Politik

"Was ist aus Russland geworden?" Nemzow-Mord erschüttert Moskau

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Niemand kann sich mehr sicher fühlen: Russlands früherer Ministerpräsident Michail Kasjanow am Tatort.

(Foto: picture alliance / dpa)

Todesschüsse auf offener Straße: Der Anschlag auf den bekannten Putin-Gegner Boris Nemzow versetzt das politische Russland in den Schockzustand. Freunde und Wegbegleiter des Oppositionellen äußern sich entsetzt und fassungslos.

Der Mord an dem prominenten Kremlkritiker und führenden Oppositionspolitikers Boris Nemzow hat das politische Klima in Russland schlagartig verdüstert. "Ich kann es nicht glauben. Was ist aus Russland geworden? Die Aggression wächst", sagte der frühere Regierungschef Michail Kasjanow im kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy.

Kasjanow sprach von einer "Tragödie". Andere Wegbegleiter von Nemzow sprachen mit zitternder Stimme von einem großen Verlust für liberal denkende Menschen im - gemessen an der Staatsfläche - größten Land der Erde. Der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow warnte vor einem "wachsenden Hass auf Andersdenkende" in der Gesellschaft.

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Eine neue Ära der Kälte: Die beiden Oppositionellen Ilja Jaschin (l.) und Xenia Sobtschak.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich bin schockiert", bekannte Ryschkow. Kein Oppositioneller könne sich heute in Russland noch sicher fühlen, betonte er. Auch Journalisten seien in Gefahr. In Russland war es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Drangsalierungen und vereinzelt auch Anschlägen auf Kritiker der Kremlpolitik gekommen.

Der Mord an Boris Nemzow erinnert Beobachter an frühere Fälle, in denen kritische Stimmen gewaltsam zum Schweigen gebracht worden waren und die Aufklärungsbemühungen anschließend entweder im Sande verliefen oder - auf russischer Seite - gar nicht erst in Gang kamen.

Erinnerungen an Anna Politkowskaja

Zu den prominentesten Opfern zählen zum Beispiel Alexander Litwinenko, der im Herbst 2006 in London einer mysteriösen Vergiftung mit der radioaktiven Substanz Polonium-210 erlegen war, und auch die Journalistin Anna Politkowskaja, die einen Monat vor dem Giftmord an Litwinenko im Treppenhaus ihrer Wohnung in Moskau erschossen worden war. Litwinenko hatte noch vom Krankenhausbett aus Präsident Wladimir Putin persönlich für seinen Tod verantwortlich gemacht.

In der russischen Öffentlichkeit genießt Putin derzeit trotz großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten und außenpolitischer Spannungen großen Rückhalt. Beobachter weisen in diesem Zusammenhang regelmäßig daraufhin, dass die Masse der russischen Medienlandschaft unter staatlicher Kontrolle steht oder angesichts drohender Konsequenzen freiwillig auf kritische Berichte verzichtet. Umfragen zufolge unterstützt die überwiegende Mehrheit der Russen den Kurs des Präsidenten.

Angst vor einem "Maidan" in Moskau?

Nemzow hingegen hatte Putins Politik als zerstörerisch für das Land gebrandmarkt. Der frühere Vizeregierungschef war ein prominenter Befürworter der prowestlichen Proteste in der Ukraine im vergangenen Jahr auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Er hatte die Hoffnung geäußert, dass der Funken der Revolution überspringt auf Russland. Aus offenkundiger Sorge, dass in Russland ähnliche prowestliche Forderungen aufkommen könnten, hatten Putin-Anhänger zuletzt die Bewegung "Anti-Maidan" gegründet.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP

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