Politik

Londons Polit-Clown will mehr Meint "Weltkönig" Johnson das ernst?

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Boris Johnson zeigt dem Establishment, wie Politik auch gehen kann.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seine Fans verehren ihn dafür, seine Gegner finden genau das erschreckend: Londons Noch-Bürgermeister Boris Johnson macht aus allem einen Ulk. Die Methode ist erfolgreich - und könnte ihn an die Spitze Großbritanniens katapultieren.

Man kann sich nie sicher sein, was bei Boris Johnson als nächstes kommt. Der konservative Noch-Bürgermeister Londons ist immer gut für eine Zote, einen Spruch – und eine spektakuläre Kehrtwende. Während sie in der größten Stadt der EU heute ein neues Oberhaupt wählen, tüftelt der Mann, der nichts so richtig ernst zu nehmen scheint, an seinem nächsten Coup: Er ist aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Premier und Parteifreund David Cameron. Seine zwar geheime, aber offensichtliche Strategie: Cameron in der Schlacht um den "Brexit" möglichst besiegen, um ihm die Macht abzuknöpfen.

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Boris Johnson hat sich auf die Seite der "Brexit"-Befürworter geschlagen.

(Foto: picture alliance / dpa)

In New York geboren als Sohn eines Schriftstellers hat Johnson schon als Kind einen eigenwilligen Berufswunsch: "Weltkönig". Zunächst einmal reicht es aber nur zur Karriere eines Journalisten. In den 90er Jahren kam er zum renommierten "Daily Telegraph" und wurde dessen Mitherausgeber. Später wechselte er zum konservativen Wochenblatt "The Spectator" und führte es zum Erfolg. Als er 2001 in die Politik einstieg, verließ er die Zeitung, gab das Schreiben aber bis heute nicht auf. Als Bürgermeister von London, das Amt, das er seit 2008 ausübt, führt er eine wöchentliche Kolumne fort, schreibt mehrere Bücher, unter anderem eines über das Leben Winston Churchills.

Seit 2015 ist Johnson zum zweiten Mal wieder Mitglied des britischen Unterhauses. Bei den Bürgermeisterwahlen tritt er nicht noch einmal an. Er heckt etwas anderes aus. Etwas Großes. Und es könnte ihm tatsächlich gelingen. Johnson ist einer der britischen Umfragelieblinge. Vom Kontinent aus betrachtet mag man sich fragen: Haben die Briten den Verstand verloren? Boris Johnson? Der Mann, den viele nicht ganz zu Unrecht wegen teils erratischer und politisch unkorrekter Aussagen als britischen Donald Trump bezeichnen, als neuen Mann in 10 Downing Street? In den Hauptstädten Europas stöhnen sie auf: Wie sollte man mit so einem Polit-Clown bloß klarkommen?

Immer für einen Spruch gut

Wahltag in Großbritannien

Auf der Insel stehen an diesem Donnerstag Kommunal- und Regionalwahlen an. In vielen Städten werden neue Bürgermeister gewählt, etwa auch in London. Boris Johnson tritt nicht mehr an. Beste Chancen hat der muslimische Labour-Politiker Sadiq Khan. Sein Gegner ist der konservative Zac Goldsmith, Sohn eines Milliardärs. Bei den Regionalwahlen in Schottland, Wales und Nordirland werden neue Parlamente bestimmt. Die Wahlen sind ein wichtiger Stimmungstest für das "Brexit"-Referendum am 23. Juni. Ergebnisse werden erst am sehr späten Donnerstagabend erwartet.

Doch bis es soweit ist, muss Johnson noch ein paar Hürden nehmen: Amtsinhaber David Cameron aus dem Amt kegeln und Machtkämpfe in der konservativen Partei gewinnen. Ein "Brexit" könnte ebenso helfen wie das Auslassen des einen oder anderen Fettnapfs, mag man meinen. Denn Tritte in dieselben sind eine der Konstante im politischen Leben des Boris Johnson. Doch die Leute lieben ihn genau dafür.

Etwa als er neulich US-Präsident Barack Obama attackierte, weil dieser den Briten Ratschläge erteilt hatte: Dass dieser wolle, dass das Königreich in der EU bleibe, sei wenig verwunderlich, schrieb er in einem Gastbeitrag für die "Sun". Schließlich habe er als Amerikaner mit kenianischen Wurzeln qua Abstammung eine Abneigung gegen die einstigen Kolonialherren. Nicht wenige legten ihm das als Rassismus aus. Seine Anhänger zuckten dagegen mit den Schultern und feierten ihn dafür, einfach zu sagen, was er denke.

