Politik
Bahnhöfe wie am Berliner Alexanderplatz sind Kriminalitätsschwerpunkte.
Bahnhöfe wie am Berliner Alexanderplatz sind Kriminalitätsschwerpunkte.(Foto: dpa)
Donnerstag, 31. Mai 2018

Ausmaß der Straftaten: Kriminalität an Bahnhöfen sinkt wieder

Von Volker Petersen

Wer alleine auf einem Bahnsteig steht oder durch eine dunkle Unterführung muss, bekommt es oft mit der Angst zu tun. Was, wenn da jetzt jemand im Schatten steht? Zahlen der Polizei zeigen, wie groß das Problem ist.

Als Innenminister Horst Seehofer Anfang des Monats die Kriminalitätsstatistik vorlegt, kann er zufrieden sein. Die Zahl der Delikte ist auf breiter Front gesunken. "Deutschland wird sicherer" ist die Botschaft, die er verkündet. Weniger Einbrüche, weniger Taschen- und Ladendiebstähle, insgesamt 9,6 Prozent weniger Straftaten im Vergleich zu 2016. Es sei aber dennoch noch viel zu tun, gelobt der CSU-Politiker.

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Ob er dabei an die Bahnhöfe in deutschen Großstädten dachte? Oft werden diese als Angsträume wahrgenommen. Vor allem spätabends und nachts: Dunkle Unterführungen, einsame Bahnsteige samt pöbelnden Betrunkenen oder aggressiven Banden - sich in so einer Situation wiederzufinden, darauf hat wohl niemand Lust. Einen geradezu dramatischen Bericht lieferte eine Leserin des Berliner "Tagesspiegel", die urinierende Obdachlose, drohende, arabisch sprechende Jugendliche und schulterzuckendes Sicherheitspersonal anprangert.

Die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland titeln nun gar, die Bahnhofskriminalität habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Zahlen aus dem Bundestag zeigen aber, dass die Kriminalität an vielen deutschen Bahnhöfen in den vergangenen Jahren in etwa gleich geblieben und insbesondere im vergangenen Jahr gesunken ist.

Drastische Anstiege, dann wieder Abnahme

Die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der AfD von Mitte Mai listet die Zahl der Straftaten an 15 deutschen Großstadtbahnhöfen für die Jahre 2010 bis 2017 auf. Dabei fällt auf, dass es in 2014, 2015 und 2016 vielerorts zu einem rasanten Anstieg der Zahlen kam. Beispiel Dresden: Dort wurden 2015 insgesamt 1658 Fälle erfasst, 2016 waren es dann 3496. Im vergangenen Jahr gingen die Zahlen dann aber wieder deutlich auf 2083 zurück. Auf Anfrage von n-tv.de sagte ein Sprecher der zuständigen Bundespolizeiinspektion Pirna, man wolle nun selbst Zahlen erheben, um sie mit denen des Bundesinnenministeriums zu vergleichen. So wolle man herauszufinden, um was für Straftaten es sich handelt.

Ebenfalls drastische Anstiege mit anschließender Erholung gab es in Berlin, Dortmund, Köln und Frankfurt am Main. Da die Zahlen aber nicht ausweisen, um was für Straftaten es sich handelt, ist es schwierig diese zu beurteilen. Insbesondere ist unklar, inwiefern es sich um Straftaten handelte, die mit dem Aufenthaltsrecht zu tun haben - also etwa illegale Einreisen. Angesichts des massiven Zuzugs von Flüchtlingen in den Jahren 2014 bis 2016 könnte dies ein wichtiger Faktor sein. Dafür spricht auch, dass in jenen Jahren die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen besonders hoch war und fast überall die Zahlen im vergangenen Jahr wieder deutlich sanken. Nur in Leipzig stiegen sie weiter an - auch dieser Entwicklung möchte die Bundespolizei nun auf den Grund gehen.

Laut Redaktionsnetzwerk Deutschland schoss etwa die Zahl der Körperverletzungen am Leipziger Hauptbahnhof in die Höhe. 2010 habe es 57 Opfer gegeben, im vergangenen Jahr seien es 206 gewesen. Stecken prügelnde Fußballfans dahinter? Neonazis und Autonome? Gewaltbereite Jugendliche, möglicherweise mit Migrationshintergrund? Unklar. Am Frankfurter Hbf seien die Zahlen im gleichen Zeitraum von 181 auf 445 gestiegen. Quelle für diese Zahlen sei die Kriminalstatistik der Bundespolizei - die Zahlen aus dem Bundestag beziehen sich auf Daten des Bundeskriminalamtes. Laut RND gehen die Zahlen für Diebstähle an Bahnhöfen "in vielen Städten seit 2015/2016"  wieder zurück. In Düsseldorf gab es hingegen gar keinen Anstieg, dort sinken die Zahlen seit Jahren. In Hamburg gehen die erfassten Fälle seit 2014 konstant zurück. Ein flächendeckender Anstieg der Kriminalität sieht anders aus.

Brennpunkte wie Alexanderplatz

Eher geht es um Brennpunkte, wie auch das Beispiel Berlin zeigt. Dort hat der Innensenator auf Anfrage eines SPD-Abgeordneten Zahlen vorgelegt. Demnach stieg die Gewalt von 2013 bis 2017 im zweistelligen Bereich an, konzentrierte sich aber auf Hotspots wie die U-Bahnhöfe Alexanderplatz, Kottbusser Tor und Hermannplatz. Die Zahl der Körperverletzungen, Nötigung, Freiheitsberaubung und Bedrohung stieg jeweils um 17 Prozent.

Dramatisch war der Anstieg der Sexualdelikte - es kam zu einem Anstieg von 36 Fällen 2013 auf 125 im Jahr 2017. Bei den Taschendieben gab es ein Plus von 23 Prozent, bei "sonstigen einfachen Diebstählen" um 30 Prozent. Die Diebstähle gehen aber seit 2015 wieder zurück. Der Senat findet die Zahlen nicht allzu alarmierend. Die Zahl der Gewaltdelikte liege unter einem Tausendstel der jährlichen Fahrgastzahlen, heißt es in dem Schreiben. Daher sei der Berliner ÖPNV "als sicher anzusehen".

Und was heißt das jetzt? Es kommt auf die Stadt an. Während in Düsseldorf, Hamburg oder München die Lage sich nicht dramatisch gewandelt hat, kann man in Berlin an manchen Orten Pech haben. Fest mit Gewalt muss man aber weder dort noch anderswo in Deutschland rechnen. Und wenn doch? Geht man nun durch die dunkle Unterführung? Geht man an der Gruppe von Betrunkenen vorbei? Die Angst ist real, in manchen Fällen berechtigt, es wird sicher mancherorts rauer. Aber einen flächendeckenden Anstieg der Kriminalität erleben wir an deutschen Bahnhöfen nicht.

Quelle: n-tv.de