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First Lady verlässt Weißes Haus Michelle Obama ist endlich frei

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Michelle Obama hat ihrer Rolle als First Lady eine eigene Prägung gegeben.

(Foto: dpa)

Nach einem dreckigen Wahlkampf und mit der Aussicht auf mindestens vier Jahre Trump entdecken die USA ihre Liebe zu First Lady Michelle Obama neu. Die Hoffnungen, dass sie das Land erlöst, wird sie aber vermutlich enttäuschen.

Die rührendsten Worte zum Abschied findet ihr Mann Barack Obama. Bei seiner letzten Rede in Chicago sagt er: "Du hast eine Rolle übernommen, die du dir nicht ausgesucht hast. Und du hast sie dir zu eigen gemacht mit Würde, Mumm und Humor." Mit Tränen in den Augen setzt er hinzu: "Eine ganze junge Generation strebt nach Höherem, weil du ihr Vorbild bist. Du hast mich und das Land stolz gemacht." Mit dem ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte der USA verlässt auch seine Frau das Weiße Haus: Michelle Obama, die ihren Mann und alle anderen Politiker des Landes in puncto Beliebtheit um Längen schlägt.

Michelle Obama hat in den acht Jahren Präsidentschaft ihres Mannes ihrem inoffiziellen "Amt" der First Lady eine eigene Prägung gegeben. Sie ist Ikone, nicht nur in modischen Stilfragen; sie ist selbstbewusst, wortgewaltig und respekteinflößend; sie ist direkt, nahbar und dennoch glamourös.

Der Werdegang der First Lady könnte aus dem Drehbuch eines Films über den "amerikanischen Traum" stammen: Aufgewachsen ist Michelle LaVaughn Robinson, so ihr Mädchenname, im Süden Chicagos, keine gute Ecke. Ihr Vater ist Arbeiter bei den Wasserwerken, die Mutter Hausfrau und Sekretärin. Ihre Vorfahren, so finden es später Forscher heraus, waren im 19. Jahrhundert Sklaven in Georgia.

Zu groß, zu schwarz, zu lässig

Bildungsprogramme ermöglichen Michelle den Aufstieg: erst High School, dann ein Studium an der angesehenen Princeton University, später Jura in Harvard. Talent, ja, das hatte sie. Aber es war vor allem ihr Fleiß, der sie dorthin brachte, wo sie später landete. Es ist ein Werdegang wie eine Botschaft, die sie nicht müde wird auszusenden. Jungen Frauen das Selbstbewusstsein und die Möglichkeiten zu geben, erfolgreich und unabhängig zu sein, wird eine ihrer großen Missionen als First Lady.

In einer Chicagoer Kanzlei lernt sie 1989 einen jungen Anwalt kennen. Sein Name ist Barack Obama, er wird mit Michelle als Frau an seiner Seite im Januar 2009 Präsident der USA. Michelle Obama unterbricht ihre eigene erfolgreiche Karriere als Anwältin, um sich fortan dem Leben als First Lady zu widmen.

Und zu Beginn fremdelt sie mit ihrer Rolle. Oder besser gesagt: Washington fremdelt mit ihr. Zu groß, zu schwarz, zu lässig, finden Traditionalisten. Dass sie im ersten Wahlkampf erklärt hatte, sie sei nicht immer stolz auf ihr Land gewesen, haben ihr viele übel genommen. Sie sei eine "Angry Black Woman", hieß es. Und das war nicht wirklich positiv gemeint; verbissen, wütend, unpatriotisch. Wenig glücklich waren auch viele über das Selbstverständnis der jungen Frau. Sie nennt sich "Mom in chief", das familiär-weibliche Pendant zum "Commander in chief", also dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Und sie macht, so drückt es ihr Mann bei seiner Abschiedsrede in Chicago aus, das alterwürdige Weiße Haus "zu einem Ort, der allen gehört". Nicht jedem gefällt das.

"Mom in chief" ist keine Vorzeigefeministin

Wenige Wochen nach Obamas Amtsantritt rücken Washingtoner Schulkinder mit Schaufeln an. Sie graben das Gelände südlich des Gebäudes um. Hier entsteht ein Gemüsebeet: Spinat, Broccoli, Kohl – sogar Bienenkästen lässt sie anschaffen. Der Ertrag soll in der Küche des Weißen Hauses verwendet werden, Teile davon auch an eine Armenküche in der Stadt gehen. Doch das Wichtigste bei der Aktion ist die Vorbildwirkung. Gesunde Ernährung, Bewegung und Bildung werden, neben ihrer Initiative für Veteranen, zu Michelle Obamas Herzensthemen während der acht Jahre im Weißen Haus. Fettleibigkeit ist das größte gesundheitspolitische Problem in den USA, mangelnde Bindungschancen Haupthemmnis für den Aufstieg Jugendlicher aus unteren Schichten.

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Dennoch gibt es Kritik. Frauenrechtlerinnen setzen immense Erwartungen in die erste schwarze First Lady. Sie wollen, dass Michelle Obama eine ihrem Präsidentengatten ebenbürtige Frau ist. Dass sie sich in öffentliche Debatten stärker einmischt. Gemüse, Sport und ansonsten "Mom in chief" - das ist zu brav. Auch an ihren immer häufigeren Auftritten bei eher seichteren Veranstaltungen nehmen ihre Kritiker Anstoß. Eine Videoschalte zu den Oscar-Verleihungen: ja. Klare Worte zum politischen Tagesgeschäft: nein. Diese Michelle Obama taugt nicht zur Vorzeigefigur des Feminismus.

