Politik

B.1.1.7 bei 90 Prozent Irland verlängert den Lockdown bis Mai

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Einsame Spaziergänge am Strand sind in Irland auch weiterhin möglich - wenn der Strand nicht weiter als fünf Kilometer von der Wohnung entfernt ist.

(Foto: REUTERS)

Es ist der strengste Lockdown in Europa: Seit Ende Dezember sind die Menschen in Irland stark eingeschränkt. Und daran wird sich auch vorerst nichts ändern. Dabei galt das Land vor Kurzem noch als Vorbild.

Sonnige, fast frühlingshafte Tage lassen die Iren fast vergessen, dass sie sich seit knapp zwei Monaten in einem strikten Lockdown befinden. Doch mit grauem Wetter, Wind und Regen kam am Freitag auch die deprimierende Hiobsbotschaft: So bald wird es in Irland keine Lockerungen geben.

Nach einem extremen Anstieg der Neuinfektionen Mitte Januar auf bis zu 8000 Fälle am Tag hat Irland die Zahlen mittlerweile wieder im Griff. Doch weil sie seit Anfang Februar stagnieren, zwischen 800 und 1000 Fällen hin und her schwanken, hat die Regierung drastische Maßnahmen beschlossen.

Nach einem Treffen des irischen Corona-Kabinetts hieß es laut "Irish Times", der strikte Lockdown werde bis Anfang Mai verlängert. Anders als geplant werde es Anfang März keine größere Öffnung geben, sagte der irische Premierminister Micheál Martin. Das bedeutet geschlossene Geschäfte, Restaurants und Pubs, keine Besuche anderer Haushalte sowie ein Radius von fünf Kilometern, in dem man sich von seinem Zuhause bewegen kann. Die Polizei kontrolliert nicht nur Auto- oder Zugfahrer, sondern auch Fußgänger und Fahrradfahrer. Wer keinen "wesentlichen Grund" hat, den erlaubten Umkreis zu überschreiten, muss zahlen.

Der aktuelle Beschluss war eine Kehrtwende. Aber während in Deutschland mindestens einmal im Monat über Lockerungen und Einschränkungen entschieden wird, setzt Irland auf längere Zeiträume. Die Regeln sind bekannt: Ob es Lockerungen gibt, wird nicht an einem bestimmten Inzidenzwert festgemacht, sondern an der Zahl Neuinfektionen, der Krankenhausauslastung und der Situation im Land allgemein.

"Wir prüfen eine Fortsetzung der strengen Einschränkungen auf jeden Fall bis in den April", sagte Martin der Zeitung "Irish Mirror". Die Regierung werde die Lage nach Ostern noch einmal bewerten, "aber bis Ende April können Sie mit erheblichen Einschränkungen rechnen".

Vom Vorbild zum Sorgenkind

Der Beschluss gründet zum einen auf den trotz Lockdown stagnierenden Infektionszahlen und darauf, dass die Covid-Mutation B.1.1.7 mittlerweile einen Großteil der Virusinfektionen ausmacht. Laut Philip Nolan, dem Vorsitzenden des epidemiologischen Beratergremiums der irischen Regierung, handelt es sich bei 90 Prozent aller positiven Corona-Tests um die neue, ansteckendere Variante.

Zum anderen ist die Verlängerung des Lockdowns eine Reaktion auf das, was im Januar in Irland geschah. Nachdem das Land Anfang Dezember mit sehr niedrigen Infektionszahlen aus dem frühen zweiten Lockdown kam und auch über Weihnachten keine strengen Regelungen galten, explodierten die Neuinfektionen in den ersten drei Januarwochen. Zeitweise hatte Irland die höchste Zahl an Neuinfektionen weltweit, während der gesamten Pandemie.

Dabei galt das Land noch Anfang Dezember als Vorbild für den Rest Europas. Doch schon am ersten Wochenende nach den Lockerungen bereiteten volle Einkaufsstraßen und Restaurants Sorge. Dann kamen Weihnachten und Silvester. Wie in anderen europäischen Ländern auch gingen die Zahlen auf der Insel im Januar stark in die Höhe - jedoch auf eine sonst nirgendwo gesehene extreme Art und Weise. Irland wurde vom Vorbild zum europäischen Sorgenkind.

"Es ist zermürbend"

Dass der Wechsel zu lockereren Maßnahmen im vergangenen Jahr zu schnell kam, bestätigte der stellvertretende Premierminister Leo Varadkar in einem Interview mit dem irischen Radiosender RTE. Demnach habe sich die Entscheidung damals "als zu schnell erwiesen". Umso mehr sollte das Land nun, vor allem angesichts der ansteckenden Mutation, Vorsicht walten lassen.

Für die Iren ist die Verlängerung der Corona-Maßnahmen hart. "Es war schon bisher ein langer Lockdown", sagte Premierminister Martin, doch das sei es wert gewesen - schon mit Blick auf die Impfungen. Optimismus will sich dennoch nicht einstellen. Dass die Situation gerade älteren Menschen auf das Gemüt schlägt, weiß Ahmad Kamaludin. Der 25-Jährige arbeitet auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses in Dublin. "Es ist zermürbend für die psychische Gesundheit der Menschen", sagt er. Jeder seiner Patienten habe große Schwierigkeiten, mit der Isolierung umzugehen. Für die Älteren gelte das besonders. Denn alles was ihr Leben sonst ausmache - Besuche von Verwandten, ein Treffen mit Freunden - ist zurzeit nicht möglich.

Auch für Kamaludin selbst ist die derzeitige Situation nicht einfach. "Es ist der dritte Lockdown, und man kann einfach nicht bestreiten, wie frustriert jeder mittlerweile ist." Nur zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, um dann den Abend alleine zu verbringen und am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu gehen, findet auch er nicht schön. "Wir sind schließlich alle soziale Wesen."

Doch als Arzt, der im vergangenen Jahr drei Monate auf der Intensivstation gearbeitet und gesehen hat, was Corona anrichten kann, weiß Kamaludin auch, dass der Lockdown nötig ist, um die Infektionszahlen zu verringern. "Es ist ein Balanceakt zwischen beidem", sagt er. Die erneute Verlängerung des Lockdowns unterstütze er trotzdem.

Quelle: ntv.de

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