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Dutzende Tunnel unterm Grenzzaun Mexikaner untergraben Trumps Mauerpläne

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Der "trockene Teil" der Kanalisation unter der Grenzstadt Nogales.

(Foto: Issio Ehrich)

Im Grenzort Nogales gibt es längst, wovon Donald Trump träumt: eine Mauer zwischen den USA und Mexiko. Migranten und Schmuggler haben darauf reagiert. Die Gemeinde wird "die Hauptstadt der Tunnel" genannt. Ein Abstieg.

Nur ein paar Meter vor der Grenze zwischen den USA und Mexiko führt ein Schacht in die Kanalisation. Das Stahlgitter über dem Zugang ist hochgeklappt. Alles ist bereit für den Abstieg. "Wenn dir da unten irgendetwas merkwürdig vorkommt, wirf dich auf den Boden", sagt Comandante Mendoza. Der Polizist fixiert sein Sturmgewehr vor der Brust und steigt die Leiter hinab. Die Stufen führen in die Dunkelheit, in die Dunkelheit unter der Mauer.

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Beim Abstieg ist zu spüren, dass die Temperatur um ein paar Grad fällt.

(Foto: Issio Ehrich)

Im Grenzort Nogales ist ein Traum von Donald Trump schon lange vor seiner Amtszeit in Erfüllung gegangen: Der US-Präsident hat seinen Wählern einen gewaltigen Wall zwischen den USA und Mexiko versprochen. Hier steht schon ein Bollwerk gegen Migration und Drogenhandel.

Bereits in den 1990ern trennten in Nogales rund drei Meter hohe Metallpaneele den US-amerikanischen und den mexikanischen Teil der Stadt. 2011 wurde der Grenzwall erneuert: Die Paneele sind verschwunden. Stattdessen ragen auf der Grenzlinie seither eng nebeneinandergesetzte, bis zu sechs Meter hohe Stahlrohre in den Himmel. Die Konstrukteure des neuen Walls dachten auch an das Erdreich: Die Rohre fußen in einem massiven Betonfundament und reichen bis zu drei Meter in die Tiefe. In einem weiteren Bauschritt wurden auf die Spitzen der Rohre glatte Stahlplatten montiert. Sie sollen auch geschickte Kletterer stoppen. An einigen Stellen ist der Wall nun fast zehn Meter hoch. Ende des vergangenen Jahres begann eine weitere Bauphase: Nun versiegeln an etlichen Stellen Metallnetze die Schlitze zwischen den Rohren. Die Lücken waren groß genug für Menschenhände und damit auch kleines Schmuggelgut.

Migranten und Drogenkartelle reagierten allerdings auf jeden dieser Bauschritte. Sie untergruben im wahrsten Sinne des Wortes alle Versuche der USA, sich abzuschotten. Deshalb trägt Nogales heute einen unrühmlichen Spitznamen: "Hauptstadt der Tunnel".

An den Kartellen kommt niemand vorbei

Comandante Mendoza ist 44 Jahre alt, trägt sein Haar raspelkurz, hat breite Schultern. Viele Details möchte er nicht über sich veröffentlicht wissen - nicht einmal seinen vollständigen Namen. Fotos seines Gesichts? Auf keinen Fall.

Als er in die Kanalisation absteigt, spürt Mendoza, wie die Temperatur um ein paar Grad fällt. Die Luft in der Tiefe schmeckt anders. Sie erinnert an die Kellerräume eines Altbaus, der seit Jahrzehnten nicht entrümpelt wurde. Mendozas Pupillen weiten sich auf dem Weg in die Finsternis.

In der Tiefe angekommen, warten bereits zwei seiner Kameraden. Auch sie tragen Sturmgewehre. Die Männer sichern den Zustieg ihres Vorgesetzten. Mit ihren Taschenlampen schneiden sie Schneisen in die Dunkelheit. Nur dadurch ist die Umgebung zu erkennen. Links und rechts erstreckt sich ein Kanal, der auf der Linie des Grenzwalls verläuft. Die Enden sind nur zu erahnen. "Du weißt hier unten nie, wem du begegnest", sagt Mendoza und beginnt seine Expedition durch die Unterwelt.

