Politik

"Das war nicht die Vision" Israel feiert mit schwerem Herzen

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Am Strand verfolgt eine Gruppe Menschen die Flugshow zu Ehren des Unabhängigkeitstags.

(Foto: AP)

Feuerwerk, Tänzer, Chöre, Flugshows - Israel begeht seinen 70. Geburtstag mit patriotischem Pomp. Doch viele Israelis wünschen sich eher innere Einkehr. Und eine neue Regierung.

"Ich liebe den Unabhängigkeitstag, ich gehe niemals auf Reisen in dieser Zeit", verrät der israelische Bestsellerautor Eshkol Nevo. "Einmal habe ich eine Ausnahme gemacht und es sehr bereut. Denn ich verpasste das große Barbecue, das wir mit Freunden und Familie jedes Jahr veranstalten. Ich feiere dann die Unabhängigkeit, den Fakt, dass ich in meinem eigenen Land nicht einer ängstlichen Minderheit angehöre." Aber es sei gerade eine sehr schwierige Zeit, um Geburtstag zu feiern. "Ich habe mich noch nie so entfremdet gefühlt."

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Seit Wochen bereitet sich das Land auf den 70. Geburtstag vor. In sozialen Netzwerken kursieren lustige und rührende Videos zum Thema, die Läden quellen über vor Kram in den Nationalfarben. Auch Staatspräsident Reuven Rivlin war fleißig, reiste quer durch das Land, um mit Juden und Arabern zu sprechen, mit Lehrern, Doktoren, Bauern und Startup-Gründern. Danach kam er in seinem Grußwort zum Jahrestag zu dem Schluss, dass sie alle den Wunsch und die Hoffnung teilen, das Israel weiterhin wachsen und gedeihen möge.

Entfremdet und entmutigt

Was er Israel zum Geburtstag wünsche? "Das ist simpel", meint Richard C. Schneider. "Frieden auf alle Fälle. Den Erhalt und den Ausbau der Demokratie. Das war es eigentlich schon." Doch anders als die vielen Menschen, die der freundliche Staatspräsident getroffen haben will, hat der Journalist und Buchautor keine Hoffnung, dass sich seine Wünsche erfüllen werden. "Ich bin sehr pessimistisch."

Er denke da vor allem daran, was sich innerhalb der israelischen Gesellschaft tue, nicht nur in der Problematik von außen, betont der ehemalige, langjährige Leiter des ARD-Studios in Tel Aviv. "Ich sehe wie der Demokratie-Begriff zunehmend mit Füßen getreten wird. Ich sehe - wie in Europa und in den USA ebenso -  wie die fundamentalisierte Rechte anfängt, die Demokratie von innen auszuhöhlen. Wie der politische Streit zunehmend zur Delegitimierung des politischen Gegners mutiert ist", so Schneider. Das gehe vor allem, aber nicht nur von der israelischen Rechten aus. "Die Linke ist zum Teil in ihrer Ideologie dermaßen eingeengt, kleinkariert, realitätsfern, dass das Bashing der Rechten teilweise ebenso banal ist. Aber auch das sehen wir in Europa. Was wir im Grunde hier erleben, ist die Krise des westlichen Liberalismus."

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Unter einem Porträt von Theodor Herzl verliest David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung Israels. Von diesen Zeiten hat sich das Land weit entfernt, meint Nevo.

(Foto: imago/United Archives International)

"Ich habe immer versucht, auch in der israelischen Politik das Gute und das Schlechte zu sehen", sagt Nevo, der ein Enkel des dritten Ministerpräsidenten Israels, Levi Eschkol, ist. "Aber bei der aktuellen Regierung gibt es nicht einen Punkt, dem ich zustimmen kann." Statt einen Weg zu finden, in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben, treibe sie den Konflikt voran. Statt die heterogene Gesellschaft zu einen, treibe sie Keile zwischen die Menschen.

Die Idee des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl, war kein Armee-Staat, dessen Gesellschaft im Inneren tief gespalten ist, so Nevo. "Herzl hatte die Vision, dass wir eine moralische Inspiration für die Welt werden würden. Wie können wir die moralische Inspiration sein, wenn schon Premierminister Benjamin Netanjahu laut Polizei-Ermittlungen korrupt und kriminell ist?"

Zurück auf den moralischen Pfad

"Wir müssen für uns einen Weg finden, der wieder zu unseren moralischen Standards passt", meint auch Ron Fridl, ein pensionierter Polizist, der sich in aktiven Jahren auch mit Wirschafts-Korruption befasste. "Ich würde Israel wünschen, dass es an seinem Geburtstag in sich geht, wie man es an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, tut. Dass es sich überlegt, wie es weitergehen soll."

70 Jahre Israel bedeuteten 70 Jahre Kriege, so Fridl. "Die Auseinandersetzungen bestimmen unser ganzes Leben - es ist nicht täglich eine unmittelbare Angst, aber eine unterschwellige. Was wenn der Iran sich etwa doch in den Kopf setzt, uns auszulöschen?" Dazu kämen die Probleme im Inneren: "Wir müssen überlegen, wie wir hier zusammenleben wollen. Wenn unsere arabischen Israelis wirklich vollwertige Bürger sein sollen, dann müssen wir in unserem Parlament einige Dutzend Plätze für sie freiräumen. Ob sie dann wohl alle unsere Nationalhymne 'Hatikwa' mit uns singen wollen? Ich glaube nicht."

Derzeit wollten einige Israelis ihnen einen anderen Status verleihen, sie zu Bürgern zweiter Klasse machen, in diese Richtung drücke auch die Regierung. Ob ihm das gefalle? Ganz und gar nicht, sagt Fridl. "Das wäre ein Apartheid-Staat." Es gehe ihm nicht darum, was die Welt von ihnen halte. Wer nicht in Israel lebe, die Kriege nicht erlebt habe, habe kein Mitspracherecht, selbst wenn Fridl die Kritik teile. Auf die Siedlungen etwa könne er sehr gut verzichten. "Aber wir müssen das von innen heraus regeln. Unsere moralischen Pfeiler sind Tausende von Jahre alt - wir hatten sie schon geschrieben, als die anderen noch gar nicht daran dachten."

Wer soll den Wandel herbeiführen?

Für den Wandel brauche es jedoch starke Führungspersönlichkeiten, auch auf palästinensischer Seite, die den Frieden wirklich wollten, meint Fridl. Eine gute, starke, politische Figur hat sich auch Eshkol Nevo gewünscht - und zwar bereits zum 60. Geburtstag seines Landes. Was er sich jetzt, zehn Jahre später, wünsche? Eine gute, starke, politische Figur, lacht Nevo. "Im Ernst, ich wäre sehr glücklich, wenn wir den 71. Geburtstag des Landes mit einer anderen Regierung begehen. Eine, die die heterogene Gesellschaft widerspiegelt."

Er sei schon früher verärgert über Regierungen gewesen, aber noch nie so befremdet. "Aber, und das ist ein großes Aber: Ich bleibe hoffnungsvoll. Die Geschichte lehrt uns, dass auf jede Reaktion eine Gegenreaktion folgt." Er werde seine Fantasiefigur nicht kriegen, es werde keinen israelischen Obama geben, aber er würde sich auch mit weniger zufrieden geben: "Ich wünsche Israel zum Geburtstag eine Regierung, die nicht nur einen Teil der Gesellschaft repräsentiert."

Quelle: n-tv.de

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