Politik

Interview #DeineWahl Merkel und die frechen YouTuber

Die Kanzlerin macht Wahlkampf. Im Gespräch mit vier YouTubern spricht Angela Merkel über Smileys und lobt ihre Interviewpartner. Bei kritischen Einwänden greift sie einfach auf eine bewährte Methode zurück.

Es ist Krautsalat - das wäre zumindest die wörtliche Übersetzung von ItsColeslaw. Das ist der Künstlername der YouTuberin, die Angela Merkel etwas schüchtern gegenübersitzt. Die Kanzlerin und die Studentin trennt ein Tisch, auf dem eine Karaffe und zwei Gläser stehen, beide sitzen auf Sesseln - auf den ersten Blick ist also alles wie bei einem ganz gewöhnlichen Interview. Das ist es aber nicht. Merkel ist an diesem Mittwoch mit vier YouTubern verabredet. Jeder hat zehn Minuten Zeit für Fragen, die über soziale Netzwerke mit dem Hashtag #DeineWahl gesammelt wurden. Mirko Drotschmann, einer der vier, sagte im Vorfeld: "Was Merkel gerne macht, ist kritische Fragen mit einer ausweichenden Antwort zu beantworten. Das ist ja auch ein politisches Stilmittel von ihr: Merkel lullt den Gegner ein." Ob es den YouTubern gelingt, Merkel zu stellen?

Den Anfang macht ItsColeslaw, die eigentlich Lisa Sophie heißt. Was will sie, die Kanzlerin, machen, damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter wächst? Merkel spult routiniert ihr Repertoire ab, lobt den Mindestlohn, den die Regierung auf den Weg gebracht hat. Sagt aber auch: "Es lohnt sich immer weiterzuarbeiten und es ist auch unsere Pflicht." Als es um die schlechten Gehälter für Pflegeberufe geht, laviert Merkel: "Das alles reicht noch nicht, aber wir sehen schon einige Fortschritte." Beim Thema Bildung spricht sie über digitale Bildung, E-Clouds und Weiterbildungsmöglichkeiten für ältere Lehrer. Jene Kanzlerin, die das Internet 2013 noch als "Neuland" bezeichnet hatte.

Ihr erstes Interview dieser Art machte Merkel vor zwei Jahren. Ihr Gegenüber, der YouTuber LeFloid, spottete später, sie habe ihn ausgenutzt, um an die junge Zielgruppe heranzukommen. Die beiden sprachen damals unter anderem über die gleichgeschlechtliche Ehe. Die ist auch diesmal wieder Thema. ItsColeslaw fragt nach Merkels Verhalten im Vorfeld der Abstimmung im Bundestag. Die Kanzlerin hatte sich in einem "Brigitte"-Interview zur Überraschung vieler Unionspolitiker plötzlich prinzipiell offen gezeigt, über die umstrittene Gleichstellung abstimmen zu lassen, und dann trotzdem mit Nein gestimmt. Sie rechtfertigt dies so: Es sei ihr wichtig gewesen, dass die Abstimmung zustande kommt. "Mit dem Ergebnis haben wir ein Stück Befriedung in der Gesellschaft erreicht."

"Wenn es gut kommt, ein kleines Herzchen dran"

Etwas später sitzt AlexiBexi, der eigentlich Alexander Böhm heißt, Merkel gegenüber. Er will über die Abgasaffäre sprechen. Man werde die "Fehler schonungslos beim Namen nennen", "nicht diejenigen die Zeche zahlen lassen, die damit nichts zu tun haben", weicht Merkel floskelig aus. Aber der YouTuber lässt sich nicht abschütteln, hakt mehrfach frech nach. Ob sie eine ehrliche Politik garantieren könne? Merkel antwortet: "Ich kann Ihnen versprechen, dass es besser wird." Auf den Breitband-Ausbau angesprochen, sagt sie: "Er wird in die Gänge kommen." Man habe schon viel gemacht, aber die ländlichen Räume seien das Sorgenkind. Die kritische Nachfrage bleibt ihr erspart, stattdessen gibt es einen scharfen Themenwechsel. Hat Merkel ein Lieblingsemoji? Die Kanzlerin schaut etwas überrascht und entscheidet sich dann für den Smiley. "Wenn es gut kommt, ein kleines Herzchen dran", sagt sie und lacht. Wenn es mal nicht so gut sei, könne man auch mal die Schnute nehmen.