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Comandante Mendoza (r.) will nicht, dass sein Gesicht zu erkennen ist.

(Foto: Issio Ehrich)

Der letzte Kontakt ist keine 24 Stunden her. Kollegen von der Bundespolizei holten einen Migranten heraus. Nur einen Migranten. In der Kanalisation unter der Stadt treiben sich immer wieder Kartell-Mitglieder und ihre Drogenkuriere herum. Sie suchen nach geeigneten Stellen für Tunnel in die USA oder nutzen bereits ausgehobene Durchgänge. Und wer weiß schon, wofür sie die Kanalisation noch zu nutzen wissen.

Heute gehe es durch den "trockenen Teil", erklärt Mendoza. Dieser sei von Ost nach West auf mexikanischer Seite rund einen Kilometer lang und reiche weitere vier Kilometer ins mexikanische Inland. Das Kanalsystem sorge dafür, dass Wasser bei starken Regenfällen ablaufen kann. Durch den anderen, den "nassen Teil", fließe unterdessen permanent das Abwasser der Bewohner von Nogales.

Jeder Schritt Mendozas und seine Männer erzeugt ein Knirschen und lässt eine kleine Staubwolke aufsteigen. Der letzte richtige Regen ist schon eine Weile her. Alle paar Meter bleiben die Polizisten stehen. Sie lassen die Lichtkegel ihrer Taschenlampen über die Seitenwand des Kanals schweifen, die Wand, die zwischen ihnen und den USA liegt. Der einst massive Beton ist durchlöchert. Überall sind alte Tunneleingänge. Drogenkuriere oder Migranten haben sich hier ihren Weg in die USA gebohrt. Das Handwerk der Kartelle und der Menschen auf der Flucht vor Armut und Gewalt ist dabei kaum voneinander zu trennen. In der Grenzregion heißt es oft: Auf die andere Seite darf nur, wer viel Geld an die Drogenbosse zahlt oder ihre Ware schmuggelt.

Die Tunneleingänge, die Mendoza heute sieht, wurden bereits entdeckt, notdürftig versiegelt und mit Nummern oder Farbmarkierungen versehen. Nur ein paar Minuten vergehen, bis Mendoza und seine Männer bei Tunnel neun ankommen. Diese Fülle lässt das Tunnelproblem von Nogales erahnen. Allerdings nur ansatzweise.

Der wohl exponierteste Flecken unter Trumps Mauer

Wer dort, wo sich Mendoza gerade umschaut, zu bohren beginnt, muss unendlich dreist, irre oder völlig verzweifelt sein. Denkbar ist im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko auch ein schmutziger Deal mit korrupten Mitarbeitern der Behörden. Mendoza ist an einer Stelle in die Kanalisation gestiegen, die nur ein paar Meter vom offiziellen Grenzübergang entfernt liegt. Bohrungen, die auf diesem Abschnitts des Kanals beginnen, führen gezwungenermaßen direkt unter dem Parkplatz des Postens der US Border Patrol hindurch.

Mendoza hat bei seinen Patrouillen durch Nogales schon 20 bis 30 Tunnel mit eigenen Augen gesehen. Den mexikanischen Behörden sind einem Bericht der BBC zufolge mehr als 100 Drogentunnel bekannt. Über die Zahl der Durchbrüche, die noch unentdeckt sind, lässt sich allerdings nur spekulieren. Viele sind schwer, einige vielleicht unmöglich zu finden. Es existieren Bilder von aufwendigen Anlagen mit einem Eingang auf einem Friedhof. Ein ausgehobenes Grab als fast perfekte Tarnung. Als schwer zu finden gelten auch Tunnel, die in einem Haus auf der mexikanischen Seite beginnen und in einem anderen Haus auf der US-amerikanischen Seite enden.

