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Senatskandidat Roy Moore inszeniert sich gern als kerniger Typ.
Senatskandidat Roy Moore inszeniert sich gern als kerniger Typ.(Foto: AP)
Freitag, 10. November 2017

Üble Vorwürfe gegen Republikaner: Moralapostel wird zum Problem für Trump

Von Hubertus Volmer

In einem Monat schickt Alabama einen neuen Vertreter in den US-Senat. Bislang sah es so aus, als werde der republikanische Kandidat gewinnen, ein erzkonservativer Fundamentalist. Doch jetzt gibt es Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn.

Ein republikanischer Politiker, der sich um ein hohes Amt bewirbt, sorgt mit radikalen Positionen für Aufsehen und steht mit dem Establishment seiner Partei auf Kriegsfuß. Wenige Wochen vor der Wahl wird er mit dem Vorwurf konfrontiert, sexuell übergriffig gewesen zu sein.

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Klingt vertraut? Bei Donald Trump war es so. Vor der Präsidentschaftswahl im November 2016 veröffentlichte die "Washington Post" einen Artikel, in dem beschrieben wurde, wie Trump sich im Jahr 2005 damit brüstete, Frauen zwischen die Beine fassen zu können, ohne dass dies Folgen hätte. "Wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich das machen", sagte er dem Moderator der Klatschsendung "Access Hollywood". Was Trump nicht wusste: Die Unterhaltung wurde mitgeschnitten.

Nach Veröffentlichung des Videos waren die meisten politischen Beobachter überzeugt, dass der Wahlkampf jetzt gelaufen war: Niemals würden konservative Wähler für einen Kandidaten stimmen, der mit vulgären Ausdrücken darüber sprach, was er alles ungestraft mit Frauen anstellen könne.

Dass es am Ende anders kam, dürfte Roy Moore jetzt Hoffnung machen. Moore, bis April Richter am Obersten Gerichtshof von Alabama, kandidiert für einen der beiden Sitze des Bundesstaates Alabama im US-Senat. Die Wahl findet am 12. Dezember statt; sie wurde nötig, weil Trump den bisherigen Amtsinhaber Jeff Sessions zum Justizminister gemacht hatte.

Insgesamt vier Fälle sexueller Belästigung

Die Vorwürfe gegen Moore sind noch schwerwiegender als das, worüber Trump 2005 gesprochen hatte. Erneut ist es die "Washington Post", die über den Fall berichtet: Moore soll 1979 eine 14-Jährige sexuell belästigt haben. Er war damals 32 Jahre alt und arbeitete als stellvertretender Bezirksstaatsanwalt.

Moore mit Pferd ...
Moore mit Pferd ...(Foto: AP)

Leigh Corfman, die heute 53 ist, berichtete der Zeitung, Moore habe sie bis auf die Unterwäsche ausgezogen und sie genötigt, seinen Penis anzufassen. "Ich wollte da nur noch raus", sagte Corfman der Zeitung. Sie habe Moore gebeten, sie nach Hause zu fahren, was er auch getan habe. Die "Post" berichtet von drei weiteren Frauen, die ungefähr zur selben Zeit von Moore sexuell belästigt wurden. Der Republikaner bestreitet die Vorwürfe.

Dennoch ist der Fall für die Republikaner äußerst brisant. Im innerparteilichen Vorwahlkampf hatte Trump Moore zwar nicht unterstützt, aber der heute 70-Jährige gilt als Kandidat, der ihm durchaus nahesteht. Trumps Einflüsterer und ehemaliger Chefstratege Steve Bannon sagte kürzlich in einem Interview, der Präsident habe "die falschen Informationen" bekommen und sich deshalb für Moores republikanischen Gegenkandidaten ausgesprochen.

