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Taliban auf dem Vormarsch In Helmand geht es um Afghanistans Zukunft

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"Wenn wir in Helmand nicht helfen, dann bricht die sowieso geschwächte Moral der Streitkräfte vollends zusammen."

(Foto: AP)

In Afghanistans Südprovinz Helmand toben erbitterte Gefechte zwischen der Armee und den Taliban. In der Opium-Hochburg des Landes könnte sich womöglich das Schicksal des eigentlich beendeten Kampf-Einsatzes der Nato in Afghanistan entscheiden.

Eigentlich sollte die "Kampfsaison" in Afghanistan im Winter vorbei sein. Doch die Taliban versuchen aggressiv, ihre Positionen auszubauen. Im Süden Afghanistans gehen die Regierungstruppen zur Gegenoffensive vor.

Wie ist die aktuelle Lage in Helmand und Sangin?

Die Kämpfe in der afghanischen Südprovinz Helmand konzentrierten sich vor allem auf den Bezirk Sangin. In der Nacht wurden Talibanstellungen aus der Luft bombardiert. Sangins Zentrum war am Sonntag in die Hände der Taliban gefallen. Es sind aber noch mindestens sechs weitere der 14 Bezirke in der Provinz in der Hand der Taliban oder umkämpft.

Darunter sind auch Gebiete wie Mardscha, um die internationale Streitkräfte in der Vergangenheit blutige Gefechte mit Taliban geführt haben. In Sangin allein starben 106 britische Soldaten. Diese Gebiete nun wieder in die Hände der Aufständischen fallen zu sehen, wäre für viele ein Beweis der Sinnlosigkeit des internationalen Einsatzes.

Die Nato kämpft doch angeblich nicht mehr in Afghanistan - was hat es mit den Berichten über internationale Soldaten in Helmand auf sich?

Hier ist zu unterscheiden zwischen internationalen Beratern der afghanischen Armee, die vom Mandat der Nato-Mission Resolute Support gedeckt sind, und Spezialkräften, die außerhalb des Mandats agieren. In Helmand waren laut offiziellen Angaben am Montag und Dienstag einige wenige britische Berater der Streitkräfte eingetroffen. Was genau sie tun, ist nicht klar.

Britische und amerikanische Spezialkräfte sind da aber schon länger aktiv. Außerdem ist es möglich, dass die Luftangriffe auf Talibanstellungen in der Nacht von internationaler Seite ausgeführt wurden.

Aber wieso bekommen die afghanischen Sicherheitskräfte das nicht alleine hin?

Die Gefechte in Helmand sind die schwersten für die afghanischen Sicherheitskräfte seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes Ende 2014. Sicherheitsanalysten sagen, ihre Verluste in Helmand seien in den vergangenen Wochen "atemberaubend hoch" gewesen. Der Leiter des Provinzrats, Mohammad Karim Attal, bezifferte sie auf 697 Tote in drei Monaten. 478 seien zudem verletzt worden.

Landesweit lagen die Verluste allein bis August bei mehr als 4000. Das sind im Verlauf eines Jahres Hunderte mehr als die der ganzen internationalen Truppe in 13 Jahren Einsatz zusammengenommen. "Wenn wir in Helmand nicht helfen, dann bricht die sowieso geschwächte Moral der Streitkräfte vollends zusammen", sagte ein Soldat der internationalen Truppe.

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Die Gefechte in Helmand sind die schwersten für die afghanischen Sicherheitskräfte seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes Ende 2014.

(Foto: AP)

Was macht diese Provinz so wichtig?

Helmand ist das Herz des afghanischen Drogenhandels. Wer hier herrscht, hat Zugang zu Milliardeneinnahmen. "Sangin ist an sich ein Nest und militärstrategisch nicht wirklich interessant", sagt der deutsche Afghanistanexperte Thomas Ruttig. Aber es habe "eine besondere Position im lokalen und landesweiten Drogenhandel", weil es an einer der wichtigen Schmuggelrouten nordwärts liege.

Außerdem versuchen die Taliban, angrenzende Bezirke zu erobern, so dass aus verstreuten Einflussbereichen eine zusammenhängende Fläche werden könnte. Das wäre ein bedeutender militärischer Erfolg. Ein solches Herrschaftsgebiet wäre sehr schwer wieder zurückzuerobern.

Analysten machen sich auch Sorgen um eine der wichtigsten afghanischen Verkehrsadern, die Ringstraße, die durch Helmand verläuft. Sie verbindet den Süden mit dem Westen des Landes.

Wie wirken sich die Kämpfe auf die zivile Bevölkerung aus?

Die Folgen sind dramatisch. Laut Provinzrat fliehen Tausende Menschen aus Sangin, aber auch aus anderen umkämpften Bezirken in der Provinz. In den vergangenen sechs Monaten sind laut Provinzrat 63.000 Familien aus ihren Heimatdörfern in Helmand geflohen. Die durchschnittliche Familiengröße liegt in Afghanistan bei sieben Personen.

Die UN-Agentur für Humanitäres in Afghanistan, OCHA, sagte, aus Sicherheitsgründen seien in Helmand nur noch sehr wenige Nichtregierungsorganisationen und UN-Mitarbeiter stationiert. "Das ergibt ein Informationsvakuum." Es erschwert außerdem die Hilfe für die betroffenen Zivilisten.

Quelle: n-tv.de, Mohamad Jawad und Ruhullah Khapalwak, dpa

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