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Der versiegelte Zugang zu einem Tunnel ist deutlich markiert.

(Foto: Issio Ehrich)

US-Präsident Trump glaubt, dass seine Mauerpläne die richtige Antwort auf die Tricks der Drogen- und Menschenschmuggler sind. Im weiter westlichen gelegenen San Diego stehen seit einigen Monaten schon acht gewaltige Prototypen neuer Grenzwälle, die Trump als "fantastisch" bezeichnet hat. Doch letztlich ähneln die Modelle der Anlage in Nogales sehr.

Polizist Mendoza hält nicht viel vom Vorhaben des US-Präsidenten. "Die Kartelle sind mächtig und haben Geld", sagt er. "Sie finden ihre Wege." Ein Ende der Buddellei erwartet der Comandante erst, wenn etwas gegen den illegalen Konsum von Drogen in den USA getan wird.

Auch Mendozas Chef, der Bürgermeister von Nogales, kritisiert Trumps Pläne. Und das nicht nur, weil weiterhin unklar ist, ob der US-Präsident genug Geld für sein Bollwerk zusammenbekommt und Forderungen an Mexiko stellt. David Cuauhtémoc Galindo Delgado pocht darauf, in den wirtschaftlichen Aufschwung Mexikos zu investieren statt in Stahl und Beton. Und er fordert, Rauschmittel zu legalisieren, um den Kartellen das Geschäftsmodell zu zerstören. Mit Marihuana hätte das in vielen US-Bundesstaaten schon gewirkt.

Der Großteil der Migranten und der Drogen käme ohnehin auf Wegen in die USA, die eine Mauer kaum versperren könnte, sagt Galindo. "Die meisten Zuwanderer aus Mexiko gehen mit einem Touristen-Visum in die USA und tauchen dann unter." Mit Blick auf Drogen ergänzt er: "Die Ware kommt vor allem über die offiziellen Checkpoints. Bei den Behörden auf beiden Seiten gibt es schwarze Schafe." Eine zurückhaltende Formulierung. Kritiker der mexikanischen Behörden sprechen nicht von einigen üblen Ausnahmen, sondern von einer strukturellen Verstrickung von Teilen des Staates und der organisierten Kriminalität.

"Ich habe gespürt, wie die Kugeln an mir vorbeipfiffen"

In der Dunkelheit unter Nogales scheint diese Kooperation, so weit es sie denn gibt, allerdings auch ihre Grenzen zu haben. Mendoza und seine Männer stapfen in Richtung Ausgang.

Er habe in seinen 17 Dienstjahren noch nie eine Todesdrohung der Kartelle bekommen, sagt der Kommandant. "Die Narcos verstehen, dass jeder in Nogales seine Aufgabe zu erfüllen hat." Kommt es allerdings doch einmal zu einer Konfrontation mit der Polizei, werde es heiß. Das organisierte Verbrechen will nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das stört die Geschäfte. Zugleich gilt aber: Wenn das Geschäft gestört wird, gibt es kein Erbarmen.

Der letzte Schusswechsel, in den Mendoza hineingeriet, ist keine vier Tage her. "Ich habe gespürt, wie die Kugeln an mir vorbeipfiffen", sagt der Kommandant. Als sich Gangs auf offener Straße beschossen, ging die Polizei rein, um Zivilisten zu schützen. Mendoza und seine Beamten blieben unverletzt. Sie waren auf die Lage vorbereitet. Ein Vorteil, den sie in der Tiefe unter Nogales nicht zu haben scheinen. "Hier unten gibt es keine Warnzeichen", sagt Mendoza.

Der Comandante und seine Männer fixieren ihre Sturmgewehre vor der Brust und klettern, einer nach dem anderen, aus dem Schacht. Sie spüren die Sonne auf ihrer Haut und atmen endlich wieder frische Luft. "Sei froh, dass wir niemanden getroffen haben", sagt einer. "Man kann da unten allerhand sehen. Vielleicht aber nur einmal."

Quelle: n-tv.de

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