Politik

"Ich bin so enttäuscht!" Missbrauchsfonds: Kritik am Ministerium

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Das Ministerium verspricht Besserung.

(Foto: imago/photothek)

Jeder siebte Erwachsene in Deutschland hat Experten zufolge sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren. Viele Leben wurden so zerstört. Die Bundesregierung will den Opfern helfen. Doch der dafür eingerichtete Hilfsfonds arbeitet viel zu langsam, wie RTL-Recherchen zeigen.

"Ich bin so enttäuscht, dass mir ein Versprechen gemacht wird, das nicht eingehalten wird. Ich musste früher immer für alles bezahlen oder meinen Körper hinhalten, das fühlt sich jetzt genauso wieder an", sagt Maria T. Die mittlerweile 65-Jährige wurde als Kind in der Familie und später auch noch von einem Priester missbraucht. Vergewaltigung und Vertrauensbruch haben sie ihr ganzes Leben lang belastet. Deshalb hat sie große Hoffnungen in den "Fonds für sexuellen Missbrauch (FSM)" gesetzt.

Der Hilfsfonds des Bundesfamilienministeriums von Franziska Giffey soll den Opfern helfen, auch wenn der sexuelle Missbrauch schon lange zurückliegt. Doch dieses Versprechen wird bislang nicht eingelöst. Die Bearbeitung der Therapieanträge dauert oft ein halbes Jahr, mitunter verstreichen aber auch mehrere Jahre, wie Recherchen von RTL/ntv ergeben haben.

Die Krankenkassen zahlen eine Therapie - wie im Fall von Maria T. - nur für eine begrenzte Zeit. Zwischen den einzelnen Therapien gibt es Pausen von zwei Jahren. Für Opfer massiven sexuellen Missbrauchs ist diese Pause unerträglich. Der 2013 eingerichtete Fonds sollte genau diese Lücke schließen.

Grundsätzlich eine gute Idee, sagt Therapeutin Angela Kauffmann aus Bielefeld. Die therapeutische Wirkung sei immens: "Die Therapie darf nicht unterbrochen werden. Zusätzlich erfahren die Überlebenden oft erstmals ein Gefühl der Anerkennung ihres Leids: 'Mir wird geglaubt, mir wird geholfen'."

In der Zeit seines Bestehens sind beim Fonds den Ministeriumsangaben zufolge 13.801 Erstanträge eingegangen. In 11.882 Fällen erging mindestens ein Bescheid. Zudem stieg die jährlich ausgezahlte Summe von anfangs 29.625,29 Euro auf mehr als fünf Millionen Euro im Jahr 2017 und fast zwölf Millionen Euro im vergangenen Jahr.

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Therapeutin Angela Kauffmann warnt davor, Behandlungen zu unterbrechen.

"Eindruck, gesellschaftliche Ignoranz setzt sich fort"

Doch Kauffmann zieht wie viele ihres Berufsstandes eine ernüchternde Bilanz: Der Fonds erfülle seine Aufgabe nicht. Kauffmann und 134 weitere Therapeutinnen und Therapeuten mussten sich sogar wegen unbeglichener Rechnungen aus dem Jahr 2019 bei Ministerin Giffey beschweren. Entsprechende Unterlagen liegen RTL/ntv dazu vor.

"Es ist mir ein Rätsel, wie eine Bundesbehörde so konsequent Anfragen nicht beantworten und auch Mahnungen konsequent ignorieren kann", sagt Kauffmann zu RTL/ntv. "Wenn die Gesellschaft es schon heute nicht schafft, Kinder zu schützen, so hat sie doch zumindest die Aufgabe, den Betroffenen bei der Linderung und Heilung die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen." Die Therapeutin ist empört: "Es fällt mir schwer das auszusprechen: Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass auch hier die gesellschaftlich vorhandene Ignoranz gegenüber dem Ausmaß und den Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zum Tragen kommt."

Um die Bearbeitung transparenter zu gestalten, werden auf der Website www.fonds-missbrauch.de die jeweiligen Bearbeitungsstände wöchentlich aktualisiert. Im ersten Quartal 2020 sind beim Ministerium insgesamt 25 Beschwerden eingegangen.

Probleme sind dem Ministerium bekannt

Auf Nachfrage räumt das Ministerium zwar ein, es habe Mängel gegeben. "Die strukturellen Probleme beim Fonds sind dem Bundesministerium bekannt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten für die Betroffenen (…) bedauern wir sehr", heißt es. Doch man habe die Erreichbarkeit per Telefon erheblich verbessert. Anträge könnten jetzt auch per E-Mail gestellt werden. Das Personal werde weiter aufgestockt: "Unser Ziel ist es, eine Bearbeitungszeit von unter sechs Monaten für alle Anträge zu erreichen."

Auf die Beschwerden der Therapeuten hießt es aus dem SPD-geführten Ressort: "Die 135 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben im Mai 2020 eine Antwort erhalten." Das ist tatsächlich geschehen - und zwar zwei Tage nach der RTL/ntv-Anfrage im Ministerium.

Maria T. versteht nicht, warum das alles so lange dauert. Sie würde gerne Franziska Giffey und den Mitarbeitern des Fonds persönlich erklären, wie wichtig die Arbeit des Fonds für sie und die anderen Betroffenen ist: "Ich wünsche mir für alle, die das auch durchmachen mussten, dass sie nicht so lange auf Hilfe warten müssen!"

Quelle: ntv.de