Tatsächlich ist Moore ein Kandidat nach Bannons - und wohl auch Trumps - Geschmack: Er ist ein konservativer Moralapostel, der die Bibel zitiert und Homosexualität verbieten will. Vor allem aber macht er das republikanische Establishment nervös, dem Bannon bekanntlich den Krieg erklärt hat. Erklärtermaßen will Bannon im Vorfeld der nächsten Wahlen so vielen radikalen Kandidaten wie möglich zum Sieg verhelfen. Im Herbst 2018 finden Zwischenwahlen statt: Das Repräsentantenhaus wird vollständig neu gewählt, der Senat zu einem Drittel. Sollte Bannon erfolgreich sein, werden sich die Amerikaner vielerorts nicht zwischen einem Republikaner und einem Demokraten entscheiden müssen, sondern zwischen einem fundamentalistisch-nationalistischen Konservativen und einem Demokraten. Wie dies ausgeht, ist völlig offen.

... und mit Pistole.
... und mit Pistole.(Foto: AP)

 Grundsätzlich haben die Republikaner einen Vorteil: Sie haben vor sieben Jahren dafür gesorgt, dass viele Wahlkreise für die Wahl zum Repräsentantenhaus zu ihren Gunsten zugeschnitten sind (Stichwort Gerrymandering). Und von den 33 Senatoren, die sich einer Wiederwahl stellen müssen, sind nur acht Republikaner. Um die Mehrheit im Senat zu gewinnen, müssten die Demokraten folglich 25 Sitze verteidigen und drei hinzugewinnen. Das wird schwierig - nur in Arizona und Nevada gelten Siege der demokratischen Kandidaten als wahrscheinlich.

Wenn Arizona fällt, wird eine demokratische Senatsmehrheit möglich

Diese Ausgangslage könnte sich am 12. Dezember ändern. Der Südstaat Alabama ist eigentlich fest in den Händen der Republikaner. Dass der Demokrat Doug Jones die Senatswahl gewinnt, war bisher eher unwahrscheinlich. Natürlich hat Trump vor einem Jahr gezeigt, dass auch Politiker eine Wahl gewinnen können, denen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Aber dennoch: Durch den Fall Moore ist die Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Wahlsiegs größer geworden. Sollte Jones gewinnen, stünde das Verhältnis im Senat 51 zu 49 für die Republikaner. Schon bisher war Trumps Mehrheit in dieser Kammer wackelig. Jetzt würde es für ihn noch schwieriger, Gesetze durch den Kongress zu bringen. Und die Demokraten müssten in einem Jahr nur noch zwei Sitze erobern, um die republikanische Mehrheit zu beenden.

Wie die republikanische Parteispitze 2016, nach der Veröffentlichung des "Access Hollywood"-Filmes, muss Trump sich jetzt entscheiden, ob er sich gegen Moore stellt. Denn nach dessen Sieg bei den Vorwahlen hatte er den Kandidaten klar unterstützt. "Habe gestern Abend zum ersten Mal mit Roy Moore aus Alabama gesprochen", twitterte Trump im September. "Er klingt wie ein wirklich toller Typ, der einen fantastischen Wahlkampf gemacht hat." Derzeit ist Trump in Asien, zum Fall Moore hat er sich selbst bislang nicht geäußert. Ein Statement gab es nur von seiner Sprecherin Sarah Sanders: "Wie die meisten Amerikaner glaubt der Präsident nicht, dass wir zulassen können, dass eine einfache Anschuldigung, in diesem Fall eine von vor vielen Jahren, das Leben einer Person zerstört. Jedoch glaubt der Präsident auch, dass, wenn diese Anschuldigungen wahr sind, Richter Moore das Richtige tun und zurücktreten wird."

Damit ging der Präsident weiter als die meisten Republikaner 2016, die sich zwar von Trumps Wortwahl distanzierten und ihn aufforderten, sich zu entschuldigen, letztlich aber zu ihm hielten. Sie hatten damals ein ähnliches Problem wie Trump jetzt: Für einen neuen Kandidaten ist es zu spät.

Auch Bannon hat offensichtlich das Gefühl, all dies schon erlebt zu haben. Er warf der "Bezos Amazon Washington Post" eine "Politik der persönlichen Zerstörung" vor. Die Zeitung jage Moore, wie sie vor einem Jahr Trump gejagt habe. Sein Sprachrohr Breitbart nutzt den Fall, um zum Angriff auf das verhasste republikanische Establishment zu blasen. In einem Artikel listet die Nachrichtenseite Republikaner auf, die Moore einen Rücktritt nahegelegt haben. Nur einer fehlt darin: Trump.

Quelle: n-tv.de

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