Politik

Roms diskrete Hilfe für GazaMeloni lässt Hunderte Palästinenser nach Italien einfliegen

19.02.2026, 18:00 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Mailand
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Ankunft eines kleinen Patienten aus Gaza am Militärflughafen Ciampino bei Rom. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Ministerpräsidentin Meloni pflegt enge Bande zu US-Präsident Trump und der israelischen Regierung. Zugleich fliegt Italien wie kein anderes Land Europas Palästinenser aus Gaza zur Klinikbehandlung ein. Doch die Rettungsflüge sind für die zumeist Kinder und Jugendlichen eine Reise ohne Wiederkehr.

Vergangenen Herbst brachte eine italienische Militärmaschine den Mann und seine drei Kinder nach Italien. Vier, acht und zehn Jahre alt sind die Jungs - und Halbwaisen. Bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza wurde ihre Mutter verletzt und verstarb nach qualvollen Monaten schließlich im August. "Auch die Kinder wurden verletzt, der kleinere sogar schwer" erzählt Glores Sandri bei einem Treffen mit ntv.de in Mailand. "Daher die Evakuierung aus gesundheitlichen Gründen der Kinder mit dem Vater."

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Anfang September hält Islam Qudeih ihre zweijährige Tochter Shamm Qudeih in einem Kinderkrankenhaus in Neapel im Arm, wo das Mädchen nach der Evakuierung aus Gaza behandelt wird. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Sandri lebt in Mailand und ist eine Doula, eine ausgebildete Geburtsbegleiterin, die werdenden und frisch gewordenen Müttern mit Rat und Einfühlsamkeit beisteht. Auch Müttern im Gaza-Streifen. Ihr Einsatz für die palästinensischen Frauen begann mit Ausbruch des Gaza-Kriegs nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023. Sandri wollte nicht tatenlos zusehen, etwas unternehmen, den Frauen und ihren Kindern helfen - wenn auch nur aus der Ferne. Und so begann sie zusammen mit einer aus Palästina stammenden und in Mailand arbeitenden Apothekerin über die sozialen Medien Kontakte nach Palästina zu knüpfen, ihre Hilfe anzubieten. Bald standen sie auch im Austausch mit Ärzten und Krankenhäuser im Kriegsgebiet.

Sandri und ihre Mitstreiter halfen, Medikamente zu besorgen, aber auch für andere Fälle Lösungen zu finden. Mit der Zeit fiel der Blick auf die wachsende Zahl an Palästinensern, die die Kliniken in Gaza nicht mehr versorgen konnten - manchmal auch nur, weil es an simpler Grundusstattung fehlt. "Vor ein paar Wochen ist ein kleines Mädchen gestorben, weil das Krankenhaus keine Magensonde hatte", berichtet Sandri. Der von ihr gegründete Verband Casa Acquatica kümmert sich mit dem Projekt A Doula for Palestine deshalb auch um die Evakuierung von Patienten, steht ihnen und ihren Angehörigen nach ihrer Ankunft in Italien bei.

20.000 warten auf Evakuierung

Wie die Hilfeorganisation Save The Children schreibt, warten derzeit an die 20.000 Patienten in Gaza auf eine Evakuierung. Darunter sind demnach 5000 bis 6000 Minderjährige - Kinder mit Amputationen, Kinder mit Krebs, Kinder mit Hüftdysplasie. Italien nimmt vor allem die Kinder und Jugendlichen zur Behandlung auf. Bei Erwachsenen hingegen ist Rom sehr vorsichtig, vor allem bei Männern. Die Angst ist groß, sich einen Hamas-Mann, gar einen Terroristen ins Land zu holen.

Eine Befürchtung, die Berichten zufolge auch die Bundesregierung hegt, weshalb Deutschland bisher kaum Patienten aus Gaza aufgenommen hat - mit Ausnahme von eigens evakuierten Palästinensern mit deutscher Staatsangehörigkeit. In Europa zeigen sich vor allem Spanien und Italien aufnahmewillig. Im Falle des vom Sozialdemokraten Pedro Sánchez regierten Spaniens verwundert das weniger, immerhin hat das Land vor kurzem Palästina als Staat anerkannt. Anders Italien: Roms Einsatz zugunsten der Palästinenser überrascht auf den ersten Blick.