Ihrer Beliebtheit schadet das jedoch nicht. Nach und nach, vor allem als Vehikel für "ihre" Themen Bildung und Gesundheit, avanciert die First Lady zum Popstar. Auf Twitter folgen ihr 5,6 Millionen Menschen, sie nutzt Snapchat. Ebenso wie ihr Mann ist sie gerne und oft gesehener Gast in TV-Sendungen. Diese Frau ist nicht nur einflussreich, warmherzig und klug. Sie kann auch wirklich witzig sein. Bei ihrem letzten TV-Auftritt als First Lady in Jimmy Fallons "Tonight Show" auf NBC, so etwas wie die Haussendung der Obamas, soll sie Dankeskarten verfassen und vorlesen. Eine geht an ihren Mann: "Danke Barack, dafür dass du gezeigt hast, dass du keine lame duck bist, sondern mein ganz persönlicher Silberfuchs." Eingeblendet wird ein Foto des im Amt merklich ergrauten Präsidenten, vielsagend blickt die First Lady in die Kamera.

"When they go low, we go high"

Doch Michelle Obama kann nicht nur lustig sein. Immer wieder lässt sie durchblicken, dass ihr nach dem hart geführten, schmutzigen Wahlkampf nicht nach Lachen zumute ist. Ihre letzte Rede als First Lady hält sie bei der Ehrung von Schulberatern im Weißen Haus. Sie nutzt die Gelegenheit, um jungen Menschen, aber auch dem Amtsnachfolger ihres Mannes, eine Botschaft zu hinterlassen: "Seid euch gewiss, dass dieses Land euch gehört, euch allen, egal welchen Hintergrund oder Lebensweg ihr genommen habt." Sie spricht von der "glorreichen Vielfalt der Glaubensrichtungen und Farben". Diese sei "keine Bedrohung für uns, sondern sie macht uns erst zu dem, was wir sind".

An die jungen Amerikaner gewandt sagt sie: "Lasst es nicht zu, dass euch jemand das Gefühl gibt, nicht wichtig zu sein oder keinen Platz in der amerikanischen Erzählung zu haben!" Jeder habe das Recht, zu sein wie er ist. Jeder solle sich einbringen in den "nationalen Diskurs." Die komplette Rede ist eine Paraphrase ihres oft zitierten Mottos, das zum Slogan der Kampagne von Hillary Clinton geworden ist: "When they go low, we go high" – auf Deutsch etwa: "Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste."

Viel beachtet sind ihre Bemerkungen zu dem im Herbst 2016 veröffentlichen Video, in dem Trump mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlt. "Es reicht", sagt sie bei einem Wahlkampfauftritt in New Hampshire. Ihr Stimme bebt. "Dies ist nicht, wie sich anständige Menschen benehmen, und dies ist bestimmt nicht, wie sich jemand benimmt, der Präsident der Vereinigten Staaten werden will." Nach Publikation der Aufnahmen hatten sich mehrere Frauen gemeldet, die Trump sexuelle Belästigung vorwarfen. "Keine Frau hat es verdient, auf diese Weise behandelt zu werden - überhaupt niemand von uns hat das verdient."

"Luxus ist nett. Aber die Freiheit ..."

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Michelle Obama trifft damit die Stimmung vieler Amerikaner und sie tut es noch. Sie zeigt sich ehrlich erschrocken darüber, wie tief gespalten das Land nach acht Jahren Präsidentschaft ihres Mannes ist. Und sie wird zum Symbol der Hoffnung, dass das rechtschaffene Ideal des ehrlichen und respektvollen Umgangs in dieser Gesellschaft noch nicht tot ist. An kaum einer anderen Figur können sich verzweifelte Trump-Gegner seit dem Wahltag so gut aufrichten wie an der First Lady. Liegt darin ein Auftrag an Michelle Obama?

Bei ihrem berühmten Auftritt bei "Carpool Karaoke" fragt Late-Night-Moderator James Corden, was sie nach dem Auszug aus dem Weißen Haus vermissen wird. All die Leute zu verlassen, die mit ihr und der Familie im Amtssitz des Präsidenten gelebt und sich um sie gekümmert haben, sei hart, antwortet sie. Ob ihr denn nicht auch die Annehmlichkeiten eines 24-Stunden-Room-Services fehlen werden, will Corden wissen. "Weißt du, diese Privilegien und der Luxus sind nett. Aber die Freiheit, die ich im Gegenzug zurückbekomme …"

Was wird sie anfangen mit dieser Freiheit? Ihre Memoiren schreiben vielleicht, Reden halten, ihre Herzensanliegen weiter verfolgen. Doch sie ist erst 52 Jahre alt. War es das ansonsten? Ihre Anhänger hoffen, dass sie 2020 als Präsidentschaftskandidatin antritt und dem Schrecken Trump ein Ende bereitet. Nach heutigem Stand könnte sie sich wohl gute Chancen ausrechnen. Bloß: "Michelle for 2020" wird es nicht geben, das hat sie immer wieder klar gemacht. Definitiv nicht. Im vergangenen Jahr sagte ihr Mann Barack Obama auf eine Frage zur Zukunft seiner Frau: "Es gibt drei Dinge im Leben, die sicher sind: der Tod, Steuern und - Michelle kandidiert nicht als Präsidentin. Glauben Sie mir!"

Quelle: n-tv.de

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