Besonders gerne reibt sich der Mann mit den schlecht sitzenden Designeranzügen und der wahnwitzigen Frisur an den Terroristen des Islamischen Staats. Eine Auswahl der Bezeichnungen, die er für die Gotteskrieger hat? Bitte schön: "Heftige Onanisten", "Wichser, die Pornos gucken", "sexuell frustriert", "mitleiderregend mickrig", "erbärmlich", wahnsinnig", "nihilistisch". Wenn Johnson solche Dinge sagt, blickt er nicht etwa grimmig in Kameras, wie andere Politiker es vielleicht tun würden. Johnson grinst, fährt sich durch das blonde miserabel gekämmte Haar und freut sich schelmisch, dass er wieder einen guten Spruch gelandet hat.

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Wo Johnson und Cameron gemeinsam auftreten, ist der Premier meistens nur Statist.

(Foto: dpa)

Meint er also ernst, was er sagt? Kann man sich auf einen so bemerkenswert unernsten Politiker verlassen? Ist Politik für ihn nur ein Spiel? Es gibt zumindest viele Menschen, die Johnson genau das unterstellen. In Fachfragen ist der "One-Man-Melting-Pot" (als Nachfahre von Muslimen, Christen und Juden aus der Türkei, der Schweiz und Frankreich) bemerkenswert wenig sattelfest. Zum Beispiel: Ob Großbritannien in der EU bleiben sollte? Für Johnson ist das eher eine Frage der politischen Karriere als des Abwägens von Vor- und Nachteilen.

Keine Macht den "Trübsal-Junkies"

Johnson, immerhin einer der beliebtesten Politiker von David Camerons Regierungspartei, zierte sich lange, bis er sich festlegte. Auf einen möglichen Brexit angesprochen, gab er lange Zeit stets lapidar zu Protokoll, kein "Outer" zu sein – die Linie von Parteichef Cameron. Doch im Februar der große Knall: Johnson schließt sich der "Vote Leave"-Kampagne an und fällt damit seinem Partei- und Schulfreund Cameron in den Rücken. Der hatte immerhin in schier endlosen Nachtsitzungen in Brüssel einen "besseren Deal" für das Königreich ausgehandelt, um sich dann mit voller Kraft für einen Verbleib in der EU einzusetzen.

Spätestens ab diesem Moment war klar: Johnson strebt nach Höherem. Er selbst spricht es nicht aus, aber sicher ist, dass er gerne der nächste britische Premierminister wäre. Sich beim "Brexit" gegen Cameron zu stellen ist ein geschickter Schachzug. Stimmen die Briten im Sommer für den Austritt, ist der Weg für ihn frei. Stimmen sie dagegen, muss Cameron die zerstrittene konservative Partei befrieden und EU-Gegner mit ins Kabinett nehmen. Johnson wäre dann schon einmal einen Schritt weiter – und könnte bei der kommenden Wahl 2020 seinen Plan zu Ende bringen. Dann will Cameron nämlich nicht noch einmal kandidieren.

Und so wirft Johnson alles in den Kampf für den Austritt – auf seine Art: "The Brexit Blitz" nennt er gewohnt ironisch seine Tour durch das Land, auf der er den Menschen erklären will, wo sie am 23. Juni ihr Kreuz machen sollen. Argumente? Nennt er wenige. Er bedient vielmehr das stolze britische Selbstverständnis: "Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst", sagte er neulich. Und: "Von Trübsal-Junkies dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen." Keine Sorge, mit ein, zwei lockeren Sprüchen und einer gehörigen Portion Britishness werden wir die Folgen eines Austritts schon schaukeln, so die Botschaft. Das ist ganz nach dem Geschmack europaskeptischer Briten. Zwar sehen Umfragen bisher Gegner eines "Brexit" zumeist knapp in der Mehrheit. Mit Johnson an der Spitze einer solchen Bewegung könnte der Stimmungsumschwung gelingen. Schließlich weiß man bei ihm nie, was als nächstes kommt.

Quelle: n-tv.de

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