Warum macht die Kanzlerin das hier? Die größte Wählergruppe für die Wahl am 24. September stellen schließlich die über 70-Jährigen. Die wenigsten von ihnen dürften solche hippen Formate im Internet verfolgen. Vielleicht zahlt sich der Auftritt trotzdem irgendwann aus. Laut einer YouGov-Studie würden sich 35 Prozent der 14- bis 17-Jährigen bei der Wahl für Merkel entscheiden. Es sind diejenigen, die 2021 zum ersten Mal abstimmen dürfen. Ob sie dann noch einmal antritt oder nicht, Merkel setzt im Wahlkampf bewusst auf ausgefallene Formate. Soll niemand behaupten, die Frau, die seit zwölf Jahren regiert, würde nichts wagen.

"Sie haben Talent"

Auch Ischtar Isik darf in fünfeinhalb Wochen zum ersten Mal wählen. Im Vorfeld gab es in den sozialen Medien spöttische Bemerkungen darüber, dass die Beauty-Bloggerin die Kanzlerin interviewen sollte. Die 21-Jährige spricht dies selbst an, woraufhin Merkel die Trösterin spielt. "Ich finde es blöd, zu sagen, jemand mit Beauty-Sachen oder jemand, der Friseur ist, kann sich ja keine Wahlentscheidung erarbeiten. Das ist absurd", sagt sie. Auf Feminismus und Frauenquote angesprochen, verspricht Merkel wenig später, sie werde in ihrem neuen Kabinett darauf achten, "dass wir fast die 50 Prozent erreichen". Dann ist Ischtar Isik durch mit ihren Fragen, aber eines will sie noch loswerden. Das sei ihr erstes Interview gewesen, sagt sie. Merkel ist verdutzt. "Ihr erstes? Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung?", fragt sie - wohl ohne das so forsch zu meinen, wie es in dem Moment klingt. "Ich würde sagen, Sie haben Talent", sagt Merkel schnell, um die Situation zu retten.

Wieder wechselt der Interviewer: Mirko Drotschmann, der sich im Netz MrWissen2go nennt, will über das schwierige Verhältnis zur Türkei sprechen. Warum der inhaftierte Journalist Deniz Yücel immer noch nicht frei sei. "Wir tun alles", sagt Merkel. Ob man nicht noch mehr machen müsse? "Wir müssen immer noch weiterarbeiten", sagt sie stoisch. Über die schwierigen Partner, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan oder den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump lässt sich Merkel nichts entlocken. Der Videoblogger versucht es noch einmal: "Denken Sie nicht auch manchmal, Mensch, was hat der da wieder …?" Keine Chance. "Wir müssen vorsichtig mit der Sprache sein", sagt die Kanzlerin nur. Zwischen ihr und Trump gebe es Meinungsverschiedenheiten und Gemeinsamkeiten, mehr verrät sie nicht.

Im Gegensatz zu ihrem "Brigitte"-Interview kommt die Kanzlerin diesmal weitgehend unbeschadet durch die 60 Minuten. Sie hat leichtes Spiel, ihre Botschaft ist eindeutig: "Wir haben zwar viel geschafft, aber es gibt noch einiges zu tun." Ist einfach, könnte aber reichen. Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz tut sich schwer, Merkel im Wahlkampf zu fassen zu kriegen und Treffer zu landen. In Umfragen steht die Union bei um die 40 Prozent. Es ist, als wäre nichts gewesen, als hätte es diese Flüchtlingskrise und den hässlichen Streit mit der CSU gar nicht gegeben. Zum Abschluss setzt Merkel auch optisch auf Bewährtes. Als sich die YouTuber zum Abschlussbild um sie versammeln, formen sich ihre Hände zur Raute.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema