Politik

Die Heldenreise der Liberalen Lindner stellt sich den Schattenjahren

Mitten in den Jamaika-Sondierungsgesprächen stellt FDP-Chef Lindner sein Buch "Schattenjahre" vor. Darin geht es um den Aufstieg nach dem Absturz und die Lehren daraus. Doch welche sind das? Und was bedeutet das für die Sondierungen?

Das Wichtigste macht der Chef selbst. Christian Linder steht im rappelvollen Raum der Bundespressekonferenz und nestelt ein Handy auf ein kleines Stativ. "Für Facebook Live", sagt er, während ihn Fernsehteams mit ihren großen Kameras filmen, "nicht für die Oma". Schließlich ist Lindner Vorsitzender der FDP, die im Wahlkampf mit dem sprachlich zweifelhaften Slogan "digital first" geworben hatte. Nun präsentiert er sein in wenigen Tagen erscheinendes Buch: "Schattenjahre. Die Rückkehr des politischen Liberalismus".

imago80525065h.jpg

Von Licht und Schatten: Lindner bei der Buchvorstellung in Berlin.

(Foto: imago/Mauersberger)

Die Schattenjahre, die vier bitteren Jahre der außerparlamentarischen Opposition im Bund, sind ganz offensichtlich vorbei. Mit 10,7 Prozent zogen die Liberalen bei der Bundestagswahl am 24. September wieder in den Bundestag ein. Seit Mittwoch sondieren sie nun mit Union und Grünen über eine Jamaika-Koalition. Gleich muss Lindner weitereilen, um sich mit den Grünen zu treffen – ausgerechnet der Partei, die für viele Liberale als "Verbotspartei" lange Jahre ein rotes Tuch war. Es fehle ihm an Fantasie für eine Koalition mit den Grünen im Bund, hatte Lindner im Wahlkampf immer wieder gesagt.

Nun ist er offenbar fantasievoller geworden. Bei der Buchvorstellung sieht er die Wahrscheinlichkeit für ein Bündnis bei "fifty-fifty". Durch die Entscheidung der SPD, in die Opposition zu gehen, fühle er aber keinen Druck, sagt er. Genauso wenig dadurch, dass schon etwas Zeit verstrichen sei. Doch auch wenn er gleich sondieren will und eigentlich den Boden dafür bereiten müsste, kann er sich eine Spitze gegen die Grünen nicht verkneifen. Wenn er sich deren Verhandlungsdelegation anschaue, sei sein Eindruck, dass diese "auch mit sich selbst teilweise zu verhandeln hat". Womit er auf die verschiedenen Parteiflügel anspielt, die nicht nur in der Jamaika-Frage sehr unterschiedliche Positionen haben.

Auch im Buch, in dem es vor allem um die vergangenen vier Jahre in der politischen Diaspora und die Neuerfindung der FDP geht, reibt sich Lindner immer wieder an den Grünen und deren "moralischer Überheblichkeit". Dennoch scheint er durchaus eine Basis für Gespräche zu sehen. In seiner Generation habe er den Eindruck, sei es üblicher, sich über die Parteigrenzen hinaus miteinander zu verständigen, schreibt er etwa. Und: "Bekämpft man einander im Wahlkampf nicht auf eine persönlich verletzende Art, dann ist am Tag nach der Wahl auch eher ein Brückenschlag möglich, wenn es um gemeinsame Projekte und möglicherweise um gemeinsame Regierungsverantwortung geht." Fehle die Fähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, dann drohten möglicherweise auf Dauer Große Koalitionen.

Pointen zu Lasten der anderen Parteien

Dabei zeigt sich Lindner durchaus zu Selbstkritik fähig. Auch er sei nicht frei davon, "Pointen zu Lasten der Kolleginnen und Kollegen aus anderen Parteien zu machen", schreibt er in den "Schattenjahren". Besonders in Wahlkämpfen, die die FDP im außerparlamentarischen Angriffsmodus geführt habe. Es ist eine Brücke für die Sondierer nach dem Motto: Sorry Leute, ihr wisst schon, wie das gemeint war.

Überhaupt bemüht sich Lindner in seinem Buch – wie schon in seinen unzähligen Wahlkampfauftritten und Interviews der vergangenen Jahre – jenen arroganten Ton zu vermeiden, der die FDP zwischenzeitlich so verhasst gemacht hat. Er beklagt die fehlende Demut und Bescheidenheit der Liberalen der Vor-Lindner-Ära, was mit zu ihrem Absturz geführt habe: "Niemand hat die FDP mehr besiegt als sie sich selbst." Und er schreibt: "Auch der Mitbewerber könnte recht haben" – eine vermutlich recht neue Erkenntnis in der FDP. Sie könnte ihm nun bei den Sondierungen und bei einer etwaigen Jamaika-Koalition helfen.

Seinen Sondierungspartnern wird Lindner die "Schattenjahre" allerdings nicht zur Lektüre empfehlen, sagt er auf eine entsprechende Frage. Vielleicht ist auch das eine Folge der neuen Demut, die er nun in seiner Partei propagiert. Dabei könnte das Buch - eine Mischung aus Heldenreise, Lindners Gedanken zum Liberalismus und politischen Beobachtungen - Union und Grünen durchaus Hinweise darauf geben, was sie bei einer Koalition mit der FDP erwartet. Immerhin ein paar Lehren aus den Schattenjahren nennt Lindner auch jetzt schon: "Es empfiehlt sich immer, Dinge klar zu verabreden." Wenn es in einem Koalitionsvertrag nur "Prüfaufträge" gebe, heiße das: "Aus den Augen, aus dem Sinn."

Auch für sich persönlich will Lindner Lehren gezogen haben. So sei er in den vergangenen Jahren noch weiter erwachsen geworden. Und er habe Selbstironie als "Überlebenstechnik" gelernt. Die in den 330 Seiten seines Buches auch durchaus durschimmert. Etwa, wenn er beschreibt, wie seine Grundschullehrerin in seinem ersten Zeugnis anmerkte: "Christian ist ein guter Schüler, leider sehr altklug."

Im Gegensatz zu seinem Verleger Tom Kraushaar, der Lindner als Intellektuellen und das Buch als "Allegorie auf den gelungenen Wiederaufstieg" preist, die auch noch in Jahren oder Jahrzehnten gelesen werden könne, gibt sich Lindner demonstrativ zurückhaltend. Das mit den Jahrzehnten sei ironisch gemeint, sagt Lindner. Und bei noch einer Frage winkt er ab: Ob es denn irgendwann auch das Buch "Lichtjahre" folge. Die Bescheidenheit hat der FDP-Chef zur Perfektion gebracht.

"Schattenjahre" bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de