Politik

Putin wollte Attacken einstellen Kiew: Russische Truppen greifen Asowstal-Werk wieder an

Russland erklärt Mariupol für erobert, doch das Stahlwerk Asowstal ist nach wie vor in ukrainischer Hand. Russlands Präsident Putin hatte zwar angekündigt, alle Angriffe auf die letzte Bastion der Verteidiger einzustellen. Nach ukrainischen Angaben gehen die Kämpfe jedoch weiter.

In Mariupol toben mehreren Angaben zufolge weiter schwere Kämpfe - obwohl Russland die Hafenstadt angeblich eingenommen und der russische Präsident Wladimir Putin ein Ende der Angriffe angekündigt hatte. Ein Versuch zur Evakuierung von Zivilisten ist nach Angaben der Stadtverwaltung unterdessen gescheitert.

Der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch berichtete, russische Truppen hätten die Angriffe auf das Stahlwerk Asowstal wieder aufgenommen. "Der Feind versucht, den letzten Widerstand der Verteidiger von Mariupol zu ersticken", sagte Arestowytsch in einer Videobotschaft. Eingesetzt würden Artillerie und Luftwaffe. Die ukrainischen Soldaten würden jedoch ihre Positionen halten und "sogar Gegenangriffe starten". Die Angaben sind nicht überprüfbar.

Von neuen Kämpfen in Mariupol berichtet aber auch das britische Verteidigungsministerium unter Berufung auf seine Geheimdienste. "Schwere Kämpfe blocken russische Versuche, die Stadt einzunehmen und bremsen den von Russland angestrebten Vormarsch im Donbass."

Mangelt es russischen Truppen an Durchschlagskraft?

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag angeordnet, keinen Sturm der aus dem Kalten Krieg stammenden Bunkeranlagen des Stahlwerks vorzunehmen. Damit sollten eigene Verluste vermieden werden. Zuvor war die Hafenstadt am Asowschen Meer als erobert deklariert worden. Präsident Putin hatte zudem angeordnet, eine Blockade um die Anlage herum zu errichten. Mutmaßlich, weil die örtlichen russischen Truppen die Offensive im Donbass unterstützen sollen.

Dass es dennoch zu schweren Kämpfen kommt, könnte diesen Plan nach Angaben von Militärbeobachtern zunichtemachen - und ist möglicherweise ein Anzeichen dafür, dass es den russischen Truppen nach schweren Verlusten an der nötigen Durchschlagskraft mangelt. "Wenn die Russen ganz Mariupol einnehmen könnten, würden sie es tun, denn das würde die Dinge für sie deutlich vereinfachen", erklärt beispielsweise Philips P. O'Brien, ein amerikanischer Militärhistoriker und Professor für strategische Studien an der schottischen Universität St. Andrews. "Wahrscheinlicher ist, dass ihre Truppen zu diesem Angriff einfach nicht in der Lage sind."

Mariupol ist seit dem 1. März vollständig von russischen Truppen eingeschlossen und wird seitdem bombardiert. In der weitgehend zerstörten Stadt sollen dennoch mehr als 100.000 Zivilisten und etwa 2000 ukrainische Truppen ausharren. Als letzte Bastion des ukrainischen Widerstands gilt das Asowstal-Werk, in dessen Kellern und Tunneln sich die Menschen verschanzt haben. Allerdings verschlechtert sich die humanitäre Lage der Menschen dort zunehmend. Sie sollen keinen Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und medizinischer Versorgung besitzen. Auf Telegram teilte ein ukrainischer Unteroffizier der "New York Times" mit, dass man weiterhin auf Hilfe von außen hoffe. Sollte diese die Menschen nicht erreichen, werde man Waffen in die Hand nehmen und die Ukraine weiter verteidigen.

Stadtvertreter: Evakuierung gescheitert

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Ein neuer Versuch zur Evakuierung von Zivilisten aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol ist nach Angaben eines Vertreters der Stadtverwaltung von den russischen Truppen durchkreuzt worden. 200 Einwohner hätten sich versammelt, um aus der seit Wochen heftig umkämpften Stadt weggebracht zu werden, doch hätten russische Soldaten die Menge "auseinandergetrieben", teilte Vize-Bürgermeister Petro Andriuschtschenko im Onlinedienst Telegram mit. Einige dieser Einwohner seien gezwungen worden, Busse zu besteigen, die sie in eine von den Russen kontrollierte Zone bringen sollte, fügte er hinzu.

Präsident Putin warf Kiew vor, die Kapitulation der ukrainischen Truppen in Mariupol zu verhindern. "Allen Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, den Kämpfern der nationalen Bataillone und den ausländischen Söldnern, die ihre Waffen niedergelegt haben, werden das Leben, eine menschenwürdige Behandlung im Einklang mit dem Völkerrecht und eine hochwertige medizinische Versorgung garantiert", versicherte Putin dem Kreml zufolge in einem Telefonat mit EU-Ratspräsident Charles Michel. "Aber das Kiewer Regime erlaubt nicht, dass diese Möglichkeit genutzt wird."

Quelle: ntv.de, kst/lno/dpa/AFP

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