Und mögliche Bedenken des Westens, eine Millionensumme an Kriegsparteien auszuzahlen, die ihre politischen Interessen derart brutal auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung austragen, hätten durchaus ihre Berechtigung.

Seit Beginn des erbitterten Krieges zwischen Huthis und der international anerkannten Regierung sind Zehntausende Menschen den Kämpfen zum Opfer gefallen. Immer wieder gibt es Berichte über Luftangriffe auf zivile Ziele - darunter auch Krankenhäuser. Eine weitere Katastrophe, und gerade eine ökologische, könnte das Land kaum mehr verkraften. Schon jetzt sind die Lebensmittelpreise exorbitant hoch, während die Währung immer mehr an Wert verliert. Nach Schätzungen von UN-Umweltexperten könnte die Schließung des Hafens von Al-Hudaida infolge einer Ölpest zusätzlich die Preise für Kraftstoff um 200 Prozent in die Höhe treiben. Die Preise für Lebensmittel könnten sich noch einmal verdoppeln - mit verheerenden Folgen für die Menschen in der Region.

Schon jetzt sprechen die Vereinten Nationen im Jemen von der größten humanitären Notlage weltweit. 80 Prozent der 28,5 Millionen Jemeniten sind aktuell auf Hilfe von außen angewiesen. Geht die "Safer" unter, bekommt das Elend eine neue Dimension. Verhindern kann das nur eine Einigung mit den Kriegsparteien. Die Zeit läuft.

Quelle: ntv.de