Politik

Pfarrer und Polit-Influencer"Der Ostdeutsche träumt im Moment immer nach hinten"

25.04.2026, 13:26 Uhr
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Justus Geilhufe ist Pfarrer im Kirchgemeindebund Freiberg - und auf Instagram. Dort hat er mehr als 16.000 Follower.

Kaum jemand kritisiert so offen das Verhalten Ostdeutscher wie der evangelische Pfarrer Justus Geilhufe, der selbst aus Sachsen stammt. Er kam 1990 in Dresden zur Welt, hat unter anderem in Princeton, München sowie Leipzig studiert und arbeitet als Gemeindepfarrer im Kirchgemeindebund Freiberg nahe Dresden. Als christlicher Polit-Influencer plädiert er auf Instagram für "ostdolce Vita" - eine neue Betrachtung des Ostens: "30 Jahre Verständnis für die Schwierigkeiten des Umbruchs, die Menschen zu trösten und zu trösten, die Dinge, auch den Rassismus und die kollektive Depression, schönzureden, sind genug." Ein Gespräch über Sehnsucht nach dem Gestern, das Agieren der AfD, den Atheismus und was aus seiner Sicht notwendig ist.

ntv.de: Herr Pfarrer Geilhufe, Sie sind bekennender Fan Ostdeutschlands, gehen aber mit Ihren Landsleuten verdammt hart ins Gericht. Warum?

Justus Geilhufe: Es gibt eben beide Seiten. Ich staune jeden Tag, was für ein wunderschönes Stückchen Erde der Osten ist und wie viele tolle Menschen hier leben. Ich möchte nirgendwo anders wohnen. Sachsen ist voller landschaftlicher, kultureller und auch wirtschaftlicher Schätze. Aber zu viele Ostdeutsche sehen und würdigen es nicht. Das ist mir unbegreiflich. Deswegen sage ich den Leuten immer wieder: Guckt, wie klasse es hier ist. Hört auf mit dem Schimpfen und Trübsal.

Sie sagen also: Leute, seid stolz auf das, was es gibt. Aber das kollidiert stark mit dem Gefühl, zu den Abgehängten und Übersehenen zu gehören, also das, was im Osten Gemeinsamkeit und Stolz erzeugt.

Die Leute im Osten sind sehr stolz, allen voran die Sachsen. Aber der Stolz bezieht sich nicht selten auf den Trabant und andere Produkte aus DDR-Zeiten, die nie Weltklasse waren. Das, was wirklich technisch weltweit mithalten konnte, spielt dabei nie eine Rolle. Hinter diesem Stolz steckt, denke ich, kein Versuch, nach Gutem zu suchen und aus dieser Haltung heraus die Zukunft aufzubauen. Damit soll Identität und Verbindung durch Ideologie erzeugt werden, was aber nicht funktionieren kann. So werden Ostdeutsche niemals über die Kränkung hinwegkommen, dass das Land, in dem sie gelebt haben, nicht mehr existiert.

Was ist die Folge dieser Haltung?

Der Ostdeutsche träumt im Moment immer nach hinten. Daraus entsteht Trotz und der Wunsch, zurückzuwollen, ohne zu wissen, wohin eigentlich. Die DDR wollen Ostdeutsche zumindest laut Umfragen nicht wieder haben. Aber toll finden sie sie trotzdem, weil dort alles angeblich schöner, einfacher und übersichtlicher war. Deshalb wählen sie am Ende die AfD, weil die ein obskures Gestern verspricht. Das ist aber Blödsinn, denn mittlerweile haben die Leute gute Jobs, die Vermögen der Ostdeutschen steigen langsam, an jeder Ecke gibt es eine Kita, obwohl Kinder hier zur Seltenheit werden. Wir müssen jetzt loslegen, eine Vision für das Morgen unter den Umständen zu entwickeln, wie sie nun mal hier sind. Als Kirche übrigens genauso wie als Gesellschaft.

Mit Ihrem Urteil treffen Sie auf empfindliche und überempfindliche Menschen...

Ja, Sachsen ist voll von solchen Leuten.

Wie kommt das an, was Sie sagen?

Es gibt den gar nicht kleinen, aber oft sehr leisen Teil in der Bevölkerung, der feststellt: Endlich sagt es mal jemand. Aber natürlich höre ich manchmal auch Protest. Die AfD vor Ort versucht es auszunutzen und macht daraus: Der beschimpft uns, das lassen wir uns nicht bieten. Ich merke jedoch durch Reaktionen aus Wirtschaft, Parteien, Kirchen und der Zivilgesellschaft, dass das ein richtiger Weg ist, mit dem Osten umzugehen. Denn 30 Jahre Verständnis für die Schwierigkeiten des Umbruchs, die Menschen zu trösten und zu trösten, die Dinge, auch den Rassismus und die kollektive Depression, schönzureden, sind genug. Die Warnung, der deutsche Osten dürfe bei bestimmten Themen nicht schlechtgeredet werden, ignoriere ich konsequent.

