Politik

14.225 Straftaten in drei Jahren NRW setzt Clans mit "1000 Nadelstichen" zu

Beim Kampf gegen kriminelle Clans geht Nordrhein-Westfalen voran und präsentiert ein umfassendes Lagebild. Die 30 Seiten haben es in sich: 104 Familien terrorisieren inzwischen das ganze Land. Innenminister Reul entschuldigt sich, dass Hinweise der Bürger so lange ignoriert worden sind.

Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen ein Lagebild zur Clankriminalität vorgelegt, wonach im bevölkerungsreichsten Bundesland 6449 Tatverdächtige aus 104 Clans binnen drei Jahren 14.225 Straftaten begingen. Laut der in Düsseldorf vorgestellten Analyse des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA) waren mehr als ein Drittel dieser von 2016 bis 2018 registrierten Taten sogenannte Rohheitsdelikte wie Bedrohung, Nötigung, Raub und gefährliche Körperverletzung.

"Wir haben es hier eben nicht mit Eierdieben und Tabakschmugglern zu tun", erklärte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. "Clankriminalität ist keine Kleinkriminalität - wir reden von schweren Verbrechen bis hin zu Tötungsdelikten", sagte der CDU-Politiker.

Kriminelle Mitglieder von Großfamilien sind nach Behördenangaben vor allem in Bremen, Niedersachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen aktiv. An Rhein und Ruhr werden diesem Täterkreis auch zwei Tötungsdelikte und 24 versuchte Tötungen zugeschrieben, erläuterte der Leiter der LKA-Abteilung Organisierte Kriminalität, Thomas Jungbluth, bei der Präsentation des Lagebilds.

Die kriminellen Clanmitglieder folgten den beiden Grundprinzipien, dass die Ehre der Familie über alles gehe und das Recht des Stärkeren gelte, sagte Jungbluth. Reul bekräftigte in diesem Zusammenhang: "Bei uns gilt nicht das Gesetz des Clans, sondern das Gesetz des Staats."

Im ganzen Land aktiv: Schwerpunkt Essen

In ihrer Analyse kommt die NRW-Polizei zu dem Schluss, dass Clans in ganz Nordrhein-Westfalen aktiv sind. Ein Schwerpunkt liegt in den Ruhrgebietsmetropolen - allen voran in Essen, aber auch in Städten wie Gelsenkirchen und Recklinghausen. Clans fallen demnach aber auch in den Großstädten am Rhein wie beispielsweise Köln und inzwischen selbst im ländlichen Raum mit Straftaten auf.

Neben offen illegalen Aktivitäten wie Drogenhandel, Glücksspiel und Sozialleistungsbetrug betreiben Clanmitglieder dem NRW-Lagebild zufolge auch scheinbar legale Geschäfte. Dazu zählen Autohandel, Sicherheitsdienstleistungen oder auch Schlüsseldienste - meist mit dem Ziel zu betrügen, Geld zu waschen oder als Tarnung für kriminelle Vorhaben. Das Lagebild weist zehn Clans in NRW aus, die allein für rund 30 Prozent der erfassten Straftaten verantwortlich sind.

"Jahrelang wurden die Hinweise der Bürger, aber auch aus Polizeikreisen zu diesem Problem geflissentlich ignoriert", erklärte Reul. "Ob aus falsch verstandener politischer Korrektheit oder weil man der Auffassung war, dass nicht sein kann, was nicht sein darf - damit ist nun endlich Schluss." Die Clan-Mitglieder glaubten, sie müssten nichts fürchten. "Genau das muss sich ändern." Man verfolge eine "Strategie der 1000 Nadelstiche" und der Null-Toleranz auch bei kleineren Delikten.

"Ziel ist, Mechanismen zu durchbrechen"

Der NRW-Innenminister sprach mit Blick auf kriminelle Strukturen in manchen Großfamilien von "Mafiastrukturen und Parallelwelten, in denen die Missachtung von Recht und Gesetz von einer Generation auf die nächste weitergegeben wird". Es sei auch das Ziel der Behörden, diesen Mechanismus zu durchbrechen - "schon im Interesse der Kinder, die in diesem Milieu aus Gewalt und Verbrechen aufwachsen müssen".

Die Polizei in Gelsenkirchen berichtete, die Ermittlungen und der ständige Kontrolldruck zeigten bereits Wirkung. So habe es seit vergangenem Sommer in Gelsenkirchen keinen inszenierten Tumult mehr gegeben, der einem Clan zuzurechnen sei.

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Quelle: n-tv.de, mau/AFP/dpa

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