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"Schürt Angst vor Behinderung" Kopfschütteln über FDP-Tweet zu Trisomie 21

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Vorgeburtliche Bluttests auf Trisomie könnten für Risikoschwangere bald Kassenleistung sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kassenleistung oder nicht? Der Bundestag debattiert kommende Woche, ob vorgeburtliche Bluttests auf Trisomie künftig von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Die FDP ist dafür. Doch ein Tweet dazu sorgt für Entsetzen.

Die FDP-Bundestagsfraktion hat mit einem Tweet zu Trisomie-Bluttests scharfe Kritik auf sich gezogen. "#Trisomie21-Tests müssen allen Frauen zur Verfügung stehen", heißt es dort. "Wir fordern, dass die Tests zur #Kassenleistung werden." Bebildert wurde der Tweet mit einem Kind mit Trisomie, das auf dem Arm seiner Mutter sitzt. "Trisomie-21-Test muss Kassenleistung werden!", steht auf dem Foto. Vor allem diese Bildmontage rief scharfe Kritik hervor.

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(Foto: Screenshot)

"Der Tweet der FDP diskriminiert Leben mit Down-Syndrom und schürt geradezu die Angst vor Behinderung", sagte Christiane Müller-Zurek von der Lebenshilfe Berlin n-tv.de. "Statt eines Tests zur genetischen Selektion sollten mehr und bessere Beratungsangebote vor, während und nach vorgeburtlichen Untersuchungen finanziert und bei der Beratung die Behindertenselbsthilfe beteiligt werden", forderte sie. "Heute sollen Menschen mit Down-Syndrom aussortiert werden. Wer ist morgen dran?", fragte Ivonne Kanter, die zweite Vorsitzende der Lebenshilfe Berlin und selbst Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom. Vom Deutschen Bundestag erwartet sie ein klares "Ja" zur Vielfalt des menschlichen Lebens.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner schrieb auf Twitter, sie könne gar nicht glauben, dass dieser FDP-Post echt sein soll. "Mit diesem Kind im Bild zu verdeutlichen, bei einem Trisomie-21-Test wäre es vielleicht nicht auf der Welt, wenn der Test Kassenleistung wäre …", schrieb die CDU-Politikerin weiter, ohne den Satz zu beenden. Der Journalist Robin Alexander nannte die Montage "eine Gemeinheit gegenüber dem Jungen und seinen Eltern und allen Menschen mit Down Syndrom und ihren Freunden". Zahlreiche weitere Twitter-Nutzer übten ebenfalls Kritik an dem Post, darunter auch FDP-Mitglieder.

*Datenschutz

Die FDP reagierte auf die Kritik: Der ursprüngliche Tweet wurde gelöscht. Stattdessen erschien eine Stellungnahme: "Unser Posting zu #Trisomie21 war missverständlich - das tut uns sehr leid", hieß es. "Wir wollen, dass nicht Geldbeutel entscheidet, ob Schwangere Klarheit bekommen", begründete die Partei ihre Haltung zur Debatte um die Kassenleistung. "Für uns ist Perspektive eines Kind mit Trisomie 21 nichts Negatives. Da Fehleindruck entstand, haben wir sofort gelöscht."

Kritiker fürchten mehr Abtreibungen

Kommende Woche diskutiert der Bundestag darüber, ob vorgeburtliche Bluttests, bei denen Kinder auf das Down-Syndrom untersucht werden, für Risikoschwangere Kassenleistung werden sollen. Es ist eine erste Orientierungsdebatte, nachdem der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken Ende März ein Stellungnahmeverfahren dazu eingeleitet hatte. In diesem Verfahren werden wissenschaftliche Fachgesellschaften, die Bundesärztekammer, der Deutsche Ethikrat und weitere Organisationen aufgefordert, die vorgesehenen Änderungen fachlich zu prüfen. Im August soll dann darüber entscheiden werden, ob die Bluttests Kassenleistung werden oder nicht.

Nach der bisherigen Regelung müssen werdende Mütter den Bluttest meist selbst bezahlen, er kostet rund 130 Euro. Nach Expertenangaben entscheiden derzeit etwa zehn Prozent der Frauen, die mit einem Kind mit Down-Syndrom (Trisomie 21) schwanger sind, für das Baby. 90 Prozent der Kinder kommen nicht zur Welt. Die Treffsicherheit des Tests, bei dem im Blut der Mutter enthaltene Chromosomenteile des Kindes oder der Plazenta untersucht werden, liegt nach Angaben des Herstellers bei 99 Prozent. Laut Lebenshilfe ist er aber bei jüngeren Frauen weit weniger genau.

Um die Anerkennung der Bluttests als Kassenleistung ist eine hitzige Debatte entstanden. Die Lebenshilfe Berlin sieht in der Aufnahme der Bluttests in den Leistungskatalog der Krankenkassen eine Verschärfung der Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Mit dem Eindruck, dieser Test sei medizinisch sinnvoll, wecke man zudem falsche Hoffnungen bei werdenden Eltern. Der Druck auf Schwangere, "alles zu tun, alles zu testen", werde dadurch erhöht. Ein Aktionsbündnis hat für den 10. April unter dem Motto "Inklusion statt Selektion" zu einer Demonstration in Berlin aufgerufen, um gegen eine Zulassung als Kassenleistung zu protestieren.

Der Vorsitzende des Bundesausschusses, Josef Hecken, verwies dagegen auf die Risiken anderer Untersuchungen wie der Biopsie der Plazenta oder von Fruchtwasseruntersuchungen sowie die "hohe Testgüte" der Bluttests. Eine Anerkennung der Tests sehe der Ausschuss daher im Einzelfall als medizinisch begründet an. "Es geht nicht etwa um eine Reihenuntersuchung aller Schwangeren", betonte Hecken. Als Risiko-Schwangere gelten unter anderem Frauen ab 35 Jahren.

Quelle: n-tv.de, mli/dpa

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