Politik

Falscher Kemmerich-Anruf Linken-Politikerin fällt auf Youtuber rein

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Hennig-Wellsow hat inzwischen Stellung zu dem gefälschten Anruf genommen.

(Foto: dpa)

Die Wahl Thomas Kemmerichs löste über Thüringen hinaus ein politisches Beben aus. "Ich habe in diesen absurden Zeiten nichts für unmöglich gehalten", sagt die Linkenchefin in dem Bundesland. Deshalb nahm sie einen angeblichen Anruf Kemmerichs für bare Münze.

Ein AfD-naher Youtuber hat der Thüringer Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow einen Telefonstreich gespielt und ihr das Landesinnenministerium angeboten. Er gab sich in dem mitgeschnittenen Telefonat als Ministerpräsident Thomas Kemmerich von der FDP aus, der am Mittwoch mit den Stimmen von AfD und CDU gewählt worden war und inzwischen zurückgetreten ist.

Der Thüringer Landesverband der Linken betonte auf Twitter, dass die Bezeichnung "Telefonstreich" der Sache nicht gerecht werde. Hier gehe es um Täuschung der Landesvorsitzenden. Erst im Dezember hatte der Youtuber den ehemaligen SPD-Vizevorsitzenden Ralf Stegner reingelegt, als er sich als neuer Parteichef Norbert Walter-Borjans ausgab und Stegner den Posten von Finanzminister und Parteikollegen Olaf Scholz anbot.

Hennig-Wellsow bestätigte inzwischen den Anruf und nannte das Ganze einen "Fake". "Jetzt weiß ich: In Wirklichkeit war es ein rechter Troll, der schon Politiker aus anderen Parteien mit Telefonscherzen belästigt hat, um sich dann in der rechtsradikalen Social Media Blase von anderen rechten Trollen feiern zu lassen", schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite. Sie habe den Anruf tatsächlich Kemmerich zugeordnet. Nach dessen Wahl hatte sie dem FDP-Politiker noch einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen.

In dem ohne ihr Einverständnis mitgeschnittenen Gespräch, das inzwischen auf der Videoplattform Youtube steht, sei zu hören, dass sie das Angebot weder angenommen noch darüber verhandelt habe. In dem Facebook-Eintrag bedauerte sie, dass sie später einem Journalisten von dem Anruf erzählt hatte, ohne vorher Kemmerich zu fragen, "ob er so was Seltsames wirklich tun würde". Dafür entschuldige sie sich. "Ich habe in diesen absurden Zeiten nichts für unmöglich gehalten. Und nein, ich wäre nicht Innenministerin in einer Regierung Kemmerich (oder irgendeiner anderen) geworden", schrieb Henning-Wellsow.

Erst Regierung, dann Neuwahlen

Für die Politikerin hat derzeit ohnehin die Bildung einer rot-rot-grünen Minderheitsregierung mit Bodo Ramelow an der Spitze Vorrang vor Neuwahlen. "Wir brauchen erst einmal eine Regierung, bevor wir geordnet in Neuwahlen gehen", sagte Hennig-Wellsow in Erfurt. Am Montag solle über das weitere Vorgehen beraten werden. Dann treffe sich die Landtagsfraktion der Linken, an der Sitzung nehme nach eigenen Angaben auch Ramelow als direkt gewählter Abgeordneter teil. Danach würden Vertreter von Linken, SPD und Grünen beraten, sagte Hennig-Wellsow. Sie kündigte an, dass ihre Partei auch das Gespräch mit der CDU suchen werde.

"Es werden viele Gespräche nötig sein, um die demokratischen Reihen zu schließen", sagte die Parteivorsitzende. Es gehe darum, eine Wahl Ramelows zu ermöglichen, obwohl Rot-Rot-Grün vier Stimmen für eine Mehrheit im Landtag fehlen. Es dürfe dabei nicht auf die Stimmen der AfD ankommen. "Wir werden Ramelow nur in die Wahl schicken, wenn wir eine demokratische Mehrheit für ihn haben."

Kemmerich hatte am Samstag seinen sofortigen Rücktritt als Ministerpräsident erklärt. Der Schritt folgte auf heftige bundesweite Kritik. Der Liberale war am Mittwoch von AfD, CDU sowie FDP und einer Stimme Vorsprung vor dem bisherigen Amtsinhaber Bodo Ramelow von der Linkspartei zu Thüringens Regierungschef gewählt worden.

Quelle: ntv.de, mli/dpa