Haben die Leute ein Bewusstsein dafür, dass es ihnen im Grunde sehr gut geht? Nicht mal im Vergleich mit Nordkorea oder Russland, sondern mit Gelsenkirchen und Bremerhaven.

Nein, daran mangelt es. Im Gegensatz zu den Bewohnern der anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks waren die Ostdeutschen nicht 30 Jahre lang der Marktöffnung nur ausgeliefert. Zwischen Oder und russischer Grenze musste richtig hart für Wohlstand gearbeitet werden. Mit der Wiedervereinigung kamen für Ostdeutschland nicht nur Herausforderungen, sondern auch viele Hilfen und Perspektiven. Damit will ich nicht sagen, dass die Treuhand nur Gutes getan hat, dass es keine sozialen Verwerfungen gab. Ich will nichts beschönigen und schon gar nicht die Leistung der Ostdeutschen nach 1990 kleinreden.

Sondern?

Wir sind an einem Punkt, wo es uns allen so gut geht wie noch nie. Und das hat zum großen Teil mit dem Westen und seinem Wirtschafts- und Wertesystem zu tun. Das muss man anerkennen und zugleich Lust entwickeln mitzumachen. Davon aber sind viele Leute hier weit entfernt. Sie begegnen anderen Osteuropäern mit ekliger Überheblichkeit, wie man gerade am Umgang mit der Ukraine sieht. Da heißt es: Die sollen kapitulieren, dann gehören sie eben wieder zu Russland - na und? Hauptsache, wir werden in Ruhe gelassen.

Nun sind Sie auch noch Vertreter der evangelischen Kirche, die es im Osten arg schwer hat, auch weil sie die Aufnahme von Flüchtlingen befürwortet. Finden Sie denn überhaupt Gehör?

Man muss die Migrationspolitik der vergangenen zehn Jahre ja nicht romantisieren. Aber wir können auch nicht zuschauen, wie jeden Tag Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen. Da hat auch der ostdeutsche Christ einen Auftrag, der unabhängig von der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder ist. Das gilt übrigens für jede Lebensfrage, zu der der Glauben etwas zu sagen hat. Dazu kommen die spezifischen Umstände in Ostdeutschland. Ich brauche mir doch von einem rechten Block nichts sagen lassen, der die ganze Zeit von der Rettung des Abendlandes schwafelt und eine seiner Hauptaufgaben in der Schwächung der Jahrhunderte alten Landeskirchen und Bistümer sieht. Schauen wir uns doch mal um: Die meisten Leute, die den Untergang des christlichen Abendlandes prophezeien, sind ja gar keine Christen und wollen anscheinend keine werden, auch nicht im kulturellen Sinn. Das große Problem für uns ist, dass viele Ostdeutsche in ihrer eigenen Wahrnehmung auf schwankendem Grund stehen und zugleich alles dafür tun, dass dieses Gefühl noch stärker wird.

Ist der Osten gottlos?

Gott ist hier, das spüre ich jeden Tag. Aber der Osten ist eine durch und durch atheistische Gesellschaft. Das werden wir ändern. Die Leute sind nicht glücklich und merken, dass ihnen was fehlt. Ich und viele andere zeigen aber jetzt mit unserer Arbeit mehr und mehr, dass die Kirche da ist und die AfD keinen Alleinvertretungsanspruch auf die Ostdeutschen hat.

Können die Ostdeutschen überhaupt etwas mit Gemeinschaft im Sinne einer Gemeinde anfangen? Oder nur im Sinne einer Montagsdemo gegen die Bundesregierung? Anders gefragt: Sind die Menschen allein in Wut oder in einem echten Miteinander vereint?

Generell haben die Menschen hier eine Sehnsucht nach Gemeinschaft. Allerdings ist diese Sehnsucht vom Bild der homogenen Masse geprägt. Heißt, die Leute erwarten, dass alle das Gleiche denken, reden, tun und lassen sollen. Das ist autoritär. Der Gedanke, dass eine Gemeinschaft auch aus sehr unterschiedlichen Menschen bestehen kann, also genau das, was bei uns im Gottesdienst passiert, ist schon in der DDR und nun durch die politischen Debatten der vergangenen zehn Jahre fast endgültig verloren gegangen. Ich kann aber bis heute mit einem, der AfD wählt, am Altar stehen und reden, weil uns die Liebe Christi verbindet und nicht die politische Haltung. Das ist das, was unterschiedliche Menschen zusammenhält, und das ist, wofür unsere Kirche steht. Also versuche ich, den Menschen das zu vermitteln, und gebe der Kirche hier deshalb eine große Chance.

Mit Justus Geilhufe sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de

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