Politik

Angriff auf Synagoge gefilmt Neonazi aus Sachsen-Anhalt festgenommen

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Die Polizei geht inzwischen von einem Einzeltäter aus.

Die jüdische Gemeinde in Halle entgeht um Haaresbreite einer Katastrophe: Ein bewaffneter Amokschütze scheitert an der Sicherheitstür. Ähnlich wie der Attentäter von Christchurch filmt der 27-jährige Deutsche seine Tat mit einer Helmkamera. Auf dem Clip sind antisemitische Flüche zu hören.

Bei Angriffen mitten in Halle/Saale sind vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und zwei weitere verletzt worden. Die jüdische Gemeinde entging unmittelbar vorher einer Katastrophe. Ein Täter mit Stahlhelm und Stiefeln versuchte am Mittag die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen, scheiterte jedoch. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer "Amoklage". Die Polizei bestätigte am Abend die Festnahme des mutmaßlichen Schützen.

Laut Sicherheitskreisen handelte es sich bei dem Festgenommenen um einen 27-jährigen Deutschen aus Sachsen-Anhalt. Außerdem lag den Ermittlern ein Video vor, das der Angreifer offenbar mit einer Helmkamera aufnahm. Die Aufnahmen deuten auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. In dem Clip soll der Täter mehrmals über "Juden" und "Kanacken" schimpfen, berichtete der "Spiegel". Das Video erinnerte die Ermittler an den Anschlag von Christchurch in Neuseeland. Auch hier hatte der Täter seinen Anschlag auf eine Moschee gefilmt und live über Facebook gestreamt.

Livestream zeigt Angriff auf die Synagoge und die beiden Morde

In dem Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt der Mitschnitt, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera. Zu Beginn des Videos ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter in Kampfanzug mit Waffen in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in schlechtem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich.

Zu sehen ist ein junger Mann mit kahlem Schädel in Kampfmontur. Er trägt ein weißes Halstuch. Ein solches Halstuch trug auch der vermummte Täter, der auf Aufnahmen von den Tatorten zu sehen ist. Das Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Eine Version des Videos war auf der Streaming-Plattform Twitch zu sehen, wurde dort allerdings gleich wieder gelöscht.

Die Aufnahmen zeigen, wie der Filmende vergeblich versucht, in die Synagoge an der Humboldtstraße zu gelangen. Die Tür bleibt allerdings verschlossen. Daraufhin schießt der Täter auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken, die ihn zuvor angesprochen hatte. Die Frau bleibt leblos neben dem Fahrzeug des Täters liegen. Es ist auch zu sehen, wie der Mann in Kampfmontur auf der Straße auf einen Mann zielt, seine Waffe hat aber wohl Ladehemmung. Das Opfer, vermutlich ein Kurierfahrer, kann unverletzt entkommen. "Pech", sagt die Stimme des Filmenden.

Der mutmaßliche Täter fährt danach mit einem Auto durch die Stadt. Er sagt immer wieder auf Englisch, dass er ein "Loser" (Verlierer) sei. Bei einem Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße ("Kiez-Döner") steigt der Mann aus, geht in den Laden und schießt mehrfach auf ein Opfer. Anschließend schießt der Mann - so zeigt es das Video - auf eine Polizeistreife, die sich ihm in den Weg stellt. Der Mann berichtet an seine mutmaßlichen Livestream-Zuschauer, dass er am Hals angeschossen worden sei.

Derselbe Schütze auch in Landsberg?

Auch für die Schüsse von Landsberg liefert das Video laut "Bild"-Zeitung möglicherweise eine Erklärung. Zu sehen sei dort, wie der Angreifer in einer Werkstatt ein weiteres Fluchtauto leihen wollte. Als er keins bekam, eröffnete er das Feuer auf einen Elektriker. Der Mann wurde verletzt, schwebe aber nicht in Lebensgefahr.  Der Flüchtende griff sich ein Taxi, das in der Nähe stand, und fuhr damit davon.

Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Fotos und Videos, die von Medien veröffentlicht wurden, zeigten aber nur einen maskierten Schützen. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei die Festnahme einer Person. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Abend, es deute nun doch alles auf einen Einzeltäter hin.

Generalbundesanwalt ermittelt

Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich - wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar, sagte ein Sprecher in Karlsruhe. Die Stadt rief die Menschen am frühen Nachmittag überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben. Erst am Abend gegen 18.15 Uhr gab es Entwarnung. "Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei. Die Gefährdungslage werde nicht mehr als akut eingestuft.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung". "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitsmus bestätigte nach einem Telefonat mit Privorotzki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Unter den in der Synagoge verschanzten Menschen waren auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

Bestürzte Reaktionen aus dem Ausland

Bundesinnenminister Horst Seehofer geht davon aus, dass die Tat von Halle einen rechtsextremistischen Hintergrund hat. Nach Einschätzung des Generalbundesanwalts "gibt es ausreichende Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund", erklärte der CSU-Politiker in Berlin.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer", sagte er. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen."

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", teilte ein UN-Sprecher in New York mit. 

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Quelle: n-tv.de, mau/dpa

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