Die Überraschung gilt nicht so sehr den Italienern, unter denen Sympathie und Anteilnahme für die palästinensische Sache weitverbreitet sind. Anders verhält es sich mit dem rechtspopulistischen Regierungsbündnis unter Führung der Fratelli d'Italia: Premierministerin Giorgia Meloni hat sich lange davor gescheut, den massiven Gewalteinsatz gegen die Zivilbevölkerung Gazas unter dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu zu kritisieren oder sich gar von Netanjahu zu distanzieren. Außerdem hat Italien, ebenso wie Deutschland, Palästina als Staat nicht anerkannt. Italiens Opposition vermutet als einen der Gründe, Meloni habe es sich nicht mit dem ihr wohlgesonnenen US-Präsidenten Donald Trump verscherzen wollen.

Warum Italien, das auch israelische Soldaten auf Fronturlaub explizit willkommen geheißen hatte, nun das westliche Land mit der höchsten Aufnahmequote von Kranken undVerletzten aus dem Gazastreifen ist, erklärt Melonis Regierung nicht weiter. Sie beruft sich stattdessen ganz allgemein Italiens auf Solidarität und Bereitschaft zu humanitären Einsätzen, denen sich Italien nie entzogen habe. Seit Oktober 2023 kamen so mehr als 900 Patienten und Begleitpersonen nach Italien, sagte Verteidigungsminister Guido Crosetto Mitte Februar während einer Fragestunde im Parlament.

Einwegticket nach Italien

Wobei die Hilfsaktion schon Ende 2023 gestartet war. Damals entsandte Rom das militärische Krankenhausschiff "Vulcano" in den ägyptischen Hafen von Al Arish. Es verfügt über einen OP-Raum, Cumputertomographen und eine Intensivstation. Im Februar 2024 brachte die "Vulcano" 14 kleine Patienten und ihre Begleiter in die ligurische Küstenstadt La Spezia. Von dort aus wurden die Kinder auf verschiedene Krankenhäuser verteilt.

Das Evakuierungsprozedere ist grob zusammengefasst Folgendes: Die Krankenhäuser in Gaza müssen dem palästinensischen Gesundheitsminister die Fälle melden, die eine Sonderbehandlung im Ausland benötigen. Daraufhin erstellt dieses einen Überweisungsbericht für die Weltgesundheitsorganisation. "So kommt der Patient auf die Evakuierungsliste, die aber nicht nach Priorität erstellt ist, obwohl zwischen vier Krankheitsstufen unterschieden wird" ,erklärt Sandri. Doch auch ihr Verband kann sich an die zuständigen Stellen in beiden Ländern wenden, um hilfebedürftige Fälle zu melden.

Auf italienischer Seite ist es das Büro der Premierministerin, das zusammen mit den Ministerien für Verteidigung, Außenpolitik, Zivilschutz und mit dem Roten Kreuz die Rettungsflüge koordiniert. "Und ich muss sagen, diese Kooperation funktioniert unglaublich gut", so Sandri. Evakuiert wird über den israelischen Flughafen in Eilat. Die italienische Luftwaffe stellt Maschinen zur Verfügung, die mit ärztlichen Versorgungsgeräten ausgestattet sind oder diese mit an Bord nehmen können. Wie beim Flug am 9. Februar, als ein wenige Wochen junges Baby im Brutapparat nach Italien gebracht wurde.

Von dem Neugeborenen im Brutapparat erzählt Sandri, dass es an einem Lymphagiom leide, eine zum Glück meistens gutartige Tumorerkrankung. Doch es sei nicht nur die Krankheit, die dem Baby einen mühsamen Start ins Leben verschaffen habe, fährt sie fort. "Die Kleine wurde von ihrer Tante nach Italien begleitet. Die Mutter musste bei ihrem alten, kranken Vater bleiben. Und das könnte bedeuten, dass sich Kind und Mutter auch nie wieder sehen könnten. Wer ausreist, auch wenn es aus Gesundheitsgründen geschieht, der darf nicht wieder einreisen, so lauten Israels Vorschriften."

Und was geschieht mit den Patienten, wenn sie wieder gesund sind, und ihren Begleitern? Da sie nicht zurückdürfen, müssen sie politisches Asyl beantragen, auch wenn sie freiwillig und aus gesundheitlichen Gründen aus Gaza ausgereist sind. Ohne diese Bescheinigung können sie nicht in das vorgesehene Integrationsprogramm aufgenommen werden.

Der Mann, der mit seinen drei Jungs im Herbst angekommen ist und vom Verband Casa Acquatica begleitet wird, ist vor Kurzem vom Erstaufnahmezentrum in eine kleine Wohnung umgezogen. In Mailand, wo die zwei älteren Söhne mittlerweile auch zur Schule gehen -für immer gezeichnet vom Krieg, aber dauerhaft in Sicherheit.

Quelle: ntv.de

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