Politik

"Weiß nicht mehr, wer er ist"Bezos' "Blutbad" leitet den Untergang der "Washington Post" ein

05.02.2026, 13:05 Uhr WhatsApp-Image-2025-01-14-at-07-23-43Von Tobias Hauser
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Ihre Sternstunde erlebte die "Washington Post" Anfang der 1970er Jahre, als die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward den Watergate-Skandal aufdeckten, der zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die "Washington Post" ist eine der renommiertesten Zeitungen der Welt. Seit 2013 gehört sie Jeff Bezos. Während der zu Beginn noch von neuen goldenen Zeiten schwärmt, vergeht ihm in wirtschaftlich schwächeren Zeiten die Lust am Journalismus. Eine massive Kündigungswelle ist nur der logische nächste Schritt.

Am Mittwochmorgen erhielten Mitarbeiter der "Washington Post" eine E-Mail, die "einige wichtige Maßnahmen" ankündigte. Dass "wichtige Maßnahmen" in diesem Fall ein Euphemismus für Kündigungen ist, wusste wohl jeder im Gebäude. Was die Mitarbeiter und die Öffentlichkeit jedoch überraschte, war laut einem Text der Ex-"Post"-Mitarbeiterin Ruth Marcus im "New Yorker" das Ausmaß der Kündigungen.

Etwa ein Drittel der Belegschaft trifft der Kahlschlag US-Medienberichten zufolge, darunter rund 300 Journalisten. Die Sportredaktion soll fast komplett aufgelöst, das Literaturressort geschlossen, die Auslandsberichterstattung stark reduziert und der tägliche Podcast "Post Reports" eingestellt werden. Der britische "Guardian" zitiert einen anonymen Mitarbeiter, der die Kündigungen "ein absolutes Blutbad" nennt.

Es ist nur der nächste Schritt in einer jahrelangen Entwicklung, die die "Post" unter Jeff Bezos durchgemacht hat. 2013 übernahm der Tech-Oligarch die Zeitung für 250 Millionen Dollar. Nach den vorangegangenen Jahren der Kürzungen und Einsparungen kündigte der Amazon-Mitgründer eine "neue goldene Ära für die Washington Post an", erinnert sich Marcus, die damals stellvertretende Chefredakteurin des Meinungsressorts war. Man könne die Zeitung nicht weiter verkleinern, sonst würde man in der Irrelevanz enden, soll Bezos damals gesagt haben.

Was folgte, waren ein paar gute Jahre. Besonders während der ersten Amtszeit von Donald Trump, in der die "Post" dem US-Präsidenten immer wieder Paroli bot, machte die Zeitung - und mit ihr Bezos - Profit. Doch in den vergangenen Jahren schrieb der Konzern immer wieder rote Zahlen, woraufhin der Amazon-Chef die Redaktion weiter und weiter verkleinerte. Parallel dazu suchte Bezos die Nähe zu Trump und ließ eine bereits fertige Wahlempfehlung für Kamala Harris streichen. Empfehlungen wie diese sind unter US-Medien üblich.

250.000 Abonnenten springen ab

Der Schritt kostete die Zeitung Medienberichten zufolge bis zu 250.000 Abonnenten. "Bezos versucht nicht, die 'Washington Post' zu retten. Er versucht, Donald Trump zu überleben", schrieb der frühere "Post"-Faktenchecker Glenn Kessler kürzlich in einer Kolumne. Der ehemalige Chefredakteur Martin Baron nannte Bezos' "feige Anordnung" die "selbst verschuldete Zerstörung einer Marke".

Anfang 2025 ließ Bezos verfügen, dass auf den Meinungsseiten der "Post" nur noch Fürsprecher von "persönlichen Freiheiten und freien Märkten" zu Wort kommen sollen. Aus der vielfältigen Meinungssparte der Zeitung wurde ein einheitlicherer Pool an Kolumnisten. Die Seite habe sich "dramatisch nach rechts" verschoben, schreibt Marcus, die vergangenes Jahr als Folge der Neuausrichtung ihre Kündigung eingereicht hatte. Trump-kritische Texte liest man deutlich seltener als früher.

Von Bezos Ankündigung bleibt nicht viel übrig

Und nun also eine beispiellose Kündigungswelle, die die Belegschaft der prestigeträchtigen Zeitung weiter ausdünnt. Bezos vollendet damit seine 180-Grad-Wende. Von den anfänglich überschwänglichen Ankündigungen ist wenig übrig. "Der Vorteil, den ich der 'Post' biete, ist, dass ich zur Verfügung stehe, wenn sie finanzielle Mittel benötigt. So bin ich eben. In dieser Hinsicht bin ich wie ein liebevoller Elternteil", sagte er noch 2024. "Er meinte es wirklich ernst, als er sagte, dass der Kauf der 'Post' eine heilige Verpflichtung sei", schätzt die langjährige "Post"-Mitarbeiterin Sally Quinn laut "New Yorker". "Und jetzt weiß ich nicht mehr, wer diese Person ist."

Das Ausmaß der Einschnitte bei der "Post" zeigt sich auch bei der Ukraine-Berichterstattung. Die Zeitung schloss ihr Kiewer Büro inmitten des härtesten Winters seit Beginn des russischen Angriffskrieges. "Ich wurde mitten im Kriegsgebiet von der 'Washington Post' entlassen. Mir fehlen die Worte. Ich bin am Boden zerstört", schreibt Ukraine-Korrespondentin Lizzie Johnson auf X. Die Leiterin des Ukraine-Büros, Siobhán O'Grady, bezeichnet die Stelle als "die Ehre meines Lebens" und bedauert die Entscheidung.

Auch der Mann, dem Bezos einst die Zeitung abkaufte, meldet sich zu Wort. "Ich werde eine neue Art des Zeitungslesens lernen müssen, da ich seit Ende der 1940er Jahre immer mit der Sportseite angefangen habe", schreibt Don Graham, dessen Familie die "Washington Post" 80 Jahre lang gehört hatte, auf Facebook. Selbst die Konkurrenz der "New York Times" würdigt die aufgelöste Redaktion als "eine der letzten Bastionen großartiger Sportberichterstattung".

Der Journalist Peter Baker, auch von der "New York Times", rechnet auf X vor, was Bezos die Rettung der "Post" kosten würde. Mit einem Wocheneinkommen könnte der Milliardär die Verluste der Zeitung fünf Jahre lang ausgleichen. Marcus schlägt etwas Ähnliches vor. Mit einem Prozent seines Vermögens von rund 250 Milliarden Dollar könne Bezos die "Post" auf unbestimmte Zeit erhalten.

"Ich weiß, das ist ein Wunschtraum, aber das würde Bezos zum Retter der 'Post' machen, nicht zu dem Mann, der ihren Untergang herbeigeführt hat", schreibt die Journalistin. Es wäre ein Vermächtnis, das besser zu dem Slogan passen würde, den Bezos dem Blatt nach dem Kauf verpasste. "Democracy Dies in Darkness" - "Demokratie stirbt in der Dunkelheit".

Quelle: ntv.de, mit dpa

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