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Friedensprozess mit Farc-Guerilla Kolumbien beendet seinen größten Konflikt

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Noch 2012 kontrollierten die FARC-Rebellen weite Teile Kolumbiens.

picture alliance / dpa

Die Welt scheint mit ihren zahlreichen Krisenherden derzeit aus den Fugen zu geraten. Kolumbien hingegen zeigt, dass es auch anders geht: Nach einem halben Jahrhundert Guerillakrieg mit der Farc soll nun ein historischer Frieden einkehren.

An den Mauern steht zwar immer noch: "Patria o Muerte" - "Vaterland oder Tod". Und auch T-Shirts mit dem Konterfei von Che Guevara können noch gekauft werden - finden aber nicht gerade reißenden Absatz. Der kubanische Sonderweg wird heute immer mehr zur Fassade, Staatschef Raúl Castro sucht gar den Schulterschluss mit dem Erzfeind USA. Revolution, hehre Ideale, Guerillakampf waren gestern.

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Kubas Präsident Raúl Castro (mi.) ist Zeuge des historischen Händedrucks zwischen Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos (li.) und dem Farc-Anführere Rodrigo Londono (r.)

(Foto: REUTERS)

Es passt ins Bild, dass Castro nun geholfen hat, einen der ältesten Konflikte der Welt womöglich für immer zu befrieden. Raúl Castro, Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und der Anführer der Farc-Rebellen, Rodrigo Londoño alias "Timochenko", lieferten am 23. September in Havanna ein Foto für die Geschichtsbücher: Alle Drei im weißen Hemd, Castro steht in der Mitte, greift die Hände der erbitterten Widersacher und erzwingt so den historischen Handschlag. "Der Frieden in Kolumbien wird ganz Lateinamerika nutzen", glaubt Santos.

Grundgerüst des Friedens steht

Über sechs Monate hinweg soll nun der Friedensvertrag ausgehandelt werden, von Freitag an wird in Havanna an den komplizierten Details gefeilt. Selbst für schwere Verbrechen in dem seit 1964 andauernden Konflikt soll es im Rahmen einer Sonderjustiz für geständige Militärs und Guerilleros nur maximal acht Jahre Gefängnis oder Arrest geben.

Die linken Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) sind die älteste Guerillaorganisation Lateinamerikas - und kontrollierten einmal große Teile Kolumbiens. Drogengeschäfte haben für sie aber schon seit Langem häufig Vorrang vor klaren ideologischen Zielen, Kommuniqués gerieten reichlich verworren. Der Guerillero und Lateinamerika - es ist eine bewegte Geschichte.

Große Revolution ist vorbei

Che Guevara, gestorben 1967 beim Versuch, die kubanische Revolution nach Bolivien zu exportieren; Fidel Castro, der heute im blau-weißen Trainingsanzug mitanschauen muss, wie sich seine Revolution unter Bruder Raúl sukzessive dem Kapitalismus öffnet; Manuel Marulanda alias Tirofijo ("Sicherer Schuss"), der 2008 gestorbene berüchtigte Farc-Anführer; Die Figur des Subcomandante Marcos, mythenumrankt und Sinnbild des Aufstandes der Landbevölkerung im mexikanischen Chiapas. Hinzu kommen verheerende Bewegungen wie der Sendero Luminoso ("Leuchtender Pfad") in Peru sowie die Stadtguerilleros der Tupamaros oder Montoneros, die in Uruguay und Argentinien Regierungen bekämpften.

Der Kampf gegen Diktaturen, Großgrundbesitzer und Armut, oft begründet mit linker Ideologie und ein Produkt des Kalten Kriegs, hat weltweit Faszination für Lateinamerika geweckt. Auch Verklärung. Aber die Zeiten heute sind eben andere. Einige stiegen in hohe Staatsämter auf. Der führende Tupamaru-Kämpfer José Mujica wurde 2011 Präsident Uruguays. Dilma Rousseff, gefoltert während der Militärdiktatur, führt mit Brasilien seit fast fünf Jahren das fünftgrößte Land der Welt. Der Sandinist Daniel Ortega ist gerade mal wieder Präsident Nicaraguas.

Innerpolitische Probleme bleiben

Wenn der Friedensvertrag mit der Farc gelingt und vom kolumbianischen Volk per Referendum gebilligt wird, gibt es kaum noch nennenswerte Gruppen in der Region. Zuvor schon hatten die gegen Guerillatruppen kämpfenden rechten Paramilitärs sich weitgehend demobilisieren lassen. Santos hofft, dass auch die kleine marxistische ELN dem Beispiel folgen wird.

Es gibt in dem Land große Konflikte um eine als ungerecht empfundene Landverteilung, das war immer wieder ein Urgrund für das Entstehen von Guerillas. Von sich reden gemacht hat zuletzt fast nur noch die "Paraguayische Volksarmee" (EPP). Das Auswärtige Amt warnt: "Bei ihren Anschlägen hat es die EPP hauptsächlich auf Polizei, Militär und paraguayische sowie auch ausländische Großgrundbesitzer abgesehen. Sie stiehlt Vieh und erpresst Lösegeld durch Entführungen."

Konflikt fordert 220.000 Todesopfer

In Kolumbien könnten nach all den Konflikten der letzten 50 Jahre mit über 220.000 Toten dauerhaft die Waffen schweigen - und die Farc-Rebellen könnten versuchen, auf legalem Wege etwas zu bewegen. Ein Erfolg für die Farc sei sicherlich, "dass die Guerilla nach dem Friedensabkommen eine politische Bewegung gründen kann, wenn es auch noch nicht klar ist, welche ehemaligen Guerilleros Mitglied dieser Bewegung werden können", bilanzieren Hubert Gehring und Margarita Cuervo von der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Diesmal sollte das besser klappen als in den 1980er-Jahren: Müde vom Kampf gründeten Farc-Rebellen 1985 die Partei Unión Patriótica. Aber zwei Präsidentschaftskandidaten und Tausende Anhänger wurden von den Paramilitärs getötet. So führten die Farc den Kampf weiter. Aber inzwischen haben auch die meisten der Paramilitärs die Waffen niedergelegt, so dass der Frieden in Kolumbien eine reale Chance hat.

Quelle: n-tv.de, Georg Ismar, dpa

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