Politik

"Krisenpunkt erreicht" Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch

125530682.jpg

26 Prozent der Befragten attestieren Juden "zu viel Macht in der Weltpolitik".

(Foto: picture alliance/dpa)

Judenfeindliche Gedanken sind in Deutschland weit verbreitet. Das ergibt eine Umfrage des Jüdischen Weltkongresses. Unter anderem soll das mit dem Erfolg rechtsextremer Parteien zusammenhängen - und auch eine Wiederholung der Geschichte schließen die Befragten nicht aus.

Jeder vierte Deutsche hegt laut einer neuen Studie antisemitische Gedanken. Und 41 Prozent sind gar der Meinung, Juden redeten zu viel über den Massenmord des Nazi-Regimes an den europäischen Juden. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses hervor, über die die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtete. Die Befragung mit 1300 Teilnehmern fand vor zweieinhalb Monaten statt - vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale.

Dem Bericht zufolge geben 28 Prozent der als Elite bezeichneten Umfrageteilnehmer an, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft, 26 Prozent attestieren Juden "zu viel Macht in der Weltpolitik". Zur Elite zählen die Studienautoren Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro.

Weiter ergab die Befragung laut SZ, dass 48 Prozent behaupten, Juden verhielten sich loyaler zu Israel als zu Deutschland. Zwölf Prozent aller Befragten gaben an, Juden trügen die Verantwortung für die meisten Kriege auf der Welt. 22 Prozent sagen, Juden würden wegen ihres Verhaltens gehasst.

Wachsender Antisemitismus wird der Studie zufolge von einer überwältigenden Mehrheit in der Bevölkerung wahrgenommen und mit dem Erfolg rechtsextremer Parteien in Verbindung gebracht. 65 Prozent der Deutschen und 76 Prozent der sogenannten Elite sehen einen Zusammenhang. Ein Viertel der Befragten hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann".

60 Prozent räumen Gewaltrisiko ein

Neben Antisemitismus wächst aber gleichzeitig auch die Bereitschaft, etwas dagegen zu unternehmen: Zwei Drittel der sogenannten Elite würden eine Petition gegen Antisemitismus unterzeichnen, ein Drittel aller Befragten würde gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Etwa 60 Prozent räumen ein, dass Juden einem Gewaltrisiko oder hasserfüllten Verbalangriffen ausgesetzt seien.

Der Jüdische Weltkongress ist eine Vereinigung, die jüdische Gemeinden und Organisationen in 100 Ländern vertritt. Der Präsident Ronald S. Lauder sagte der SZ zu der Studie, Antisemitismus habe in Deutschland einen Krisenpunkt erreicht. "Es ist an der Zeit, dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht und Antisemitismus frontal bekämpft."

In Halle hatte am 9. Oktober ein Deutscher schwer bewaffnet versucht, in eine Synagoge einzudringen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-Jährigen in einem Döner-Imbiss. Der 27-Jährige ist in Untersuchungshaft und gibt ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv zu.

*Datenschutz

 

Quelle: ntv.de, fge/dpa