"Aushöhlung einer Institution""Washington Post" streicht wohl Hunderte Journalistenjobs

Der "Washington Post" geht es schlecht - zumindest finanziell. Die US-Zeitung steht zwar für bedeutenden Journalismus aus der US-Hauptstadt und diversen Krisenherden, schreibt jedoch seit Jahren rote Zahlen. Jetzt soll in großem Stil gespart werden.
Die Zeitung "Washington Post" streicht einem Insider zufolge im Zuge eines weitreichenden Stellenabbaus ihr Sportressort und ihre Auslandsberichterstattung zusammen. "Wir werden das Sportressort in seiner jetzigen Form schließen", sagte Chefredakteur Matt Murray dem Insider zufolge in einer Videokonferenz mit der Belegschaft. "Alle Ressorts sind betroffen", sagte Murray laut einem Transkript. Der Bereich "Politik und Regierung" werde "unser größter Desk bleiben und für unsere Nutzerbindung und das Wachstum der Abonnentenzahlen von zentraler Bedeutung sein".
Zudem soll die Literaturredaktion geschlossen und der tägliche Podcast "Post Reports" abgesetzt werden, berichtete CNN unter Berufung auf Insider. Die Lokalredaktion, die für die Bundesstaaten Maryland und Virginia sowie die Hauptstadt Washington, D.C. zuständig ist, solle umstrukturiert werden. Ebenfalls betroffen sei ein Reporter, der das Tech-Unternehmen Amazon, das wie die "Washington Post" Jeff Bezos gehört, in einer Recherche zur Rechenschaft zog, sagte Elizabeth Warren, US-Senatorin für den Bundesstaat Massachusetts, auf X.
Insgesamt betreffe der Stellenabbau ein Drittel der Journalisten, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle dem Sender weiter. In US-Medien ist von bis zu 300 Kündigungen die Rede, bei insgesamt rund 800 Redakteuren, Reportern und Korrespondenten.
Rückzug aus Krisengebieten
"Offenbar hat die 'Washington Post' alle Reporter und Redakteure entlassen, die über den Nahen Osten berichten", schrieb der langjährige "Washington Post"-Redakteur Robert McCartney im Kurznachrichtendienst X. Er will zudem wissen: "Das Jerusalemer Büro wurde geschlossen. Auch das Ukraine-Büro wurde geschlossen." Eine Quelle für seine Aussagen lieferte McCartney nicht, sie dürfte jedoch aus der Redaktion stammen.
Auf X teilten die Ukraine-Korrespondentin Lizzie Johnson und ihre Büroleiterin Siobhán O'Grady mit, von den Stellenstreichungen betroffen zu sein. Auch die Korrespondentin für den Iran und die Türkei, Yeganeh Torbati, meldete sich zu Wort. "Mit gebrochenem Herzen muss ich Ihnen mitteilen, dass ich meine Stelle bei der Washington Post verloren habe", schrieb sie auf X.
"Die 'Washington Post' ergreift heute eine Reihe schwieriger, aber entscheidender Maßnahmen für unsere Zukunft, die einer umfassenden Umstrukturierung des gesamten Unternehmens gleichkommen", erklärte die Zeitung in einer Stellungnahme. "Diese Schritte sollen unsere Position stärken und unseren Fokus auf den unverwechselbaren Journalismus schärfen, der die 'Post' auszeichnet und - was am wichtigsten ist - unsere Leserinnen und Leser begeistert."
Die hauseigene Gewerkschaft erklärte: "Eine Redaktion kann nicht ausgehöhlt werden, ohne dass dies Konsequenzen für ihre Glaubwürdigkeit, ihre Reichweite und ihre Zukunft hat." Kritik an den Kürzungen kommt aber nicht nur von den Journalisten der mehr als 145 Jahre alten Zeitung selbst. Auf X machte Peter Baker, Chefkorrespondent der "New York Times" im Weißen Haus, seinem Frust Luft: "Keine angeschlagene Zeitung hat sich je gerettet, indem sie zu einem schlechteren und weniger wichtigen Produkt wurde", schrieb Baker in dem sozialen Netzwerk. "Doch was heute bei der 'Washington Post' geschieht, ist nicht nur die jüngste verheerende Krise der Nachrichtenbranche; es ist die Aushöhlung einer amerikanischen Institution, die für eine gesunde Gesellschaft unerlässlich ist."
Dreistelliger Millionen-Verlust
Die bedeutende US-Zeitung, die seit 2013 dem Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, kämpft wie viele andere Medienhäuser mit dem strukturellen Wandel der Branche. Sinkende Werbeeinnahmen im Digitalgeschäft und die veränderte Mediennutzung setzen Verlage unter Druck. Bereits in den vergangenen Jahren hatte die "Washington Post" nach Verlusten Stellen gestrichen. 2023 bot die Zeitung Mitarbeitern aller Bereiche Abfindungen an, nachdem Verluste von 100 Millionen Dollar aufgelaufen waren.
Die Tageszeitung, die den Watergate-Skandal aufdeckte und deren Reporter zahlreiche Pulitzer-Preise erhielten, schreibt laut Medienberichten seit Jahren rote Zahlen. Ein Grund sind Abo-Kündigungen, wohl auch im Zusammenhang mit Bezos' zunehmender Sympathie für US-Präsident Donald Trump. Die gedruckte Zeitung wird momentan noch von etwa 100.000 Menschen abonniert. 2020 waren es mit 250.000 noch mehr als doppelt so viele Abonnenten.
Bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2024 hatte die "Washington Post" entgegen ihrer Tradition darauf verzichtet, die demokratische Bewerberin Kamala Harris mit einem Leitartikel zu unterstützen. Im Jahr 2024 sorgte zudem eine erste Umstrukturierung der Redaktion für Unruhe. Viele Journalisten wechselten daraufhin zur Konkurrenz. Während der ersten Amtszeit Trumps (2017 bis 2021) war es dem Blatt dank seiner als schonungslos geltenden Berichterstattung wirtschaftlich relativ gut gegangen. Nach der Abwahl des Rechtspopulisten im Herbst 2020 ließ das Interesse der Leser jedoch nach und die Geschäftszahlen brachen ein.
Erst vor wenigen Tagen hatte die Zeitung ihre Berichterstattung über die Olympischen Winterspiele 2026 reduziert. In der vergangenen Woche hatten sich Mitarbeiter des Büros im Weißen Haus in einem Brief an Bezos gewandt. Sie warnten davor, dass weitere Kürzungen die Qualität der Berichterstattung gefährden könnten. Ihre Arbeit hänge stark von der Zusammenarbeit mit den nun von Stellenabbau bedrohten Redaktionsteilen ab, hieß es in dem Schreiben. "Schaffen Sie unsere Arbeitsplätze nicht ab", schrieben die Betroffenen weiter. Ein diversifizierter Newsroom sei gerade in Zeiten finanzieller Herausforderungen unerlässlich.