Politik

Woher der Hass kommt Ist Antisemitismus vor allem muslimisch?

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Dieser Aufkleber stammt von dem rechtsextremen Versandhandel "Druck18" und ist ein Beispiel für rechten israelbezogenen Antisemitismus.

(Foto: imago/Hollandse Hoogte)

Im "ntv Frühstart" sagt der CDU-Politiker Philipp Amthor, Antisemitismus sei in "muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten". Andere sagen, Hass auf Juden sei fast ausschließlich ein Problem der politischen Rechten. Beides stimmt nicht.

Antisemitismus nimmt in Europa wieder zu. In einer Umfrage gaben 89 Prozent von mehr als 16.000 jüdischen Befragten in zwölf EU-Staaten an, dass in ihren Heimatländern Antisemitismus wieder zugenommen hat. Deutschland gehört dabei zu den Staaten, in denen das Problem als am drängendsten wahrgenommen wird. Nur in Frankreich bezeichneten noch mehr Menschen Judenhass als ein noch größeres Problem als in Deutschland, so das Ergebnis der Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA). Doch woher kommen Stereotype, Vorurteile, Hass und Gewalt gegen Juden? CDU-Innenexperte Philipp Amthor sagte am Morgen im "ntv Frühstart": "Antisemitismus, das darf man nicht vergessen, ist vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten." Stimmt das?

Die polizeiliche Kriminalstatistik ist in dieser Frage eigentlich sehr eindeutig. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2018. Das Bundeskriminalamt (BKA) registrierte im Vergleich zu 2017 einen Anstieg um fast 20 Prozent auf 1799 antisemitische Straftaten. 89,1 Prozent davon, 1603 Straftaten, ordnet die Behörde rechten Tätern zu. Nur die verbliebenen 10,9 Prozent gingen demnach von Tätern aus, die vom BKA den Bereichen "links", "ausländische Ideologien" und "religiöse Ideologien" zuzuordnen sind oder deren Hintergrund ungeklärt ist.

Doch an der Aussagekraft der polizeilichen Statistik gibt es Zweifel. Schon 2017 hieß es in einem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, dass die Methode des BKA "ein nach rechts verzerrtes Bild über die Tatmotivation und den Täterkreis" liefere. Typische judenfeindliche Schmierereien wie "Juden Raus" oder Hakenkreuze würden in den Statistiken generell als rechtsextrem ausgewiesen, obwohl Parole und Symbolik auch in islamistischen Kreisen populär seien.

"Heraushebung einer Gruppe wenig zielführend"

In Berlin wollte der FDP-Politiker Marcel Luthe im vergangenen Jahr in einer parlamentarischen Anfrage vom Senat mehr über die Praxis der Kategorisierung wissen. Aus der Antwort geht hervor, dass in der Hauptstadt antisemitische Straftaten teilweise dem rechten Spektrum zugeordnet werden, obwohl die genauen Hintergründe unbekannt sind. Das bedeutet konkret: 2018 zählte die Kriminalstatisitik in Berlin 324 antisemitische Straftaten. 253 davon kamen laut Polizei aus der "rechten" Tätergruppe - rund 78 Prozent. Doch nur bei 133 Straftaten gehen die Beamten von "rechtsextremen" Motiven aus. Für die Differenz von 120 Delikten gilt: Die genauen Motive sind unbekannt, trotzdem gilt die Kategorie "rechts". So gesehen läge der Anteil antisemitischer Straftaten von rechts bei "nur" noch 41 Prozent.

Eine andere Methodik verwendet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in Berlin. "Wenn uns nicht bekannt ist, welchem Spektrum der Täter zuzuordnen ist, ordnen wir das als unbekannt ein", sagt deren Referent Alexander Rasumny ntv.de. Im ersten Halbjahr 2019 zählte Rias 404 Fälle. Rasumny und seine Kollegen dokumentieren jedoch nicht nur Straftaten im juristischen Sinne, sondern auch verletzendes Verhalten oder Massenzuschriften an jüdische Institutionen. Demnach haben 29,7 Prozent der Vorfälle einen "rechten" Hintergrund, dem "antiisraelischen Aktivismus" sind 11,9 Prozent zuzuordnen. Die mit Abstand größte Gruppe sind jedoch die Vorfälle, deren Hintergründe unklar sind (41,1 Prozent).

