Politik

Einige Arbeiter wohl im Ausland Infektionen bei Tönnies steigen auf über 1300

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In dieser unter Quarantäne gestellten Wohnsiedlung hilft die Bundeswehr bei der Versorgung der Bewohner.

(Foto: imago images/Noah Wedel)

Alle Tönnies-Mitarbeiter sind nun auf das Coronavirus getestet und die Zahl der Infizierten geht nochmal in die Höhe. Tausende Menschen müssen in Quarantäne bleiben. Einige von ihnen befinden sich jedoch inzwischen offenbar in ihren Heimatländern. Der Ministerpräsident schlägt Alarm.

Die Zahl der Corona-Infizierten in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück ist auf 1331 gestiegen. Dies teilte der Kreis Gütersloh mit. Die Reihentestungen auf dem Gelände der Firma seien am Samstag abgeschlossen worden, hieß es. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden, 5899 Befunde lägen bereits vor. Am Standort Rheda-Wiedenbrück, dem größten Schlachtereibetrieb Deutschlands, sind nach Unternehmensangaben rund 6500 Menschen tätig

"Bei den Testungen zeigte sich, dass die Zahl der positiven Befunde außerhalb der Zerlegung deutlich niedriger sind als in diesem Betriebsteil", hieß es weiter. In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden.

Derweil sehen die Behörden keinen Grund für einen flächendeckenden Lockdown im Kreis Gütersloh. Es gebe zwar "ein enormes Pandemie-Risiko", sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar, und es gebe keinen "signifikanten Übersprung" hinein in die Bevölkerung. Deshalb gelte weiterhin der Satz, "dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können, aber solang' wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere bessere zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen", sagte der CDU-Politiker.

Der Ministerpräsident bot dem Kreis Gütersloh zusätzliche Hilfe an. Das Land sei über die schon entsandten Kräfte hinaus bereit, "jegliches Personal zu organisieren, das gebraucht wird", sagte er im Krisenstab Teilnehmern zufolge. Sowohl Gesundheitsbehörden im Land als auch die Polizei würden verstärkt Kräfte bereitstellen. Das Wichtigste sei nun die Kontaktnachverfolgung von Infizierten und die strikte Einhaltung der Quarantäne.

Einige Mitarbeiter sind offenbar abgereist

Der Kreis hat Hinweise, dass Beschäftigte vor Verhängung der Quarantäne für sämtliche Tönnies-Mitarbeiter bereits abgereist sind. "Wir haben vermehrte Mobilität wahrgenommen", sagte eine Kreissprecherin. Das sei dem Kreis von Bürgern zugetragen worden. "Eine Handhabe, das zu unterbinden, hatten wir zu der Zeit nicht." Der Kreis hatte die Quarantäne am Freitag angeordnet. Sie gilt auch für alle Haushaltsangehörigen der Beschäftigten.

Für Tönnies arbeiten nach Unternehmensangaben Menschen aus 87 Nationen. Die mit Abstand größten Gruppen kämen aus Rumänien und Polen. Rund ein Drittel der Beschäftigten mit ausländischer Nationalität lebe mit ihren Familien in Deutschland. Nach Angaben der Kreissprecherin hat der Krisenstab Kontakt zu den Botschaften der Herkunftsländer aufgenommen und sie über die Abreisen informiert. Einige Botschaften hätten sich auch selbst gemeldet, hieß es. Botschaftsvertreter nahmen auch an der Sitzung des Krisenstabs in Gütersloh teil.

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Laschet warnt Tönnies-Arbeiter vor Abreise

Der Ministerpräsident warnte die Arbeiter aus anderen Ländern vor einer überstürzten Abreise in ihre Heimat. Im Fall einer Infizierung bekämen sie die "bestmögliche medizinische Behandlung" in Deutschland. Es würden nun in unbegrenzter Größenordnung so viele Dolmetscher wie möglich in die Unterkünfte der Beschäftigten geschickt. Das Problem sei, dass diese auf 1300 Liegenschaften verteilt seien. Drei Hundertschaften der Polizei unterstützten die Ordnungsämter dabei, die Quarantäne durchzusetzen.

Der Kreis teilte mit, dass an diesem Sonntag 32 mobile Teams in den Städten und Gemeinden des Kreises unterwegs gewesen seien, um Personen in ihren Unterkünften zu beraten und ihnen Unterstützung anzubieten. "Dabei wird auch kontrolliert, wie aktuell die Adresslisten sind, die sich der Kreis Gütersloh in der Nacht zu Samstag beschafft hat."

Zu einer Aussage von Unternehmer Clemens Tönnies, der Konzern habe aus datenschutzrechtlichen Gründen den Behörden nicht die Wohnadressen aller Mitarbeiter nennen können, sagte Laschet: "Wir müssen einen Zustand herstellen - gerade als Lehre aus der Pandemie -, dass zu jeder Zeit feststellbar ist: welcher Mitarbeiter arbeitet im Unternehmen und wo wohnt er." In dieser Frage gebe es im Moment verschiedene Rechtsauffassungen. Gegebenenfalls müssten Gesetze entsprechend geändert werden.

Tönnies zahlt Corona-Test für alle im Kreis Gütersloh

Zudem nahm er Clemens Tönnies in die Pflicht. "Wir werden auch Herrn Tönnies beim Wort nehmen, dass er gesagt hat, es kann keinen Zustand geben wie zuvor. Wir brauchen neue Regeln, neue Bedingungen - und das ist auch das, was wir vom Unternehmen erwarten", sagte er.

Inzwischen erklärte sich Tönnies bereit, die Kosten für einen flächendeckenden Corona-Test im Kreis Gütersloh zu übernehmen. Landrat Sven-Georg Adenauer kündigte an, dass sich schon bald alle Menschen im Kreis kostenlos auf das Virus testen lassen können und kündigte ein entsprechendes Angebot in den nächsten Tagen an. Er ergänzte, dass er sich durchaus vorstellen könne, "dass es für die Firma Tönnies möglicherwiese interessant wäre, für diese Kosten aufzukommen. " Das Unternehmen gab kurz darauf eine Zusage.

Quelle: ntv.de, hul/dpa