Politik

Selbst das Guinness ist verboten In Irland hat der Lockdown funktioniert

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Ganz so streng wird die Maskenpflicht in Irland nicht gesehen: Ein Mann in der Einkaufsstraße Grafton Street in Dublin.

(Foto: dpa)

"Irland ist wie ein Versuchskaninchen für Europa", sagt eine Frisörin, die ihr Geschäft in Dublin schließen musste. Als erstes europäisches Land haben die Iren wegen steigender Covid-19 Fälle einen zweiten Lockdown verhängt. Das scheint sich bezahlt zu machen.

Restaurants und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Die schwarzen Rollläden der Friseure bleiben auch an Wochentagen unten. Aus keinem der unzähligen Pubs in Dublin laden irische Musik und der Geruch von Bier und "Fish and Chips" zum Einkehren ein - es ist dunkel und ungewöhnlich ruhig. Nur "unentbehrliche" Geschäfte, etwa Supermärkte und Apotheken, dürfen ihre Türen während der strengsten Einschränkungen seit Mitte Mai öffnen. Wer kann, soll von zuhause aus arbeiten. Besuche in anderen Haushalten sind verboten.

Sport oder ein Spaziergang an der frischen Luft sind erlaubt - aber nur innerhalb eines Umkreises von fünf Kilometern rund um die eigene Wohnung. So versucht die Regierung, Reisen und Treffen zu verhindern. Seit Inkrafttreten der neuen Regelungen sind in Dublin auch immer mehr Polizeibeamte an Bahnhöfen und Haltestellen der Straßenbahn zu sehen.

Mit den Maßnahmen ähnelt der derzeitige Lockdown zwar sehr dem, der die Iren schon im Frühjahr rund zwei Monat lang stark einschränkte. Schulen und Kindergärten sind jedoch, anders als im April, weiterhin geöffnet. "Das ist notwendig, weil wir nicht zulassen wollen und können, dass die Zukunft der Kinder und jungen Menschen ein weiteres Opfer dieser Krankheit werden", sagte Ministerpräsident Micheál Martin in einer Fernsehansprache.

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Die aktuellen Regelungen werden auch als "Level 5" bezeichnet - das ist die höchste und strengste Stufe eines im September entwickelten Plans zum "Leben mit Covid-19", wie die Regierung es nennt. Die Entscheidung dazu war das Resultat von zuvor mehr als 1000 Neuinfektionen täglich. Schon zwei Wochen vor dem Beschluss hatte das National Public Health Emergency Team (NPHET), das Gesundheitsteam, das die Regierung in Sachen Corona berät, den Übergang zu Level 5 empfohlen. Dublin lehnte das zunächst jedoch ab.

Doch die Infektionszahlen stiegen weiter, fast kontinuierlich seit August. Fast 70.000 Menschen haben sich in der Republik seit März mit dem Virus angesteckt, mehr als 2000 sind daran gestorben. Also verkündete Martin mit drei Tagen Vorlauf Ende Oktober einen sechswöchigen Lockdown. Vom Gesundheitsamt hieß es zu diesem Zeitpunkt: "Irland ist jetzt in einem akuten System, das nahe an der Kapazitätsgrenze arbeitet."

Die Zahl der Fälle geht nach unten, das BIP auch

Schon eine Woche nach Beginn des Lockdowns begannen die Neuinfektionen drastisch zu sinken. Waren es am 18. Oktober noch 1284 Fälle, lag die Zahl am 31. Oktober bei knapp 400. Mittlerweile ist Irland das europäische Land mit der am längsten anhaltenden Abwärtskurve was Neuinfektionen angeht. Täglich liegen die Zahlen aktuell bei ungefähr 400 Fällen.

Doch gleichzeitig werden auch die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes immer deutlicher. Nach einer Prognose des Finanzministeriums wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 3,5 Prozent sinken.

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Die Pubs in Irland sind geschlossen.

(Foto: REUTERS)

Unter ausbleibender Kundschaft leiden auch Pub- und Restaurantbesitzer, die nur noch Essen zum Mitnehmen oder per Lieferung anbieten dürfen. So hält sich momentan auch Brian McClean über Wasser. Der 33-Jährige Pubbesitzer ist sich sicher, dass die Schließung der Gastronomie die falsche Entscheidung war. "Vielleicht lernen andere Länder etwas davon, jedoch auf Kosten der Gastronomie und unserer Existenz."

Ähnlich sieht es die 57-jährige Lorraine Bradley, die im Süden von der irischen Hauptstadt einen Friseurladen betreibt. Sie kann die Regierung zwar verstehen, weist jedoch darauf hin, dass sie extra ein Hygienekonzept entwickelt hatte. Sie hatte Einmalmasken gekauft und die Sitzplätze so organisiert, dass die Kunden Abstand voneinander halten konnten. Nicht nur um sich selbst, auch um ihre Kunden macht sie sich Gedanken: "Es trägt einen großen Teil zur mentalen Gesundheit der Menschen bei, zum Friseur zu gehen", sagt sie.

Ein Versuchskaninchen für Europa

Denn was all die Schließungen und Verbote mit sich bringen, ist auch der fehlende soziale Kontakt, unter dem die geselligen Iren leiden. Kleine Grüppchen versammelten sich in den vergangenen Wochenenden vor den Pubs und am Grand Canal, der sich durch Dublin schlängelt, um doch ein Guinness mit Freunden zu genießen - wenn auch nur zum Mitnehmen im Plastikbecher. Das hat jedoch so Überhand genommen, dass nun auch das verboten ist und mit Geldstrafen geahndet werden kann.

Die Zahlen machen trotzdem Hoffnung. Vom 22. Oktober bis zum 11. November war Irland mit minus 55 Prozent nach Island das Land mit dem größten Gefälle an Neuinfektionen. Deutschland liegt bei plus 201 Prozent im gleichen Zeitraum. "Irland übertrifft in der Kontrolle der Verbreitung des Coronaviruses alle europäischen Länder", heißt es dazu vom NPHET.

Schon mit dem ersten Lockdown im April reagierte das Land ungewöhnlich früh auf die Infektionsentwicklung. Zwar stiegen die Zahlen auch auf der Insel stark an, verglichen mit anderen europäischen Ländern blieben sie jedoch immer relativ gering. Dramatische Zustände wie in Italien oder Spanien gab es nicht, zu keinem Zeitpunkt waren die Krankenhäuser überfüllt.

Die Frisörin Bradley denkt, dass der Rest Europas etwas von ihrem Heimatland lernen kann, "ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist, wird sich zeigen", da will sie sich nicht festlegen. "Irland ist wie ein Versuchskaninchen für Europa", fügt sie dann noch hinzu.

Zurzeit bereitet sich das Land darauf vor, den Lockdown wieder zu verlassen. Ziel der strengen Einschränkungen war es von Anfang an auch, Weihnachten mit Familie und Freunden zu ermöglichen. Der Ministerpräsident zumindest machte in seiner Fernsehansprache an die Nation Hoffnung auf eine "ganz besondere Zeit", und hoffte auf Feiertage als "Atempause von vergangenen harten sieben Monaten".

Quelle: ntv.de