Dass Antisemitismus vor allem ein Problem in muslimischen Kreisen sei, sieht Rasumny anders. "Ein großer Teil der von uns registrierten Taten kommt aus dem rechten Spektrum", sagt er. Zu Amthors Äußerung sagt er: "Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir halten deswegen eine Heraushebung einer Gruppe für genauso wenig zielführend wie eine pauschale Behauptung, in einer gesellschaftlichen Gruppe wäre Antisemitismus kein Problem."

Die subjektive Wahrnehmung ist anders

Die Methodik des BKA kritisiert auch der Direktor des American Jewish Committee in Berlin, Remko Leemhuis, gegenüber ntv.de: "Das Problem mit der Polizeistatistik ist, dass viele Vorfälle automatisch rechts eingeordnet werden, ohne dass genaue Hintergründe bekannt sind." Auch er warnt davor, zu pauschalisieren. "Man darf es sich nicht zu leicht machen und nur auf eine Gruppe gucken. Dennoch gibt es ein Problem mit muslimischem Antisemitismus, auch bereits vor der Ankunft der Flüchtlinge im Jahr 2015. Viele Flüchtlinge kommen aus Staaten, in denen Antisemitismus zur Staatsdoktrin gehört", sagt er. "Aber auch davor hatten wir schon Zahlen, die zeigen, dass 20 bis 25 Prozent der Menschen in Deutschland antisemitisch eingestellt sind." Einen Anstieg von antisemitischen Übergriffen habe sein Büro etwa auch 2001, nach Beginn der zweiten Intifada, registriert. "2014 wurde bei einer antiisraelischen Demo gerufen: 'Juden ins Gas'", sagt Leemhuis.

Was die Wahrnehmung der Gefahr angeht, zeigt sich ein völlig anderes Bild als in der Kriminalstatistik. In einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen" sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein: "Aus den jüdischen Gemeinden höre ich, dass die subjektive Wahrnehmung der Bedrohung durch muslimisch geprägten Antisemitismus größer ist, als es in der Kriminalstatistik zum Ausdruck kommt." Die Zuordnung von Delikt und Täter sei häufig fragwürdig. In der eingangs erwähnten FRA-Studie gab mehr als ein Viertel der Befragten an, in den zwölf Monaten vor der Umfrage antisemitisch belästigt worden zu sein. Auf die Frage nach den Tätermerkmalen gaben 31 Prozent an, dass sie den Täter nicht kannten. 30 Prozent der Fälle gingen demnach von Muslimen aus, 21 Prozent von Tätern aus dem politisch linken Spektrum.

Auch eine andere Studie der Expertenkommission FRA weicht weit vom Bild der polizeilichen Statistik in Deutschland ab. Darin wurden 2700 Jüdinnen und Juden im Alter zwischen 16 und 34 Jahren nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus gefragt. Bei der Frage, wer der Täter beim schlimmsten jemals erlebten Übergriff gewesen sei, gaben 31 Prozent an, ihr Peiniger sei "islamistisch" gewesen. 21 Prozent gingen von einem Täter aus dem linksextremen Spektrum aus. Nur 14 Prozent vermuteten einen rechtsextremen Hintergrund.

CDU-Politiker Amthor nahm seine Äußerungen kurz nach dem Interview mit ntv zurück und sagte, er fühle sich missverstanden. Er habe "auf die Frage geantwortet, was sich in den letzten Jahren verändert hat". Für ihn sei aber dennoch "völlig klar, dass die größte Gefahr im Bereich des Antisemitismus natürlich von Rechtsextremisten ausgeht". Das belegten auch die polizeiliche Statistik "und der notwendige Schwerpunkt unseres politischen Handelns". Die polizeiliche Statistik belegt das tatsächlich. Doch ihre Methodik wird selbst von jüdischen Vertretern kritisiert. Andersherum scheint Antisemitismus auch kein vorrangig muslimisches Problem zu sein. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Quelle: ntv.de